Decock, Sofie: Papierfähnchen auf einer imaginären Weltkarte
Artikel-Nr.: 978-3-89528-794-7Gegenstand der vorliegenden Studie sind ausgewählte Texte der Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach (1908-1942), in denen sie ihre Erfahrungen im Orient und in Afrika thematisiert. Ausgehend vom Konzept der ‚imaginären Weltkarte‘ werden die Erscheinungsweisen und Funktionen mythischer Diskurse untersucht, auf die in der raumzeitlichen Gestaltung von Reisen zurückgegriffen wird. Aus dieser textorientierten Perspektive, die sich grundlegend von der lange vorherrschenden biografischen Lesart der Texte Schwarzenbachs unterscheidet, und durch die Berücksichtigung bisher unveröffentlichter bzw. unbeachteter Texte trägt diese Studie nachhaltig dazu bei, Forschungslücken zum reiseliterarischen Werk Annemarie Schwarzenbachs zu schließen.
Sofie Decock
Papierfähnchen auf einer imaginären Weltkarte
Mythische Topo- und Tempografien in den Asien- und Afrikaschriften Annemarie Schwarzenbachs
2010
ISBN 978-3-89528-794-7
333 Seiten
kartoniert
- Dank
- Siglen der Werke Annemarie Schwarzenbachs
- 1 Einleitung
- 1.1 Rezeptionskontext
- 1.2 Methode und Zielsetzung
- 1.2.1 Mythische Topo- und Tempografien
- 1.2.2 Apokalyptische und mystische Diskurse
- 1.2.2.1 Apokalypse
- 1.2.2.2 Mystik
- 1.2.3 Orientalismus und Afrikanismus: Westliche Diskurse zu Asien und Afrika
- 1.3 Textauswahl und Genrefragen
- 1.4 Fragestellung
- 1.5 Forschungsstand
- 2 „Hinter den Toren des großen Asien“. Mythische Topo- und Tempografien in den Asienschriften
- 2.1 „Dort begann eine andere Welt“: Das anatolische Hochland als Anfang Asiens
- 2.1.1 Die eurasische Grenze: Mythische Ost-West-Differenzen
- 2.1.1.1 Der Balkan: Zwischen abendlichem Europa und morgendlichem Asien
- 2.1.1.2 Istanbul am Bosporus: Das glänzende Schwert zwischen Osten und Westen
- 2.1.1.3 Passhöhe von Siana: apokalyptisch-mystische Schwelle in eine ‚andere Welt‘
- 2.1.2 Anatolien: Ekliptische Gefahr und Sintflut
- 2.1.2.1 Ekliptische Gefahr in Winter in Vorderasien
- 2.1.2.2 Der Berg und die Sintflut in „Der Ararat“
- 2.1.3 Asiatische Mittelmeerländer: Die ‚liebende Eroberung und Umarmung‘
- 2.1.3.1 Die syrische Wüste in Winter in Vorderasien: melancholische Einöde und ekliptische Traumlandschaft
- 2.1.3.2 Exkurs: Die Wüstenbeduinen als ‚Edle Wilde‘
- 2.1.3.3 Syrien: die kulturpolitische ‚liebende Umarmung bzw. Eroberung‘
- 2.1.3.4 Die libanesischen Hafenstädte Beirut und Byblos in Winter in Vorderasien
- 2.1.3.5 Syrien und Libanon in Das glückliche Tal: die mystische ‚liebende Eroberung und Umarmung‘
- 2.1.4 Der Irak: Mythische Geburt und mythischer Untergang
- 2.1.4.1 Der Irak im Vogelflug in Winter in Vorderasien
- 2.1.4.2 Der Irak im Zeitflug in Das glückliche Tal
- 2.1.4.3 Der Irak: Untergang in Winter in Vorderasien und Ende der Reise in Das glückliche Tal
- 2.2 Das „›Tor von Asien‹“: Das persische Hochland als Anfang Asiens
- 2.2.1 Persische Landschaft und Trauma in Das glückliche Tal
- 2.2.1.1 ‚Animistische‘ Landschaft als Landschaft der ‚Präsenz‘
- 2.2.1.2 ‚Erinnerungsblockade‘: Das Trauma der toten Freunde
- 2.2.1.3 Landschaftliche Klänge und Bilder als Stimmen und Zeichen der toten Freunde
- 2.2.2 Apokalyptische Topo- und Tempografie in Das glückliche Tal
- 2.2.2.1 Krise: Untergangsahnung und Hoffnung auf Gerechtigkeit und Gnade
- 2.2.2.2 Engel und Demawend
- 2.2.3 Raumzeitliche Dimensionen im Titel Die vierzig Säulen der Erinnerung
- 2.2.3.1 Die vierzig Säulen der Erinnerung als genitivus partitivus
- 2.2.3.2 Die vierzig Säulen der Erinnerung als genitivus explicativus
- 2.2.3.3 Die Salzsäule Persien: Ein Ende
- 2.3 „Anfang Asiens“: Die zentralasiatische Steppe als Anfang Asiens
- 2.3.1 Mythischer Prüfungsweg von Persien nach Afghanistan
- 2.3.1.1 Das unasiatische Tropenland der Kaspischen Senke: Teufelsland
- 2.3.1.2 Die Turkmenensteppe: Einsamkeit und Tod
- 2.3.1.3 Iranisch-afghanische Grenze: zwischen Untergang und Friedensversprechen
- 2.3.2 Paradiesische Stunden in Afghanistan
- 2.3.2.1 Die ‚Straße des Nordens‘ in Afghanisch-Turkestan: Eine paradiesische Hölle
- 2.3.2.2 Der Hindukusch: die kulturpolitische und mystische ‚liebende Eroberung und Umarmung‘
- 2.3.2.3 Der Khyber-Pass als apokalyptisch-mystische Schwelle
- 3 Im „innersten Afrika“. Mythische Topo- und Tempografien in den Afrikaschriften
- 3.1 Afrikanische äußere Landschaft: Pioniermythos
- 3.2 Afrikanische verinnerlichte bzw. innere Landschaft: mystische, apokalyptische und afrikanistische Diskurse
- 3.2.1 Aktualisierung der Sprachkrise der Jahrhundertwende
- 3.2.2 Aktualisierung der romantischen Tradition der poetischen Mystik
- 3.2.3 Apokalyptische dualistische Struktur auf Bild- und Klangebene
- 3.2.4 Die verinnerlichten Landschaften Dschungel und Gebirge
- 3.2.4.1 Die nächtliche Wildnis als Paradiesschwelle
- 3.2.4.2 Reise ins Innere zum Paradies der Mondberge und Savannen
- 3.2.4.3 Mystisch-apokalyptische Topo- und Tempografie des Offenbarungsortes
- Konklusion
- Bibliografie
Sofie Decock ist Research Fellow der Belgian American Educational Foundation am German Department der Georgetown University. Ab Januar 2011 ist sie als Postdoktorandin des Besonderen Forschungsfonds an der Universität Gent tätig. Sie war Bundesstipendiatin an der Universität Basel (2004-2005) und Doktorandin beim Fonds für Wissenschaftliche Forschung Flandern an der Universität Gent (2005-2009). Aus ihrem Dissertationsprojekt zur Reiseliteratur Annemarie Schwarzenbachs sind der Kongress und Sammelband inside out. Textorientierte Erkundungen des Werks von Annemarie Schwarzenbach (Hg. mit Uta Schaffers, Aisthesis Verlag 2008), mehrere Konferenzbeiträge und Artikel sowie die vorliegende Studie hervorgegangen.
Leseprobe: 9783895287947.pdf
[...] Decocks ganz besonderes Verdienst liegt meines Erachtens darin, dass sie „erstmals die späten Afrikatexte für eine Bewertung der Entwicklung“ von Schwarzenbachs reiseliterarischem Schreiben (310) in ihre Untersuchung einbezogen hat und zu überraschenden Erkenntnissen kommt: In Schwarzenbachs Spätwerk zeigt sich eine rückwärtsgewandte Tendenz, die darin besteht, idealtypische mythisch-narrative Muster des Heimkehrens und koloniale Akte der Kulturgründung zu bestätigen sowie das Patriarchale erneut zur Norm zu erheben (310f.). Sofie Decock – die sich bereits in zahlreichen Artikeln und der Herausgabe des Tagungsbandes „inside out“ (2008 zusammen mit Uta Schaffers) Schwarzenbach gewidmet hat – konnte ihren hohen Anspruch […], neue Wege“ zu Annemarie Schwarzenbach [zu] erkunde[n]“ (15) – zweifellos erfüllen. Außerdem hat sie gezeigt, zu welch erstaunlichen Ergebnissen man gelangt, wenn auch die Afrikatexte Schwarzenbachs in die Untersuchung miteinbezogen werden, die eine bisher unbeachtete Facette des Werkes der Autorin zeigen. Man kann hoffen, dass dieser sehr gelungene Ansatz aufgegriffen und zukünftig mehr zu den Afrikaschriften Schwarzenbachs geforscht wird – wobei natürlich das Verfügbarmachen der entsprechenden Texte durch Neu- und Erstveröffentlichungen Voraussetzung wäre.
Kira Schmidt in „Acta Germanica. German Studies in Africa“ (2010)
[...] „Papierfähnchen“ demonstrates Decock's expertise on the intertextuality in Schwarzenbach's writing as well as on Schwarzenbach scholarship. [...] Any scholar working on Schwarzenbach, or interested in a comtopographically will benefit by reading Decock's study, the details of which cover an expansive breath and depth of Schwarzenbach's oeuvre.
Beth Muellner in „German Quarterly Book Reviews“ (Fall 2011)
[…] Die Decodierung von mythischen und symbolischen Chiffren in Schwarzenbergs Reiseschriften wird von der Verfasserin akribisch durchgeführt. […] Dank der radikalen Fokussierung auf die Texte Schwarzenbergs öffnet die vorliegende Studie der Forschung neue Wege.
Nadia Centorbi in „Germanistik“ (2011, Heft 1-2)
[…] Die Werke der Schweizer Journalistin, Fotografin und Reiseautorin, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zahlreiche Fahrten nach Vorderasien, Indien und Afrika und den sogenannten Orient unternahm, sind erst vor etwa zwanzig Jahren neu entdeckt und vor ca. zehn Jahren wissenschaftlich untersucht worden, u.a. von Alfred Opitz und Walter Fähnders. Decocks umfangreiche Publikation stellt einen neuen Beitrag in dieser Reihe dar. […] Lobend ist zu erwähnen, dass Decock in den autobiographischen Texten zwischen der schreibenden Ich-Figur und Schwarzenbach als historisch Reisender unterscheidet; ein Aspekt, der häufig in der Reiseliteraturforschung unbeachtet bleibt. Diese Arbeit hat durch genaues Lesen und sorgfältige Forschung umfangreiche Substanz erhalten. Decock hat durch ihre genaue Interpretation nicht nur ungemein viele Bedeutungen den Texten Schwarzenbachs entnommen, sondern auch durch das Hinzuziehen vieler Quellen zur Textanalyse beigetragen. Sie hat mit den Konzepten der Topo- und Tempografien in Schwarzenbachs nicht leicht zugänglichen Texten einen neuen methodischen Ansatz aufgezeigt. […]
Ulrike Brisson in „Women in German“ (Summer 2012)
