Roßbach, Nikola: Lust und Nutz
Artikel-Nr.: 978-3-8498-1131-0Die antik-klassische Doppelvorgabe, zu nützen und zu erfreuen, prägte Poetiken und Literatur von der Renaissance bis weit ins 18. Jahrhundert hinein maßgeblich.
Was bedeutete die gängige Formel des ‚prodesse und delectare‘ konkret? Konnte Lust ohne Nutz, Nutz ohne Lust überhaupt (nicht) existieren? Zweifellos gab es lehrreiche, aber wenig vergnügliche Werke. Konnte Literatur umgekehrt auch sinnloses Vergnügen bereiten? Didaxe und Disziplinierung gelten zu Recht als primäre Funktionen frühneuzeitlichen Schreibens. Genau hier soll weitergefragt werden. Wie sieht es mit dem Unterhaltungsfaktor aus? Wie spaßfrei war die Frühe Neuzeit wirklich?
In dieser Studie zu historischen, mathematischen, geistlichen und poetischen Erquickstunden gilt ein weiter Literaturbegriff – im Sinne der Texte selbst. Denn nicht nur die Poesie nahm für sich in Anspruch, horazisch Lust und Nutz zu vereinen.
Nikola Roßbach
Lust und Nutz
Historische, geistliche, mathematische und poetische Erquickstunden in der Frühen Neuzeit
2015
ISBN 978-3-8498-1131-0
235 Seiten
gebunden
- I. Ästhestik: Lust und Nutz
- 1. Gegen die Vertreibung der Engel
- 2. Freizeit und Freiheit
- 3. Durch die Hintertür oder: Lachen ist gesund
- 4. Semantik der Unterhaltung
- 5. Ein besonders vergnügliches Genre: die Fazetie
- 6. Pille und Zucker
- 7. Funktionen literarischer Lust
- II. Korpus: Literarische Erquickstunden
- 1. erquicken, Erquickung: semantische Dimensionen
- 2. Erquickstunden: Systematisierungsversuche
- 2.1 Historische Erquickstunden
- 2.1.1 Daniel Federman: Erquickstunden. Von allerley Kurtzweiligen Historien/ Philosophischen vnd Poetischen Sprüchen/ Lehrreichen Fablen/ vnnd schimpfflichen Bossen (1574)
- 2.1.2 Jacob Zannach: Lhore de Recreation. ErquickStunden (1609-1623)
- 2.1.3 Hundstägige Erquickstund: Das ist/ Schöne/ Lustige Moralische vnd Historische Discurß vnd Abbildungen (1650-1653)
- 2.1.4 August Bohse: Schertz- und Ernsthaffte Historische Erqvickstunden (1702)
- 2.2 Mathematische Erquickstunden
- 2.2.1 Daniel Schwenter/Georg Philipp Harsdörffer: Mathematische und Philosophische Erquickstunden (1636, 1651, 1653)
- 2.2.2 Johann Hemeling: Arithmetisch-Poetisch- und Historisch-ErquickStund (1660)
- 2.2.3 Anton Blierstorp: Arithmet- Geomet- Quadrat- und Cubic-Cossische Erquick-Stunden (1670)
- 2.2.4 Christian Pescheck: Arith- und geometrische Erqvick-Stunden (1726)
- 2.3 Geistliche Erquickstunden
- 2.3.1 Johann Heermann: Poetische Erquickstunden, Geistlicher Poetischer Erquickstunden Fernere Fortsetzung (1656)
- 2.3.2 Heinrich Müller: Geistliche Erquickstunden (3 Tle. 1664-1666)
- 2.4 Poetische Erquickstunden
- 2.4.1 Hans Ernst von Osterhausen: Poetische Erqvick-Stunden (1676)
- 2.4.2 Johann Georg Albini d.J.: Der Jungfern und Junggesellen kurtzweilige Erquickstunden (1683)
- 2.4.3 Paul Pfeffer: Poëtische Erqvick-Stunden: Oder in deutschen Versen abgefassete Gute Gedancken/ Bey Erwegung allerhand Biblischer Sprüche (1709/1718), Vorbereitung zum Tode, oder: Letzte deutsche Verse: als ein kurtzer Anhang Zum andern Theile Seiner Poetischen Erquick-Stunden (1725)
- 2.4.4 Orilestes: Anmuthige und gefällige Erquick-Stunden (1722)
- 2.5 Franz Hermann Kahle: Pädagogische Erquickstunden (1880)
- III. Exemplarische Lektüren
- 1. Von Philosophen, Poeten und Potentaten
Daniel Federman: Erquickstunden. Von allerley Kurtzweiligen Historien/ Philosophischen vnd Poetischen Sprüchen/ Lehrreichen Fablen/ vnnd schimpfflichen Bossen (1574)
- 1.1 Guicciardini – Federman
- 1.2 mit nutz vnnd lust
- 1.3 Facta und Ficta
- 1.4 ZeitRäume des Lesens und Erzählens
- 1.4.1 Poetik der Tisch- und Nach-Tisch-Geschichten
- 1.4.2 in Lustgärten/ vber Feldt. Aristokratische Raumprogramme in bürgerlichen Erzählsammlungen
- 1.4.3 auf Rollwägen/ oder in Schiffen: Reiselektüre
- 1.4.4 Auf dem Rollwagen, beim Friseur – Exkurs zu Jörg Wickram
- 1.5 Klugheit, Gelassenheit, Witz
- 1.6 Überlegenheit des Wortes
- 1.7 Böse Frau – gute Frau. Zur Ordnung der Geschlechter
- 1.8 Fazetie und Fabel
- 1.9 Kommunikationskompetenz
- 1.10 Gesellige Ordnung
- 1.11 Lektürepraktiken: Die freie Wahl des Lesers
- 2. Hertzensseuffzer
Johann Heermann: Poetische Erquickstunden, Geistlicher Poetischer Erquickstunden Fernere Fortsetzung (1656)
- 2.1 Geistliche Kirch-Arbeit
- 2.2 Heermann, Opitz, Gryphius
- 2.3 Widmungsprogrammatik
- 2.4 täglich Gebetlein
- 2.5 Vbersetzt in Alexandrinische Verse. Adaptationen
- 2.6 Not – und Gott
- 2.7 Krieg, Verfolgung, Todesangst
- 2.8 die Süssigkeit JEsu
- 2.9 ex Psalmo
- 2.10 Entkonkretisierung und Entradikalisierung
- 2.11 Heermann, Familie und Kollegen
- 2.12 Vater und Sohn
- 2.13 Erquickung als religiöse Praxis
- 3. zur Cossischen Ubung und wolmeynender Ergetzligkeit
Anton Blierstorp: Arithmet- Geomet- Quadrat- und Cubic-Cossische Erquick-Stunden (1670)
- 3.1 Saeculum Mathematicum
- 3.2 Rechenbuch und Rechenkunst
- 3.3 Mathematische Unterhaltungen
- 3.4 Edle Zahlen-Kunst
- 3.5 (Auto-)Biographische Spuren
- 3.6 Anton/Nordan
- 3.7 Mathematisches Moratorium
- 3.8 Das Netzwerk: sampt und sonders hoch- und vielgeehrte Freunde und Verwandte
- 3.9 Vorausgeschicktes
- 3.10 Rechenaufgaben und literarische Bildung
- 3.11 Provinzialität und Regionalität in den Narrativierungen
- 3.12 Arithmetisch-Poëtisch- und Cubic-Cossische Auffgaben
- 3.13 Rechnende Hirten
- 3.14 Poetische Mathematik
- 3.15 Zur Erlustigung (nicht nur) von Cossisten oder CossLiebhabern
- 4. Muße für die Muse.
Hans Ernst von Osterhausen: Poetische Erqvick-Stunden (1676)
- 4.1 ein immerwährendes Denckmahl/ dem seelig-Verstorbenen
- 4.2 Barocke Psalmendichtung: Ps 6
- 4.3 Das ausgefleischte Mensch. Weitere geistliche Klagelieder
- 4.4 Klage und Lob Gottes
- 4.5 Über Gott und die Welt, in allerhand Uber-Schrifften
- 4.6 Die Erde will mich nicht. Krankheit und Vergänglichkeit
- 4.7 Städte, Stände
- 4.8 Und die Liebe?
- 4.9 Auff den Seeligen Tod Des Hoch-Edelgebohrnen Herrn oder nun lieg ich hier im Dreck. Nekrologisches zum Schluss
- 4.10 Erquickende Produktivität
- IV. Schluss
- V. Anhang
- 1. Bibliographie
- 1.1 Quellen
- 1.2 Forschungsliteratur
- 2. Abbildungsverzeichnis
Nikola Roßbach ist Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Kassel. Sie forscht u.a. zur Literatur-, Kultur- und Wissensgeschichte der Frühen Neuzeit.
Leseprobe: 9783849811310.pdf
Auf der Basis dieser allgemeinen Suche nach der Unterhaltungsfunktion der Literatur zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert stellt die Verfasserin das Korpus der Erquickstunden-Literatur vor. Da die Erquickstunden als Textsorten bislang kaum erforscht sind, leistet Nikola Roßbach hier Pionierarbeit und liefert eine hervorragende Basis für die weitere Auseinandersetzung. [...] Nikola Roßbach bietet einen umfassenden Überblick über die Textsammlungen, die den Titel Erquickstunden tragen. Sie verortet ausgewählte Beispiele auf überzeugende Weise in der Literatur der Frühen Neuzeit und der Biographie ihrer Verfasser.
Miriam Seidler in „literaturkritik.de“ (16.06.2016)
Die vollständige Rezension unter: http://literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=22169
[...] Was das Korpus [...] untersuchenswert macht, sind die spannungsvollen produktions- und rezeptionsästhetischen Aspekte, die diese Werke gemeinsam haben, und die von der Autorin in close readings – teilweise kaum erforschter Texte – anschaulich dargestellt werden. [...] Alles in allem ist dies ein äußerst ertragreiches, bei aller Sprödigkeit der Materie mit viel Esprit geschriebenes Buch [...].
Jörg Löffler in „Zeitschrift für Germanistik“ (2-2017)
Die Verf. hat es sich zum Ziel gesetzt, das Verhältnis von Belehrung und Unterhaltung in der Literatur der Frühen Neuzeit als unscharfes und stets neu zu verhandelndes Problem der Poetologie zu bestimmen. Als Beispielfeld dient ihr die Erquickstunden-Literatur des 16. und 17. Jh.s, deren Korpus sie im etwas atemlosen Durchgang in historische, mathematische, geistliche, poetische und – in einem Ausblick auf das 19. Jh. – pädagogische Erquickstunden unterteilt [...]. In der ausführlichen Analyse von vier exemplarischen Kompendien entfaltet sich eine heterogene Bandbreite moraldidaktischer Instruktionen für den Leser [...]
Hans-Joachim Jakob in „Germanistik“ (2017, Heft 1-2)
