[E-Book] Große, Jürgen: Ernstfall Nietzsche
Artikel-Nr.: 978-3-8498-1461-8
Das Werk von Friedrich Nietzsche hat stets polarisiert. Im 20. Jahrhundert entsprachen die Hauptlinien der Nietzschedeutung meist dem Grabenverlauf des Kalten Krieges. Daran konnte auch die Nietzscherenaissance wenig ändern, die von der enttäuschten Linken Westeuropas her allmählich in den Ostblock eindrang. Im Gegenteil: Die Nietzschedebatte kurz vor dem Ende der DDR und der sogenannte deutsche Literaturstreit kurz danach bezeugten eindrucksvoll das Fortwirken liebgewordener Feindbilder. Die Literaturwissenschaftler Wolfgang Harich und Karl Heinz Bohrer agierten hüben und drüben jeweils als Strategen von Weltanschauungskämpfen, die in den beiden Debatten kulminierten, sie aber überdauern sollten. Der Pazifist und der Bellizist, der Nationalkommunist und der Transatlantiker, der Heinrich-Mann-Preisträger der Ulbricht- und jener der Merkel-Republik verkörpern dabei in verblüffenden Parallelen den Typus Gesinnungskrieger, dem Nietzsche zum Ernstfall werden muß.
| Daten |
Jürgen Große Ernstfall Nietzsche Debatten vor und nach 1989 AISTHESIS Essay Bd. 31 2019 [als Print-Ausgabe: 2010: ISBN 978-3-89528-771-8] ISBN 978-3-89528-771-8 148 Seiten E-Book (PDF-Datei), 1,5 MB |
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| Autoreninfo |
Jürgen Große (*1963), Dr. habil., lebt als freier Autor in Berlin. Jüngere Veröffentlichungen: Philosophie der Langeweile (2008), Nach dem Vergnügen. Kompendium zur bürgerlichen Passion (2009), Dekadenzen. Ein Stundenbuch (2010). |
| Lese-/Hörprobe |
Leseprobe: lp-9783895287718.pdf |
| Aus der Kritik |
[...] Nun braucht man Großes Thesen nicht zu teilen. [...] Dennoch kann die Lektüre sich lohnen und das in mehrerlei Hinsicht: Als Psychogramm eines der zuverlässig provozierendsten – und brillantesten – deutschen Intellektuellen unserer Zeit, Karl Heinz Bohrers, und eines Feuerkopfs der DDR, vielleicht ihres einzigen: Wolfgang Harich. Weiterhin als ,Epitaph in Prosa' für Harich, der fünfzehn Jahre nach seinem Tode beinahe vergessen ist. Schließlich als kompromisslose, manches Mal ätzende Darlegung des Habitus und der rhetorischen Techniken zweier Weltbeobachter mit scharftrichterlicher Ambition. Nicht zuletzt interessiert "Ernstfall Nietzsche" als mentalitätsgeschichtliche Abhandlung über Gesprächszusammenhänge, die zeitlich nah sein mögen, doch zwanzig Jahre nach dem Ende des sozialistischen Deutschlands seltsam entrückt erscheinen. [...] Große [...] bringt komplexe Zusammenhänge – intelligent unterkomplex, meisterlich simplifizierend – auf den Punkt, ganz wie es Nietzsche, Harich und Bohrer vermögen. [... Die Umschlagabbildung] zeigt Nietzsches Profil, janusköpfig verdoppelt: Der Meister blickt nach Ost und West, links und rechts, in die Vergangenheit und die Zukunft. Es bleibt zu hoffen, dass sich auch künftig Streit an Nietzsche entzündet. Dann wäre Große, wie er selbst wohl hofft, widerlegt: Der "letzte" und "Übermensch" – ein Monster aus Haltlosigkeit und Gewalt – muss nicht als letztes Wort der Geschichte gelten. |
| Reihe |
AISTHESIS Essay Bd. 31 |