[E-Book] Weiershausen, Romana: Zeitenwandel als Familiendrama
Artikel-Nr.: 978-3-8498-1088-7Im Theater der Aufklärung wird Familie politisch. Mit der Etablierung des Bürgerlichen Trauerspiels geht mehr als die Aufwertung des Privat-Menschlichen einher. Die deutschsprachige Bühne gewinnt ein emotional aufgeladenes Bezugssystem, das auch genutzt wird, um die großen politischen Themen der Zeit wie Herrschaft, Revolution und Sklaverei zu diskutieren. An Dramen bekannter sowie (heute) unbekannter Autoren offenbart sich ein diskursives Netz, das sich entlang des Paradigmas ‚Familie‘ entfaltet – wobei das Theater zum Verhandlungsort der bedeutenden gesellschaftspolitischen Umwälzungen im 18. Jahrhundert wird.
Romana Weiershausen
Zeitenwandel als Familiendrama
Genre und Politik im deutschsprachigen Theater des 18. Jahrhunderts
2018
ISBN 978-3-8498-1088-7
446 Seiten
E-Book: PDF-Datei
- Paradigma Familie: Theater- und Diskursgeschichte. Einleitung
- 1. Szenen des Theaters
- 2. Gedeutete ‚Wirklichkeiten‘: theoretischer Hintergrund
- 2.1 Geschichte und Text
- 2.2 Literatur und Diskurs
- 3. Familie als interdiskursives Element
- 3.1 „Familie“ im 18. Jahrhundert
- 3.2 Familiendrama als interdiskursiver Verhandlungsort
- 3.3 Zwischen bourgeois und citoyen: Polyvalenz des „Bürgers“
- 4. Verstehensordnungen im Prozess: ‚Arbeit an der Gattung‘
- 4.1 Untersuchungsperspektive
- 4.2 Aufbau und Textmaterial
- I. Verlagerung des Bezugsrahmens
- A. Dramaturgische Neuanfänge: Heroische Tragödie und Bürgerliches Trauerspiel
- B. Konflikte des Privaten in der Heroischen Tragödie
- 1. Johann Christoph Gottscheds Sterbender Cato (1731)
- 1.1 Heroischer Held mit Familie
- 1.2 „Hochzeitmachen“ in der Heroischen Tragödie
- 1.3 Cato als Vater
- 1.4 Verbindung von Familie und Staat
- 2. Georg Behrmanns Die Horazier (1733/1751)
- 2.1 Zwischen Tragödientradition und Hamburger Geschichte
- 2.2 Problematisierte Heroik
- 2.3 Das Heldentum der Männer
- 2.4 Das Weinen und „Schreyen“ der Frauen
- 2.5 Fazit: Brüche im heroischen Paradigma
- C. Paradigmatische Konzentration auf Familiäres im Bürgerlichen Trauerspiel
- 1. Gotthold Ephraim Lessings Miß Sara Sampson (1755)
- 1.1 Problematische Tugend: Sara
- 1.2 Vaterbilder im Wandel
- 1.3 Problematische Leitfigur: Sir William
- 1.4 Figurenrelativismus und die Intrigantin mit katalysatorischer Funktion
- 1.5 Fazit: Relationale Verhandlungen im neuen Gattungsmodell
- D. Zwischenfazit: Familie im Drama zwischen heroischem und familialem Paradigma
- II. Gesetz und Gefühl: Die Virginia-Konstellation
- A. Von der Römerin zur Zeitgenossin
- 1. Johann Samuel Patzkes Virginia (1755)
- 1.1 Staatspolitisches, privat- und allgemeinmenschliches Ideal
- 1.2 Konkurrierende Ideale: Wofür steht Brutus?
- 1.3 Römische Tugend aus dem Privaten
- 1.4 Gesetz versus Tugend
- 1.5 Fazit: Öffentliche Familie
- 2. Lessings „bürgerliche Virginia“: Emilia Galotti (1772)
- 2.1 Fixpunkt im patriarchalischen System? Der Vater in Unruhe
- 2.2 Wiederholung und Variation: Beunruhigende Rhetorik
- 2.3 Zitierte Ruhe: Vorbilder
- 2.4 ‚Ruhe und Ordnung‘
- 2.5 Fazit: Internalisierte Gattungsirritation
- 2.6 Polemische Reaktionen: Bodmers Epilogus zur Emilia Galotti
- B. Renaissancen: Virginia und Emilia in den 1790er Jahren
- 1. Cornelius von Ayrenhoffs Virginia oder Das abgeschaffte Decemvirat (1790)
- 1.1 Re-Heroisierung
- 1.2 Richtiges Handeln: Gefühl und Recht
- 1.3 ‚Staatsbürger‘ mit veränderter Konnotation: römischer Bürger und pflichtbewusster Untertan
- 1.4 Fazit: Unterminierung und strategischer Positionsverlust der Heroischen Tragödie
- 2. Christian Friedrich Traugott Voigts Der Fürst als Mensch (1792)
- 2.1 Im Diskurs: Der Fürst als Mensch als Antwort auf Emilia Galotti
- 2.2 Das Rührstück als ‚Fürstenspiegel‘
- 2.3 Maler der Sitten: Der Künstler und die Verbesserung der Gesellschaft
- 2.4 Fazit: Verhandlungen um Recht – Voigts Der Fürst als Mensch im Feld der Virginia-Dramen
- III. ‚Natürliche‘ Ordnung? Hautfarbe und Sklaverei
- A. ‚Mohren‘ und ‚Negersklaven‘ im deutschen Diskurs
- 1. Aufklärung und Sklaverei
- 2. Physische Anthropologie
- B. ‚Familienerweiterung‘: Schwarze im Familiendrama
- 1. Ernst Lorenz Michael Rathlefs Die Mohrinn zu Hamburg (1775)
- 1.1 Handlungsführung zwischen Komödie und Tragödie
- 1.2 Literatur und Leben: Rückgewinn der Empfindsamkeit über die Figur der Schwarzen
- 1.3 Alterität: Diskurskritik und Rechtsdiskussion im Drama
- 1.4 Zwischen den Polen: Der Zigeuner
- 1.5 Fazit: Die andere Emilia – Tradition und Erneuerung
- 2. Carl von Reitzensteins Die Negersclaven (1793)
- 2.1 Politischer Konflikt
- 2.2 Familiärer Konflikt
- 2.3 Sprachkrise und utopischer Gegenentwurf: Vereinigung der schönen Seelen
- 2.4 Verkehrung des Deutungsrahmens
- 2.5 Fazit: Auflösung einheitsstiftender Konzepte
- IV. Politische Ordnung? Französische Revolution
- A. Gattungsmuster und die Verschiebung kollektiver Symbole in der Französischen Revolution
- 1. Voltaires Brutus – Wiederaufnahme unter verändertem Vorzeichen
- 2. Konkurrierende Bildräume im Revolutionsdiskurs: antike Helden und bürgerliche Familie
- B. Revolution und bürgerliches Drama
- 1. August Wilhelm Ifflands Die Kokarden (1791)
- 1.1 Voraussetzungen zeitgenössischer Rezeption
- 1.2 Handlungsstruktur: Politik und Familie
- 1.3 Der Fürst als Fortsetzung des Vaters
- 1.4 Ambivalente Helden
- 1.5 Fazit: Unterminierte Affirmation im Rührstück
- 2. Ernst Karl Ludwig Ysenburg von Buris Ludwig Capet oder Der Königsmord (1793)
- 2.1 Der „Königsmord“ als Bürgerliches Trauerspiel
- 2.2 Privatisierung des Königs
- 2.3 Politisierung und Heroisierung des Bürgers
- 2.4 Gattungspolitik im Diskurskontext: Konkurrenz der Bilder
- 2.5 Fazit: Politisches Drama versus familiäres Drama
- Gattungspolitik: Ernste Familiendramatik im 18. Jahrhundert. Fazit
- Literatur
- Primärtexte und zeitgenössische Quellen
- Forschungsliteratur
- Abbildungsnachweise
- Dank
Romana Weiershausen ist Professorin für Frankophone Germanistik an der Universität des Saarlandes.
Leseprobe: 9783849810870.pdf
„Romana Weiershausens Publikation hat eine wichtige neue Perspektive auf die Aufklärungsdramatik eingehend dargestellt. Vor allem die Spuren und Konturen von Familiendramen im sozialkulturellen und welthistorischen Kontext werden detailliert analysiert.“
Chunjie Zhang, University of California in "Zeitschrift für Germanistik. Neue Folge XXIX", März 2019
„Zeitenwandel als Familiendrama represents a revision of Weiershausen's 2013 Habilitationsschrift as well as a useful contribution to a very crowded field, namely scholarship on German-language family drama and bourgeois tragedy in the 18th century. […] I strongly recommend this volume for its robust discussions of minor works and its fresh takes on more familiar pieces, but most of all for its staging of the genre of family drama as a living and flexible mode that interacted with many levels of social existence.“
Gail K. Hart, in: Monatshefte. University of Wisconsin Press, Vol. 111, Nr. 3, 2019
Drawing on a wide range of text „from canonic works by Gottsched and Lessing to much lesser known texts by Carl von Reitzenstein, Cornelius Hermann von Ayrenhoff, and others“ Weiershausen shows the continuities and innovations in the long transition from classical heroic tragedy to the modern bourgeois tragedy. (...) Weiershausen makes the history of genre legible as a wide and continuous field of possibilities and variations. Moreover, Weiershausen traces how, across this complex generic territory, the representation of family relations (including families of people of color, notably Black slaves) became the primary site of political negotiation.
Martin Wagner und Ellwood Wiggins in „The German Quarterly“, 93.2, Frühling 2020
