Riedel, Christian: Peter Kurzecks Erzählkosmos
Artikel-Nr.: 978-3-8498-1162-4Über Peter Kurzeck (1943-2013) wurde vielfach geschrieben, seine Werke seien abseits literarischer Strömungen entstanden und zeichneten sich kaum durch Traditionsbezüge aus. Christian Riedel widerlegt diese Sicht.
Ohne Zweifel ist Kurzecks Werk unverwechselbar – dennoch lässt es sich in ganz konkrete Zusammenhänge stellen. Riedels Arbeit zeigt, dass eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Tradition der Idylle Kurzecks Gesamtwerk durchzieht, die im Roman »Vorabend« ihren Höhepunkt findet. Weiterhin lässt sich eine enge Anbindung von Kurzecks Schreiben an Postulate, Denkfiguren und poetologische Vorstellungen der Romantik, insbesondere der Jenaer Frühromantik, belegen. Schließlich erweist sich der Blues als wichtiger Impulsgeber in Hinblick auf etliche Motive des »Alten Jahrhunderts«.
Idylle, Romantik und Blues zeichnen sich gleichermaßen durch das Bejahen von Wiederholung und Modulation, Zyklik und Serialität aus. In ihrem Zusammenwirken sind sie dazu geeignet, Kurzecks Schreiben präzise zu charakterisieren.
Christian Riedel
Peter Kurzecks Erzählkosmos
Idylle - Romantik - Blues
Philologie und Kulturgeschichte Band 3
2016
ISBN 978-3-8498-1162-4
339 Seiten
kartoniert
- 1. Einleitung
- 1.1 Kapitelübersicht
- 1.2 Werkgenese, Feuilleton-Rezeption, Forschungsstand
- 1.2.1 Werkgenese
- 1.2.2 Feuilleton-Rezeption
- 1.2.2.1 Der Nußbaum gegenüber vom Laden in dem du dein Brot kaufst (1979) und Das schwarze Buch (1982)
- 1.2.2.2 Kein Frühling (1987), Keiner stirbt (1990) und Mein Bahnhofsviertel (1991)
- 1.2.2.3 Übers Eis (1997), Als Gast (2003), Ein Kirschkern im März (2004)
- 1.2.2.4 Das Bewusstsein für ein vielbändiges Hauptwerk entsteht
- 1.2.2.5 Oktober und wer wir selbst sind (2007), Akustische Werke (ab 2007), Vorabend (2011)
- 1.2.3 Forschungsstand
- 1.2.3.1 Bis 1993
- 1.2.3.2 Erste Forschungspositionen (bis 1997)
- 1.2.3.3 Eine erste Monografie (2003)
- 1.2.3.4 Erste Positionen zu Das alte Jahrhundert (bis 2010)
- 1.2.3.5 Weitere Monografien und ein Sammelband (2013)
- 1.3 Zusammenhang des Gesamtwerks, Autobiografik der Texte
- 2. Peter Kurzecks Texte als Idyllen
- 2.1 Gattungsmerkmale der Idylle, Eigenschaften des Idyllischen
- 2.2 Der locus amoenus
- 2.2.1 Veränderungen des locus amoenus – Salomon Geßner und Jean Paul
- 2.3 Idylle zwischen Wirklichkeitsnachahmung und Artifizialiät, Binnenraum und Außenwelt
- 2.4 Vorabend
- 2.4.1 Der Weg zum idyllischen Binnenraum als topografischer Weg: Frankfurt Bockenheim – Frankfurt Eschersheim
- 2.4.2 Temporaler Rückweg in die Kindheit – Eine zurückgespulte Filmrolle
- 2.4.3 Kippbilder – Chiffren des Verschwindens am Weg
- 2.4.4 Jürgen und Pascale
- 2.4.5 Idyllenraum Kirchhainer Straße 50
- 2.4.5.1 Eingegrenzter Binnenraum, (mit)gedachte Außenwelt
- 2.4.5.2 Die ästhetisch typisierte Szenerie eines Ein-Raumes
- 2.5 Weitere Idyllenmotive in Kurzecks Werk
- 2.6 Eine literaturgeschichtliche Verbindungslinie – Wilhelm Raabes Pfisters Mühle
- 3. Peter Kurzeck und die Literatur der Romantik
- 3.1 Direkte intertextuelle Referenzen auf die Romantik
- 3.1.1 E. T. A. Hoffmanns Der Sandmann – Assoziative intertextuelle Referenzen
- 3.1.2 Weitere direkte Verweise auf die Romantik
- 3.1.3 Bilanz der direkten intertextuellen Referenzen auf die Romantik
- 3.2 Phasen der Romantik – Auf Kurzecks Schreiben beziehbare Aspekte der Romantik
- 3.3 Romantische Leitgedanken und Denkbilder
- 3.3.1 Entgrenzungen in der Frühromantik
- 3.3.2 Frühromantische Entgrenzungen bei Kurzeck
- 3.3.3 Zwischen utopischem Ideal und defizitärer Realität
- 3.3.3.1 Ein Gedicht Wolfgang Hilbigs als Hintergrundfolie einer Vorabend-Passage
- 3.3.4 Romantisierung und Poetisierung des Lebens und des Alltäglichen
- 3.3.5 Triadische Muster, Goldenes Zeitalter, menschliche Lebensphasen
- 3.3.6 Erste triadische Phase: Kindheit
- 3.3.6.1 Bilder einer harmonisch-urvertrauten Kindheitswelt
- 3.3.6.2 Sechs idealtypische Merkmale der Kindheitswelt
- 3.3.7 Zweite triadische Phase: Erwachsenenjahre
- 3.3.8 Dritte triadische Phase: Heimkehr
- 3.3.8.1 Religiöse Motive im Werk
- 3.3.8.2 Zwei Heimwege
- 3.3.8.3 Lesebewegungen
- 3.3.8.4 Schreibbewegungen
- 3.3.8.5 „War das heute Abend, oder ist es aus einem Buch?“
- 3.3.8.6 Heimweg in den Text: „Und jetzt gehst du hier als Romanfigur“
- 4. „das stimmt, das ist wahr!“ – Blues im Werk Peter Kurzecks
- 4.1 Musik im Alten Jahrhundert
- 4.2 Direkte Verweise auf den Blues
- 4.3 Blues in Westdeutschland seit den 1950er Jahren
- 4.3.1 „Die alten Blues-Sänger“ – Eine Eingrenzung innerhalb des Genres
- 4.3.2 Extrem rare Erlebnisse – Blues-Konzerte in Westdeutschland vor 1962
- 4.3.3 Authentizität, mythologische Begegnung, Wanderschaft
- 4.3.4 Das American Folk Blues Festival in Deutschland
- 4.4 Lebensmuster des Blues in Kurzecks Werk
- 4.4.1 Zwei Aufbrüche – Blues in Mein Bahnhofsviertel
- 4.5 Leitmotive des Blues im Alten Jahrhundert
- 4.5.1 Ain’t got a dime – „zähl dein Geld“
- 4.5.2 „I heard the steel-mill whistle blow“ – Die Lollarer Buderus-Sirene
- 4.5.3 Same old train – „durch all die Jahre einundderselbe Zug“
- 5. Fazit
- Literaturverzeichnis
- Danksagung
Christian Riedel studierte Deutsche Philologie und Komparatistik. Er ist seit 2009 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Europa-Universität Flensburg.
Leseprobe: lp-9783849811624.pdf
Riedels Analyse überzeugt durch einen großen Beobachtungs- und Detailreichtum, der vielfältige Anschlussmöglichkeiten eröffnet. [...] Die stellenweise sehr feingliedrige Analyse verbindet die drei einzelnen Hauptaspekte [Idylle, Romantik, Blues] zu einer ersten Gesamtschau von Kurzecks Autorenpoetik. [...] eine gut informierte und präzise formulierte Argumentation [...]
Carina Berg in „literaturkritik.de“ (17.04.2017)
Die ganze Rezension hier: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=23214
Christian Riedel hat gute Argumente dafür, K.s Werk nicht als Fortschreibung der klassischen Moderne zu begreifen und auch noch einen anderen Topos der K.-Rezeption zurückzuweisen: den des radikalen Biographen. Dazu zeigt und belegt er zunächst, wie stark der Einfluss der Idyllendichtung sich in K.s Romanen bemerkbar macht. Schon von diesem Befund ausgehend erweist sich das vermeintlich Biographische als in hohem Maße artifiziell, nämlich als »um-erinnerte Wunschbiographie«. [...] Schließlich zeigt [Riedel] noch, dass sich »eine entschieden ästhetisierte und stilisierte Lebensbeschreibung« anhand zeittypischer Idealisierungen und entlehnter Leitmotive des Blues festmachen lässt. Insgesamt diene K.s Verknüpfen von autobiographischen Erinnerungen mit Motiven aus der Idyllen-, Romantik- und Bluestradition dazu, so das überzeugende Fazit, auf eine »normiert-gesichtslose Moderne« mit einer »Mythisierung des alltäglichen Lebens« zu antworten.
Gunther Nickel in „Germanistik“ (2017; Band 58; Heft 1-2)
[...] eine erste umfassende und hochinteressante Studie [...], die fortan zum Standardwerk aller Kurzeck-Forschenden avancieren wird. Und das nicht nur, weil sie gründlich und umsichtig die bisherige Kurzeck-Rezeption bilanziert, die ja zu nicht unwesentlichen Anteilen im Feuilleton stattgefunden hat. Wie der Verfasser hier teils entlegene Rezensionen aus fast 40 Jahren Kurzeck-Rezeption bibliographisch verzeichnet, [...] wird zum Grundstock einer jeden künftigen Forschungsbibliographie. [...] Kurzeck als Idyllenmaler, Bluesposer und sein altes Jahrhundert als das ewige, das „absolute“ Buch im Geiste der progressiven Universalpoesie: Dank dieser Studie gibt es nun neben dem „oberhessischen Proust“ und den vielstrapazierten Hochwertvergleichen mit der europäischen Moderne ein weiteres Etikett, mit dem das Kurzeck-Werk schicklich behängt werden kann. Und selbst dann, wenn auch dieses sich nicht als dauerhaft haltbar erweisen sollte (wie alle Etiketten), steht ab jetzt ein neues, hochanregendes Deutungsangebot für das Kurzeck-Gesamtwerk zur Verfügung.
Jörg Döring in „Zeitschrift für Germanistik“ (Neue Folge XXVIII-3/2018)
Wir alle, die wir Peter Kurzeck kannten, wussten, dass wir letzten Endes wehrlos vor ihm standen, wenn er zu sprechen begann. Er streichelte uns so dermaßen von innen, dass man, wenn man vom Bild einer Massage ausgehen will, schon eigentlich das Wort Tantra davorsetzen müsste. Es existiert seit 2016 eine Monografie über Peter Kurzeck (Christian Riedel: Peter Kurzecks Erzählkosmos. Idylle – Romantik – Blues. Aisthesis-Verlag), mit deren Hilfe man etwas aus dem Eingelulltsein herauskommen kann, weil sie in ihrer Analyse einen distanzierten Überblick über die von Peter Kurzeck stets angerissenen Themen- und Motivfelder verschafft. Denn natürlich hat sich Peter Kurzeck in groß angelegter Weise stilisiert und inszeniert, vor dem Publikum wie vor sich selbst. Wer wollte es ihm verübeln? Riedel spricht vom Image des Bluessängers, der immer „on the road“ ist, immer die Gitarre dabei, der einsam an Bahnhöfen herumsitzt, stets sein weniges Geld zählt, der eine erfahrungsgesättigte, prekäre Biografie besitzt und am besten noch im vorigen Jahr völlig verarmt als Tagelöhner auf einem Baumwollfeld gearbeitet hat und davon jetzt dem besser situierten Publikum vorsingt. Das trifft es schon ziemlich!
Andreas Maier in „WELT kompakt“ (12.09.2019)
Philologie und Kulturgeschichte Band 3
