Die Edition des Briefwechsels zwischen Heinrich Böll und Jenny Aloni, der [...] von Hartmut Steinecke, dem Leiter des Paderborner Aloni-Archivs, herausgegeben worden ist, wendet sich zwar in erster Linie an Leser, die an der deutschschreibenden israelitischen Schriftstellerin interessiert sind, verdient aber ein weiter reichende Aufmerksamkeit. Die Briefe lassen nämlich zwei Lebenslinien sichtbar werden, deren gegenläufige Muster manche Diskussionen vor allem während der 1960er und 70er Jahre in Westdeutschland bestimmt haben. In ihren Briefen begegnen sich zwei Vertreter jener Generation, deren politische und kulturelle Sozialisation am Ende der Weimarer Republik und während der 30er Jahre stattgefunden hat, die also zu jung gewesen sind, um die Ereignisse im ‘Dritten Reich’ grundsätzlich zu bestimmen, aber alt genug, um mehr oder weniger freiwillig Lebensentscheidungen zu treffen (falls sie überhaupt dazu gekommen sind). Ihre Lebenswege begannen am Ende des Ersten Weltkriegs – scheinbar – ähnlich, liefen zunächst schleichend, dann dramatisch auseinander, traten in einen polaren Gegensatz zueinander, bis sie sich schließlich (wenn es gut ging) über die Kluft hinweg, die zwischen ihnen aufgerissen war, in freundschaftlichem Verstehen annäherten. [...]
Uwe K. Ketelsen in „Zeitschrift für Genozidforschung“ (1-2, 2014)