Die Geschichte der Medien tritt mit der Erfindung der Photographie in eine neue Phase. Die Kamera beschleunigt den Bruch jener Einheit von Seele, Auge und Hand, die im Rückblick noch das Universum des Malers und des gemalten Bildes kennzeichnet. Aus Einzelstücken werden Serien mit der Entwicklung der Photographie tut sich in der Kunst der Doppelsprung von der Produktions- zur Reproduktionstechnik und von der handwerklichen zur industriellen Fertigung. Ermöglicht wird dieser durch die Nachfrage des Publikums, das sich im Zuge der Industrialisierung in den großen Städten des 19. Jahrhunderts bildet. Die Geschichte technischer Verfahren bleibt oft anonym. Dagegen scheint die Erfindung der Photographie vergleichsweise genau rekonstruierbar. Sie wird im engeren Sinne zwei Männern zugeschrieben, Niépce und Daguerre. Der Erste steht dabei für die Entwicklung des technischen Verfahrens, der Zweite für dessen Verbesserung und für die Erschließung der Photographie für das Publikum. Das von Niépce und Daguerre entwickelte Verfahren fördert einen Realismus, der sich noch nicht gegen die von der restaurativen Malerei herkommenden Ästhetik der Zeit durchsetzen kann. Gleichwohl erkennt man bereits das gleichmachende Postulat der dokumentarischen Darstellung. Mit dem Stift der Natur schreiben heißt, dass die Sache selbst auf der photographischen Platte erscheint: Die Gegenstände werden gezwungen sich abzubilden, sie zeichnen ihr eigenes Bild. Daguerre wird von zeitgenössischen Kommentatoren als Schöpfer einer neuen Welt gepriesen. Doch diesen nüchternen neuen Realismus, dessen Möglichkeiten erst spät ins ästhetische Bewusstsein seiner Zeit tritt, begleiten zwiespältige Gefühle.
7. Kapitel
Von der Kunst nicht nachahmbar und von der Zeit nicht zerstörbar.
Nikephorus 1827

Pylonen des Ramses-Palastes, Photographie von Maxime Du Camp, 1850

Johann Peter Hasenclever (1810-1853), Das Lesecabinet
Porträt einst und jetzt



Silhouetten
Schlanke Linie
Maschine zum bequemen Verfertigen von Schattenrissen nach J. K. Lavater, Essai sur la physiognomie, Den Haag 1781-1803, Bibliothèque nationale de France, Paris


Physinotrace-Porträts
Der Physionotrace, erfunden von Gilles-Louis Chrétien um 1786


Joseph „Nicéphore“ Niépce
Der Blick aus dem Fenster von le Gras, Nicéphore Niépce, ca. 1827

Das Landhaus „Le Gras“ in Saint-Loup-de Varennes, Radierung von Edouart-Yan Darget
Der Kardinal d’Amboise, Nicéphore Niépce, etwa 1827


Nicéphore und Claude Niépce, Bauplan des Pyréolophore, Tafel im Anhang des Patents von 1807, Institut national de la propieté industrielle, Paris
Daguerre, Boulevard du Temple, Daguerreotypie von 1838


Daguerreotypomanie, Karikatur von T.-H. Maurisset, 1840

Nadar, Selbstporträt in Drehung, um 1865, Bibliothèque national, Paris

Das Atelier Nadar am Boulevard des Capuccines in Paris, 1860er Jahre, Bibliothèque national de France, Paris
Disdéri, Selbstporträt


Schauspieler, Maler, Gelehrter und Schriftsteller. Vier Visitenkartenporträts von Disdéri

Edgar Degas, Vor dem Auftritt, 1879
Der abgewiesene Maler ruft aus: „Und das haben sie nicht abgenommen, diese Ignoranten!“, Lithographie von Honoré Daumier, 1859
