[E-Book] Brambora, Johannes: Von Hungerlöhnern, Fabriktyrannen und dem Ideal ihrer Versöhnung
Artikel-Nr.: 978-3-8498-1390-1In der heute kanonisierten Literatur der Mitte des 19. Jahrhunderts spielt die Industrielle Revolution keine grosse Rolle. Sie spart die Fabriken und die mit ihnen verbundenen sozialen Konflikte und Kämpfe aus, die Autoren wie z. B. Fontane für ‚nicht poesiefähig‘ erklären. Gleichwohl: Konkurrenzlos ist dieser Standpunkt nicht. Die auch zu dieser Zeit erscheinenden sozialen Romane widmen sich gerade den Schattenseiten und Folgekosten der Industrialisierung, verlieren dabei aber das Ziel der Versöhnung der sozialen Gegensätze, die Suche nach Möglichkeiten von deren Integration in ein grösseres gesellschaftliches Ganzes, nie aus dem Auge. Den ästhetischen und inhaltlichen Modi der Konzeption dieses ‚Ganzen‘ geht die vorliegende Arbeit nach.
Johannes Brambora
Von Hungerlöhnern, Fabriktyrannen und dem Ideal ihrer Versöhnung
Der Beitrag des populären Romans zur Entstehung eines sozialen Erklärungsmusters ökonomischer Gegensätze der Industrialisierung. 1845-1862
Vormärz-Studien XLIII
2020 [als Print-Ausgabe: 2020: ISBN 978-3-8498-1389-5]
ISBN 978-3-8498-1390-1
336 Seiten
E-Book (PDF-Datei), 2,5 MB
- 1 Einleitung
- 1.1 Die sozialwissenschaftliche Debatte und ihre Beziehung zum sozialen Roman
- 1.2 Forschungsüberblick
- 1.3 Methodische Bemerkungen
- 2 „Es gibt bei uns keine Leibeigenen mehr […]! Das Volk ist frei […], es kann sich jetzt beliebig in vollkommenster Freiheit ertränken, erhängen, erschiessen oder freiwillig verhungern.“ Ernst Willkomms Weisse Sclaven oder Die Leiden des Volkes (1845)
- 2.1 Die ökonomischen Gegensätze in der Fabrik und das Ideal ihrer Vereinbarkeit
- 2.1.1 Die Lebens und Arbeitsbedingungen der Fabrikarbeiter
- 2.1.2 Die Gründe für diese Verhältnisse
- 2.1.3 Die Möglichkeit der Vereinbarkeit von Lohn und Geschäft
- 2.2 Die Arbeiter als Kraft zur Herstellung der Gemeinschaft
- 2.2.1 Die Zerstörung der überkommenen Moral
- 2.2.2 Die Unmöglichkeit der Gegen wehr
- 2.2.3 Die drohende Zerstörung der Gesellschaft
- 2.3 Die Überwindung der Gegensätze in der familiären Gemeinschaft
- 2.3.1 Die Figur des Maulwurffängers und die Entdeckung der Verwandtschaftsbeziehungen
- 2.3.2 Die Mithilfe der Arbeiter und ihr Dilemma
- 2.3.3 Der Widerstand des Fabrikherrn
- 2.3.4 Die Versöhnung
- 2.3.5 Die neue Fabrikordnung sichert den Lebensunterhalt der Arbeiter und den Herren ihre unerschütterliche Zuneigung
- 2.4 Fazit
- 3 „Oh, mein Gott, und das sind auch Menschen, wie wir!“ Louise Otto-Peters’ Schloss und Fabrik (1846)
- 3.1 Menschliche Gesinnung als Voraussetzung der Hilfe
- 3.1.1 Im Internat
- 3.1.2 … und in der Fabrik
- 3.2 Die Aporien der tätigen Nächstenliebe
- 3.2.1 Die Diagnose der Verrohung der Arbeiter
- 3.2.2 … und das Gegenprogramm: Respekt und Erziehung
- 3.2.3 Zeitgenössische Vorbilder
- 3.3 Der Staat – ein Bundesgenosse im Bestreben um die Versöhnung der Klassen?
- 3.3.1 Hoffnungen und Befürchtungen auf Seiten der Arbeiter
- 3.3.2 Umtriebe des Spitzels
- 3.3.3 Staatshandeln im Widerspruch mit sich selbst
- 3.4.Ein gewaltsamer Umsturz zur Herbeiführung universeller Harmonie? Kommunismus als Versuchung
- 3.4.1 Die Bruchstücke ‘ kommunistischer Theorie
- 3.4.2 … und ihre Kritik im Roman
- 3.5 Der Aufstand: Beleg für das Scheitern der repressiven wie der kommunistischen Lösung der sozialen Frage
- 3.5.1 Die Katastrophe des Aufstands
- 3.5.2 Argumente für die Realisierbarkeit des Reformprogramms
- 3.5.3 Die Statthalter der Versöhnung
- 3.6 Fazit
- 4 „Wir alle bilden insgesammt ein Volk. Ich kenne kein Proletariat und keine Bourgeoisie“. Max Rings Berlin und Breslau von 1849
- 4.1 Die Gegensätze am Vorabend der Revolution
- 4.1.1 Das Elend des vierten Standes
- 4.1.2 Der vierte Stand in seinem Gegensatz zur herrschenden Elite
- 4.1.3 Der vierte Stand in seinem Gegensatz zum dritten
- 4.2 Die Einheit in den und trotz der Gegensätze(n)
- 4.2.1 Adelige Vorurteile provozieren eine aufgeregte Masse
- 4.2.2 Eitelkeiten verderben das demokratie unerfahrene Volk
- 4.2.3 Der freie Staat
- 4.3 Der Kampf um die Erringung des Bewusstseins einer Gemeinschaft und sein Erfolg
- 4.3.1 Die Gräfin Wanda von Selz
- 4.3.2 Der Demokrat Dr. Dörner
- 4.3.3 Der Maschinenbauer Rolf
- 4.3.4 Die reale Gemeinschaft im Bildungsinstitut
- 4.4 Fazit
- 5 „Ihr habt euch verkauft an den Teufel der Maschinen“. Robert Prutz’ Das Engelchen (1851)
- 5.1 Alte und neue Armut
- 5.1.1 Sabbath
- 5.1.2 … und Hexensabbath
- 5.1.3 Begründungen der Differenz zwischen alter und neuer Armut
- 5.2 Die kritische Stellung des Romans zum Diskurs der sozialen Frage
- 5.2.1 Die soziale Frage im Roman Roman
- 5.2.2 Der Staat stiftet Ruhe und Ordnung
- 5.2.3 Private Wohltätigkeit für die Sittlichkeit der Armen
- 5.3 Der Ursprung der Fabrikarbeit im Bösen und die Inszenierung seines Untergangs
- 5.3.1 Die relative Schuld der Fabrikarbeiter
- 5.3.2 Der Teufel der Maschinen
- 5.3.3 Der Untergang des Bösen und die Restauration der anständigen Armut
- 5.4 Fazit
- 6 „Wie soll da der Ehrliche dem Schurken gegenüber Stand halten?! Ueberall ist man von Elenden umgeben!“ Adolf Schirmers Fabrikanten und Arbeiter oder: Der Weg zum Irrenhause (1862)
- 6.1 Der Zusammenhang von Anstand und Erfolg
- 6.1.1 Der unsittliche Lebenswandel des Seidenfabrikanten
- 6.1.2 … als Grund seines geschäftlichen Niedergangs
- 6.1.3 … sowie der Notlage der Arbeiter
- 6.1.4 Die Tugend der Arbeiter
- 6.2 Der Erfolg des verantwortungslosen Fabrikherrn
- 6.2.1 Stahl als Virtuose der Täuschung
- 6.2.2 Die Masken des Anstands
- 6.2.3 Ehrlichkeit als Summe aller Tugenden
- 6.3 Das Scheitern des Emporkömmlings
- 6.3.1 Die Egoisten werden zu Opfern ihrer eigenen Intrigen
- 6.3.2 Der Erfolg des Geschäfts als entscheidende Bedingung des erfolgreichen Anstands
- 6.4 Fazit
- 7 Schluss
- 7.1 Soziale Romane im Vergleich
- 7.1.1 Gemeinschaftsvorstellungen im sozialen Roman
- 7.1.2 Die Realisierbarkeit der Gemeinschaftsvorstellungen
- 7.2 Die Reflexion sozialwissenschaftlicher Debatten im sozialen Roman
- 7.3 Ausblick
- 8 Bibliographie
- 8.1 Primärquellen
- 8.2 Sekundärquellen
Johannes Brambora studierte Germanistische Literaturwissenschaft und Philosophie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Im Jahr 2019 wurde er mit der vorliegenden Arbeit promoviert, die im Rahmen des Promotionsstudiengangs Sprache – Literatur – Gesellschaft entstand. Er arbeitet als Lehrer in Leipzig.
Leseprobe: lp-9783849813895.pdf
Die vorliegende Studie zum sozialen Roman in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschäftigt sich eingehend mit einer Gattung, die bisher nur spärlich literaturwissenschaftlich erfasst worden ist. Der soziale Roman ist eine Variante des Unterhaltungsromans, der sich seit den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts grosser Beliebtheit bei der Leserschaft erfreute, wie literarische Journale und Leihlisten von Bibliotheken aus dieser Zeit belegen. Im Gegensatz zur anglistischen Literaturwissenschaft, wo der soziale Roman von Schriftstellern wie Charles Dickens oder Elizabeth Gaskell schon lange Thema akademischen Diskurses ist, wird die Mehrheit der Unterhaltungsliteratur dieser Zeit in der germanistischen Literaturwissenschaft eher stiefmütterlich behandelt.[...] Johannes Brambora legt in seiner Analyse dieser fünf Romane eindeutig dar, dass und vor allem wie der soziale Roman von den Autoren der damaligen Zeit als Raum genutzt wurde, um verschiedene Gemeinschaftskonzepte und Reformideen durchzuspielen und auf ihre Realisierbarkeit hin zu prüfen.
Daniela Richter in „literaturkritik.de“ (Juli 2020)
Zur vollständigen Rezension: https://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=26919
[...) die Studie (zeigt), wie sich auch auf einem gut bearbeiteten Feld wie dem sozialen Roman noch neue Erkenntnisse gewinnen lassen. Gerade in der Aufmerksamkeit für die Ränder des Sozialen weist die Vormärzliteratur hier einmal mehr auf die Avantgarde der Jahrhundertwende voraus.
Patrick Fortmann in „Germanistik“ (2019 - Band 60 - Heft 3-4)
[...] Im Gegensatz zu den häufig theorieüberfrachteten Studien dieser Art ist das Ganze auf eine wohlwollende Weise lesbar geschrieben. [...] Brambora [...] geht mit ideologiekritischer Perspektive höchst eindringlich auf die Frage ein, wie in diesen fünf Romanen die in ihnen stattfindende Konfrontation zwischen den kapitalistischen Fabrikherrn und den ausgebeuteten Arbeiter*innen dargestellt wird. [Bei] Bramboras Buch [steht] höchst konkret[e] Argumentationslogik im Vordergrund [wie] auch in den meisten bisherigen Bänden der Reihe „Vormärz-Studien“, in der dieser Band erschienen ist. [...]
Jost Hermand in „Monatshefte“ (2/2021)
Vormärz-Studien XLIII
