[E-Book] Leiß, Judith: Inszenierungen des Widerstreits
Artikel-Nr.: 978-3-8498-1694-0Die Utopie als literarische Gattung sieht sich im 20. Jahrhundert angesichts der postmodernistischen Forderung nach einem radikal pluralistischen Denken mit einem Legitimationsproblem konfrontiert. Der weit verbreiteten Auffassung, der Postmodernismus habe den ‚Tod‘ der Utopie besiegelt, wird von Judith Leiß im vorliegenden Buch jedoch entschieden widersprochen. Den Abgesängen stellt sie die These von der Herausbildung einer neuen Spielart der literarischen Utopie entgegen, die als Ergebnis einer konstruktiven Rezeption des postmodernistischen Denkens innerhalb der utopischen Tradition verstanden wird.
In diesem neuen Subgenre der Utopie, das im kreativ-anverwandelnden Rückgriff auf ein bekanntes kulturphilosophisches Konzept ‚Heterotopie‘ genannt wird, manifestiert sich das postmodernistische Pluralitätspostulat als literarisches Gestaltungsprinzip. Wie anhand von Romanbeispielen aus verschiedenen Literaturen aufgezeigt wird, stellt die Heterotopie mit Blick auf die Totalitarismusvorwürfe, welchen sich die Utopie insbesondere seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges in zunehmendem Maße ausgesetzt sieht, eine neue Stufe der innerliterarischen Reflexion dar.
Judith Leiß
Inszenierungen des Widerstreits
Die Heterotopie als postmodernistisches Subgenre der Utopie
2010
ISBN 978-3-8498-1694-0
297 Seiten
E-Book (PDF-Datei), 7,4 MB
- Vorwort
- I. Einführung
- 1. Erkenntnisinteresse
- 2. Vorgehensweise und konzeptuelle Grundlagen
- Aufbau
- Gattungsbegriff
- Heterotopie
- Korpus
- Lektüre
- Lyotard, Jean-François
- Methode
- Pluralismus
- Postmoderne
- Postmodernismus
- Postmoderne versus Postmodernismus
- Postmodernismus, literarischer
- Utopie, literarische
- Welsch, Wolfgang
- 3. Zum bisherigen Gebrauch des Heterotopie-Begriffes in der literaturwissenschaftlich ausgerichteten Utopie-Forschung
- II. Die literarische Utopie
- 1. Struktur: das Prinzip der zwei Welten
- 2. Funktion: zum gesellschaftskritischen Potential literarischer Utopien
- 3. Konstruktion utopischer Gegenbilder
- 3.1. Negation
- 3.2. Isolation
- 3.3. Stabilität
- 4. Arbeitsdefinition
- III. Postmoderne und Postmodernismus
- 1. ‚Postmoderne‘ und ‚Postmodernismus‘: Möglichkeiten des konstruktiven Umgangs mit Begriffsmonstern
- 2. Pluralismus als systematischer Kern der Konstruktion von Postmodernismus und Postmoderne
- 2.1. Postmoderne: ‚Pluralismus‘ als Synonym für ‚Pluralität‘
- 2.2. Postmodernismus: Pluralismus als spezifische Haltung gegenüber Pluralität
- 2.2.1. Pluralismus als Wahrnehmungsdisposition
- 2.2.2. Normativer Pluralismus
- 3. Postmoderne und Postmodernismus: Problematisierung und Modifizierung
- 3.1. Wie postmodernistisch ist die Postmoderne? Überlegungen zum Verhältnis zwischen Pluralismus und Universalismus
- 3.2. Kritik des Postmodernismus
- 3.2.1. Ist der Postmodernismus selbstwiderlegend?
- 3.2.2. Geht alles? Überlegungen zum Vorwurf der Beliebigkeit
- IV. Postmodernismus und Utopie
- 1. Postmodernismus als utopische Vision
- 2. Die Heterotopie als postmodernistisches Subgenre der Utopie
- 2.1. Literarischer Postmodernismus
- 2.2. Merkmale der Heterotopie
- V. Lektüren
- 1. Peter Ackroyd: The Plato Papers
- 1.1. The Plato Papers im Kontext des Gattungssystems ‚Utopie‘
- 1.2. The Plato Papers im Kontext des literarischen Postmodernismus
- 1.2.1. Das Verhältnis zwischen W1 und W2 als Widerstreit zweier Wirklichkeiten
- 1.2.2. Widerstreit der Deutungen des Verhältnisses zwischen W1 und W2
- 1.2.3. Inszenierungen des Widerstreits auf der Handlungsebene: der Konflikt zwischen Modernismus und Postmodernismus
- 1.2.4. Widerstreit der Gattungssysteme: die hybride Verbindung von Utopie und Historiografischer Metafiktion
- 1.3. Fazit
- 2. Herbert W. Franke: Sirius Transit
- 2.1. Realisierung des utopischen Prinzips der zwei Welten
- 2.2. Virtuelle Realitäten in Sirius Transit: Technikfolgenabschätzung als Einübung in den Pluralismus
- 2.3. Der postmoderne Grundkonflikt zwischen Pluralismus und Universalismus als Bruderzwist
- 2.4. Fazit
- 3. Murakami Haruki: Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt
- 3.1. Kann ein japanischer Text als postmodernistische Utopie gelesen werden?
- 3.2. Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt im Kontext der utopischen Tradition
- 3.2.1. Verweise auf den utopischen Diskurs
- 3.2.2. Hard-boiled Wonderland
- 3.2.3. Ende der Welt
- 3.3. Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt im Kontext des literarischen Postmodernismus
- 3.3.1. Das Verhältnis zwischen Hard-boiled Wonderland und Ende der Welt als Widerstreit inkommensurabler Welten
- 3.3.2. Hard-Boiled Wonderland und Ende der Welt: zwei Variationen eines dystopischen Gegenbildes?
- 3.3.3. Ende der Welt als positiver Gegenentwurf zu Hard-boiled Wonderland im Sinne des Postmodernismus
- 3.4. Fazit
- 4. Alban Nikolai Herbst: Thetis. Anderswelt
- 4.1. Thetis. Anderswelt und die Tradition der literarischen Utopie
- 4.2. Postmodernistische Pluralisierungsstrategien in Thetis. Anderswelt
- 4.2.1. Handlungsebene
- 4.2.2. Darstellungsebene
- 4.3. Thetis. Anderswelt: postmodernistisch und beliebig?
- 4.4. Fazit
- 5. Grenzfälle
- 5.1. Samuel R. Delany: Trouble on Triton. An Ambiguous Heterotopia
- 5.2. Alasdair Gray: Lanark. A Life in Four Books
- 5.3. Botho Strauß: Der junge Mann
- 5.4. Thomas Lehr: 42
- VI. Schlussbemerkungen
- Literaturverzeichnis
- Quellen
- Forschungsliteratur
Judith Leiß, Jahrgang 1977, studierte Germanistik, Anglistik, Philosophie und Erziehungswissenschaften an der Universität zu Köln, wo sie 2009 promovierte.
Leseprobe: 9783895287688.pdf
[...] Die Arbeit ist [...] scharfsinnig, ihre Festlegungen und Unterscheidungen sind diffizil, daher für den Literaturwissenschaftler sicherlich sehr anregend [...].
Franz Rottensteiner in „Quarber Merkur“ (111, 2010)
[...] [Leiß] plausibilisiert nicht nur, „dass zwischen postmodernistischem und utopischem Denken insofern eine Affinität besteht“, als ersteres „Ausdruck des Engagements für eine nicht realisierte, aber wünschenswerte gesellschaftliche Verfasstheit“ und „selbst utopisch“ ist, sondern auch, „dass eine postmodernistische Haltung individuelle Positionierungen keineswegs verhindert und auch deren Verbindlichkeit nicht mindert“. Mehr noch: Folgt man Leiß, so verlangt eine postmodernistische Haltung geradezu nach einer solchen Positionierung.
Rolf Löchel in „literaturkritik.de“ (9/2010)
Die vollständige Rezension: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=14691
[...] Die gute Lesbarkeit ihrer Arbeit beruht im Wesentlichen darauf, dass Leiß in kleinen Schritten die ihrem Heterotopie-Konzept zu Grunde liegenden theoretischen Diskussionen nachzeichnet und daraus eine eindeutige Begrifflichkeit ableitet. [...] In der Sache [...] leistet Leiß eher eine sehr praktikable und leserfreundliche Deduktion als eine simplifizierende Reduktion. [...]
Torsten Erdbrügger in „KulturPoetik“ (Bd. 11,2; 2011)
[...] Judith Leiß hat offensichtlich keine Angst vor großen, diffusen Wissenschaftsfeldern, denn sie stellt der Utopie in ihrer Dissertation Inszenierungen des Widerstreits mit der Postmoderne respektive dem Postmodernismus zwei noch schwammigere Begriffe - sie selbst spricht von »Begriffsmonstern« - zur Seite. Leiß' Interesse gilt der Heterotopie, die sie als postmodernistische Ausprägung der Utopie versteht. [...] Leiß gelingt es [...], ihre Fragestellung in handhab- und nachvollziehbare Kategorien zu fassen, da sie ihre zentralen Konzepte primär als formale versteht, die sich an konkreten Merkmalen im Text festmachen lassen. [...] [Leiß'] Untersuchung hat [...] zum Ziel zu klären, ob und wie sich postmodernistische Schreibweisen in der Tradition der Utopie niedergeschlagen haben. Dass es für diese Spielart der Utopie, die erst einmal wie eine Contradictio in Adjecto erscheint, tatsächlich Beispiele gibt, dürfte sie mit ihrer sorgfältigen Untersuchung belegt haben [...]
Simon Spiegel in „IASLonline“ (4. August 2012)
Die vollständige Rezension: http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=3610
