[...] Aus dem eigenen Land vertrieben, wurde [Heinrich Mann] zu einem der bedeutendsten Repräsentanten des Exils, wortgewaltig, lautstark und mit einem unermüdlichen publizistischen Einsatz für seine politischen Überzeugungen, mit denen er sich vehement gegen das NS-Regime wandte. Spätestens jetzt war aus dem literarischen Autor, dem Romancier ein politischer Publizist und Aktivist geworden, ein Intellektueller, der sich in das Getümmel der politischen Auseinandersetzung geworfen hatte und sich dabei entschieden als Linker, als Parteigänger der Arbeiterbewegung positionierte. [...] Im Kampf gegen den Faschismus gescheitert zu sein, teilt Heinrich Mann mit vielen andern. Das aber, so auch Klein, kann nicht das Maß sein, an dem Heinrich Manns Engagement und Manns Publikationen der Jahre 1936 und 1937 beurteilt werden. Seine Texte wenigstens können zugleich daraufhin gesichtet werden, so Klein, wie in ihnen „Sittlichkeit und Vernunft“ auch unter schwierigen Bedingungen aufrecht gehalten worden und welchen Gefährdungen sie ausgesetzt gewesen seien. Dabei hilft nicht zuletzt der umfangreiche und detaillierte Kommentar, der eben nicht nur Publikationsorte und Textvarianten verzeichnet, sondern eine unerhört große Menge an Dokumenten und Zeugnissen präsentiert, mit denen die Texte Manns erschlossen und kontextualisiert werden können.
Sieben der geplanten zehn Bände der Kritischen Ausgabe der Essays und Texte Heinrich Manns sind bislang erschienen, was eine ungeheure Strecke ist, die die Herausgeber/innen und Bandbearbeiter/innen in diesem Projekt seit 2010 abgegangen sind. Geplant sind noch zwei weitere Bände, die die Jahre bis 1950 umfassen. Ein zehnter Band mit Ergänzungen, Korrekturen und einem Gesamtregister soll das Projekt dann abschließen.
Walter Delabar in „literaturkritik.de“ (März 2021)
Zur vollständigen Rezension: http://literaturkritik.de/public/druckfassung_rez.php?rez_id=27710
[...] Band 7 mit den Arbeiten der Jahre 1936 und 1937, ediert von Wolfgang Klein, bringt allein 166 damals veröffentlichte Texte, gedruckt in den Zeitschriften »La Dépêche de Toulouse«, »Die neue Weltbühne«, in Klaus Manns »Sammlung« und anderen Exilblättern, aber auch auf Flugblättern und in Tarnschriften, dazu fünf unveröffentlichte Arbeiten und viele Erklärungen, die er mitunterzeichnet hat. [...] »Die Jahre 1936 und 1937 bildeten nicht nur den Höhepunkt des politischen Engagements des Intellektuellen Heinrich Mann«, schreibt Herausgeber Wolfgang Klein. »Sie waren bereits der Zeitraum seines Scheiterns, in das er sich jedoch nicht ergab.« Die Sätze stehen im Kommentarband, der mit seinen 650 Seiten den Umfang des Textbandes deutlich übertrifft und mit einer unglaublichen Fülle an Informationen, biografischen und historischen Details, Dokumenten, Bezügen und Zusammenhängen immer wieder verblüfft. Klein, der sich auf Vorarbeiten Werner Herdens stützen konnte, liefert nicht nur die unbedingt notwendigen Erläuterungen zu den Heinrich-Mann-Texten, sondern bietet ein kompaktes, in dieser Dichte, diesem Faktenreichtum einmaliges Bild des Autors, seiner Lebensumstände in den beiden Jahren, seiner Einnahmen und finanziellen Verpflichtungen, der Reisen und Funktionen, der Zeitungen und Zeitschriften, für die er schrieb, der Beziehungen zu Willi Münzenberg, Rudolf Breitscheid, Walter Ulbricht, Johannes R. Becher und anderen, natürlich auch zu Frankreich, dessen Sprache und Literaten er seit jeher liebte.
Klaus Bellin in „Neues Deutschland“ (16.08.2021)
[…] Heinrich Mann hat nie mehr als in den Jahren 1936 und 1937 an Pressebeiträgen, an Grußbotschaften zu Kundgebungen und Organisationen, an Flugblättern und Tarnschriften veröffentlicht, hat nie so viel in so kurzen zeitlichen Abständen publiziert; und nie zuvor waren seine Äußerungen von so großer politischer und sozialer Aktualität. […] [Der Herausgeber] hat erstklassige Arbeit geleistet. Keinem anderen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ist mehr editorische Sorgfalt zuteil geworden; selbst die auch gründlich gearbeitete Brecht-Ausgabe wirkt fragmentarisch, was die Erläuterungen angeht, und die Große kommentierte Frankfurter Ausgabe der Werke und Briefe Thomas Manns kommt auch nicht entfernt an gegen die minutiöse Kommentierung der Heinrich Mann‘schen Texte, in die soviel Zeitgeschichtliches hineingekommen ist, dass man allein die Erläuterungen quasi als Geschichtsdarstellung der Jahre 1936 und 1937 in Abbreviaturen lesen könnte. Aber auch die Biographie Heinrich Manns ist so sorgfältig wie ausführlich eingearbeitet. Die beiden Bände sind eine editorische Glanzleistung, die neue Maßstäbe setzt. […]
Helmut Koopmann in „Heinrich-Mann-Jahrbuch 2021“
[...] Auch der siebte Band der Gesamtausgabe besticht editorisch durch seine hohe Qualität. Die Texte sind mit großer Kennerschaft zusammengetragen, in ihrer Entstehung und Überlieferung detailliert erfasst und sachkundig in einer beeindruckenden Vielfalt erschlossen. [...]
Bernd Sösemann in „Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte“ (24/2022)
[...] [D]er Kommentar, der den Textteil an Umfang deutlich übertrifft, [ist] eine unerschöpfliche Fundgrube historischer, publizistischer und biographischer Details. Er benennt für jeden Text die Druckvorlage, bietet eine Entstehungs- und Textgeschichte, listet die zeitgenössischen Überlieferungsträger und Übersetzungen auf, stellt deren Varianten dar und bietet einen eingehenden Stellenkommentar. Mit bewundernswerter Akribie hat Klein alle möglichen Archive ausgewertet, um Entstehungskontext und Publikationsgeschichte noch des unscheinbarsten Aufrufs aus der Feder Heinrich Manns zu rekonstruieren. [...] Vor allem in den Kommentaren zu solchen Texten, die im Umkreis der Volksfrontbewegung entstanden sind, gehen seine Ausführungen über den bisherigen Stand der Forschung weit hinaus und wachsen sich zu eigenständigen historischen Aufsätzen aus. [...]
Moritz Strohschneider in „arbitrium“ (2024; 42/1)