Der Literaturtheoretiker und Semiologe Roland Barthes spürt in den Reflexionen des geisterhaften Momentes ebenfalls ein Ungenügen an den bekannten Interpretationen der Photographie. Barthes entwickelt aus einem subjektiven Blickwinkel eine späte Theorie, die ihren Ausgang von der Interpretation einer Photographie seiner verstorbenen Mutter nimmt. Die helle Kammer heißt sein Essay, der 1980 erscheint. Dieser Text ist deswegen von Bedeutung, weil Barthes in seinem letzten Entwurf das zweideutige Moment der Photographie ins Zentrum rückt, nachdem er sich zuvor jahrzehntelang mit anderen Aspekten befasst hatte. Nun führt er eine neue latinisierte Terminologie ein: Er nennt den Photographen operator und den Betrachter der Bilder spectator; das Bild aber wird bei ihm zum spectrum und erinnert damit sowohl an das spectacle des Theaters als auch wiederum an das Gespenst, das im Französischen spectre heißt. Bemühen sich die Photographen ihre Produkte als Kunstwerke anerkennen zu lassen, so zählt für Barthes die Photographie ihrem Genus nach gerade nicht zur Kunst. Sondern umgekehrt liegt auch aller Kunst eine beunruhigende Diskrepanz von Ding und Zeichen zu Grunde, die in der Photographie besonders deutlich zum Ausdruck kommt. Barthes betrachtet das Verfahren damit von einem ausgewiesen unreinen Standpunkt aus: Es handele sich bei den photographischen Bildern primär um Wi(e)dergänger des aufgenommenen Objektes. Sie seien damit Ausdruck eines Héautismus und spiegelten die Präsenz eines magischen Universums der Doppelgänger im Herzen der Moderne. Barthes liefert auf diese Weise eine moderne säkulare Geistertheorie der Photographie, die weitere Reflexionen über die zweideutige Wirkung der photographischen Bilder zwischen Zeichen und Schrift erlaubt.
9. Kapitel
Gespenster und Wi(e)dergänger.
Photographie und Text bei Roland Barthes

Das letzte Bild von Franz Kafka, Berlin 1923/24


Roland Barthes, 1970
Front der deutschen Ausgabe von La Chambre Claire, Suhrkamp-Verlag, Harald Zipkowitz
Ferdinand de Saussure, Schema Kreislauf des Sprechens


Ferdinand de Saussure, Schema Vorstellungsbild und Lautbild
Donald Duck im modernen sich spiegelnden Spiegel


Berühmte Werbung für Panzani


Alchemistische „Marter der Metalle“. Der Drache stellt das Vitriol, Saturn Antimon und Merkur die Verbindung dar, Abraham Eleazar, Uraltes chymisches Werk, Leipzig 1760
Alchemische Vereinigung aus dem Donum Dei, 17. Jahrhundert

Frontispitz von Grandville, Eine andere Welt
James Van der Zee, Familienporträt, 1926


Lewis H. Hine, Schwachsinnige in einer Anstalt, New Jersey 1924


Frau mit rauer Haut wie bei einer Echse, Photo auf einem Jahrmarkt in Paris, 1932
Langfinger aus Annam, dem alten Vietnam, Pariser Kolonialausstellung

Schildkrötenrennen für Wohltätige Zwecke 1952 in Philadelphia
Ausgemusterte Straßenbahnen in der Autostadt Detroit, 1948



Eugène Atget, Pariser Gaststätte Zum Tambour, 63 quai de la Tournelle, 1908
Eugène Atget, Zum Tambour, Detail

Nadar, Mutter oder Frau des Künstlers
Zeitallegorie am Strand von Long Beach, Kalifornien, zum Jahreswechsel 1932/33
