In der Photographie tritt neben die gesellschaftliche und technologische Entwicklung, die wir bislang verfolgten, zugleich ein optischer und ein chemischer Prozess. Beide implizieren metaphysische Voraussetzungen, die selten zur Sprache kommen. Betrachtet man die Photographie unter optisch-physikalischen Gesichtspunkten, dann entsteht neben der Brille, dem Fernrohr und dem Mikroskop ein weiteres artifizielles Sehorgan, das nicht allein die bestehende Welt abbildet, sondern ebenso eine neue entwirft, die dem unbewaffneten Auge zuvor nicht bewusst war. Diese Welt wird von den Zeitgenossen nicht ohne eine charakteristische ambivalente Gemütsbewegung angeschaut. Zugleich geht für den zeitgenössischen Betrachter der Photographien von diesen neuartigen Bildern auch etwas Unheimliches aus. DauthendeySo entsteht etwas Doppeltes: eine Beruhigung durch das genaue Betrachten der stillgestellten Welt und eine Beunruhigung durch die auf den Bildern mitschwingende Atmosphäre. Diese unterscheidet sich von der auf gemalten Bildern. Es ist, als herrsche auf den Photos eine nicht genau bestimmbare Art von Gewalt der gefährlichen Ungewissheit. Dieses Gewaltmoment der Photographien bleibt bis heute erhalten. Jeder, der photographiert wird, spürt unbewusst, dass der Kontakt mit der Kamera möglicherweise nicht so folgenlos ist, wie es das Wort Knipsen nahe legt. Die Kamera gleicht Menschen und Dinge zu Gunsten ihrer beider Dinglichkeit miteinander ab. Photographiert werden ist nicht harmlos und das nicht allein, wenn man wie in vielen traditionellen Kulturen annimmt, der Photograph trage ein manipulierbares Bild der Seele mit davon. Die Photographie soll wie die Unterschrift die fragwürdige Identität des Individuums außerhalb seiner selbst sichern. Das Bild verselbständigt sich und wirkt auf das Original zurück. Bekanntlich gelten von der staatlichen Macht gesiegelte Photos mit Unterschrift an Landesgrenzen mehr als der lebendige Mensch und seine gesprochenen Sätze. Wer erinnert sich nicht an die Blicke, mit denen die DDR-Grenzer auf dem Weg nach Berlin Photos mit Personen verglichen? Auch wenn die neuen digitalisierten Identifikationsverfahren sich anderer Mittel bedienen, so hat doch jedes Portraitphoto auch noch etwas von einem Bild, das einen zum potentiellen Verbrecher macht.
8. Kapitel
Geisterphotographie

Unbekannter Photograph in seinem Atelier um 1900

Entwicklungsschema der Daguerreotypie, aus: Frizot, Geschichte, 38
Der erste Photoapparat, etwa 1820-1830, Musée Nicéphore Niépce, Chalon-sur-Saône


Unbekannter Photograph (Disdéri zugeschrieben), Kommune von Paris, Leichen der Aufständischen, 1871
Hippolyte Bayard, Selbstporträt als Ertrunkener, Oktober 1840


Der Mensch zwischen Licht und Finsternis, nach Freher, Paradoxa Emblemata, 18. Jahrhundert
Camera obscura, A. Kircher, Ars magna lucis, Amsterdam 1671


Ein Morgenfang Heringe, Englische Postkarte
Retortengenese, Mercurius feuert den toten Drachen, S. Trismosin, Splendor solis, London, 16. Jahrhundert



William H. Fox Talbot, The open door, 1843, The pencil of Nature, Tafel VI
Martin Chambi, Der Riese von Paruro, Cuzco, Peru, 1929


Ein Pueblo Indianer und Aby Warburg, 1896, Postkarte The Warburg Institute 1991
Eugène Atget, Selbstporträt

Atget, Rue des Nonnains-d’Hyères, 1899
Lazlo Moholy-Nagy, Photogramm

Man Ray, Gräfin Casati, um 1928