Bilder, Texte und Zahlen lassen sich allgemein als Zeichen beschreiben, die über sich hinausweisen und eine Botschaft besitzen. Die Wissenschaft, die sich im Rahmen der Erkenntnistheorie mit den Zeichen beschäftigt, ist die Semiotik oder Semiologie. Die Semiologen sind seit Ende des letzten Jahrhunderts fleißig, was die Produktion von verschiedenen Entzifferungs- und Übersetzungstheorien angeht. Diese Theorien stammen sie nun von de Saussure, Pierce, Bool, Carnap, Wittgenstein, Wiener, Morris oder Eco verstehen sich in der Regel als bestimmte formale Anwendungsweisen im Umgang mit Zeichen, unabhängig von deren inhaltlicher Bedeutung. Dabei wird leicht übersehen, dass mit der Interpretation bestimmte sachliche Momente untrennbar verbunden sind, die im Zusammenhang mit der jeweiligen historischen Epoche nicht nur des Gegenstands, sondern auch der Interpretationsmethode stehen. Diese Bestimmung gilt auch für das Aufkommen der Semiologie. Die Lehre von den Zeichen entwickelt sich nicht in einem reinen erkenntnistheoretischen Kontext, sondern in einem bestimmten praktischen, instrumentellen und operativen Zusammenhang. Das Zeitalter der Kybernetik bringt bereits vor dem Computer eine Perspektive auf die Welt hervor, die in den Dingen im Wesentlichen bestimmte Informationen erkennen will. Solche moderne Sicht wird dann auf andere Zeitalter zurück projiziert, um eine Ahnenkette zu erzeugen, in die beispielsweise Lullus, Bruno und Leibniz scheinbar mühelos eingeordnet werden. Die Information gilt es zunächst zu entschlüsseln, um anschließend in ihrer Rekombination Macht über die Gegenstände zu gewinnen. Dieses Verfahren findet sich in den neuen Bau- und Werkstoffen Beton und Plastik Anfang unseres Jahrhunderts ebenso wieder wie an dessen Ende in der Gentechnologie und den virtuellen Bilderwelten, die alle Gegenstände zunächst in ihre errechenbaren Bilder auflösen, um diese dann in Neukombinationen wieder zusammensetzen. Ziel ist dabei jedes Mal die Umgehung des Widerstands, den die Materie dem planenden Zugriff des Menschen entgegensetzt. Die Neuen Medien verknüpfen die Welt der Informationen mit derjenigen der Bilder, in die die digitalen Codes am Bildschirm verwandelt werden. Die Mathematik gewinnt auf diese Weise eine bestimmte äußerliche Anschaulichkeit als Bild zurück, die sie bei Pythagoras und Platon bereits als innere Form besitzt. Die Beurteilung von Texten wie Bildern findet aber nun im Rahmen der sich Mitte des letzten Jahrhunderts herausbildenden Arbeitsteilung der Wissenschaften statt. Die Disziplin der Kunstwissenschaft befasst sich mit der Untersuchung und Deutung von Bildern; ihr Zweig der Ikonologie betrachtet Bilder als Ausdruck und figürliche Sprache. Umgekehrt geht die entsprechende Abteilung der Literaturwissenschaft die Hermeneutik vom Textverständnis aus und untersucht Sprache und Schrift auch auf ihre bildlichen Gehalte hin. Ikonologie wie Hermeneutik weisen aber auch in ihrer säkularisierten Form auf theologische Lesarten zurück, wonach Bild und Schrift Ausdruck göttlicher Botschaft, Präsenz und Herrschaft sind. Von einer solchen ontologisch-theologischen Würde geht noch Platon aus, während Aristoteles bereits auf eine eigenständige Ästhetik abzielt. Auf dessen Poetik sich berufend, beginnen die Intellektuellen des Mittelalters die Göttlichkeit des Wortes anzugreifen und trachten, wo sie die Religion noch nicht vollständig ablehnen, danach, die von der katholischen Kirche bevorzugte wörtliche Lesart der Bibel durch eine übertragene zu ersetzen. Die Entwicklung im Bereich der Bilder erfolgt umgekehrt. Das sich aus dem Alten Testament herleitende und auch im frühen Christentum geltende Bildnisverbot untersagt es, Bilder als Ausdruck Gottes anzubeten. Für die spätantiken Neuplatoniker wie Plotin und Jamblichos liegt ein Grund dafür darin, dass den Göttern als Schöpfer der Welt allein die Fähigkeit zugesprochen wird, in ganzen Gestalten, und das heißt in Bildern zu denken. Die Menschen haben dagegen Gottes Tätigkeit als Wort und biblische Schrift übermittelt bekommen. Sie sind daher gezwungen diskursiv das heißt, in Sätzen zu denken, die einem Nacheinander und einer Zeitlichkeit voraussetzenden, bestimmten Entwicklungsfolge unterliegen. Dagegen umfasst eine Bildgestalt in sich bereits Anfang und Ende. Der heidnische Neuplatonismus wird ab dem 4. Jahrhundert von der christlichen Vorstellung verdrängt, die sich bis in die Renaissance durchhält. Als er im 13. Jahrhundert in Byzanz und Italien im Humanismus wieder auftaucht, entwickelt sich der Neoplatonismus zur Genietheorie der Moderne. Noch bevor in der Aufklärung Montaigne, Descartes und Pascal ihr brüchiges Ich mit göttlichen Funktionen ausstatten, entwickelt sich in der Renaissance die Voraussetzung der abendländischen Subjektsetzung. Der Weg dahin führt über die Kunst und die Betonung der Bilder. Mit der Emanzipation der christlichen Kunst im frühen Mittelalter in Byzanz als Vorspiel der Renaissance geht eine allmähliche Lockerung des Bildnisverbotes einher. Neben die sich im weströmischen Reich entwickelnden romanischen und gotischen Stile treten mit dem erneuten Bekanntwerden der antiken Kunst im Italien des 14. und 15. Jahrhunderts heidnische Motive. Nicht nur die lichten Figuren der griechischen Mythologie wie die olympischen Götter und ihre Allegorien, sondern auch allerhand Ungeheuer Faune, Erinnyen, Zentauren, Archonten und verschiedene skurrile Fabelwesen wandern in die Malerei ein und entwickeln ein reges Eigenleben. Botticellis Bilder Geburt der Venus und Frühling zeigen in ihrem Figureninventar dagegen eine vergleichsweise lichte Oberfläche des neoplatonistischen Pantheons. Sie tun das auch auf der Grundlage der Bestrebung, den von der katholischen Kirche durch die vorgeschriebene Textexegese vermittelten Bezug zu Gott zu umgehen und durch eine direkte und sinnliche Verbindung zu ersetzen. Das katholische Stellvertretermonopol Gottes auf Erden wird angegriffen und die oppositionellen Positionen im Realienstreit des Mittelalters bemühen sich um einen unverstellten Zugang zu Gott. In diesem Zusammenhang steht die Hochschätzung des Bildes als ganzer Gestalt, die einer göttlichen Auffassung von der Welt nahe kommen soll. Der Humanismus zwischen 1300 und 1600 aber orientiert sich nicht allein an Bildern, sondern zugleich auch an Texten. Byzantinische Gelehrte bringen auf ihrer Flucht vor den Türken, die 1453 Konstantinopel einnehmen, die alten Schriften nach Italien mit. Die ständige Belagerung Ostroms am Bosporus durch Bulgaren, Seldschuken und die Kreuzfahrer, die 1204 Konstantinopel einnehmen, treibt seit der Jahrtausendwende immer mehr Menschen auf die Wanderung nach Westen. Durch diesen Transfer erreichten viele Texte, die zuvor nur als lateinische Übersetzungen bekannt waren, in der griechischen Originalsprache Italien.
4. Kapitel
Bild und Schrift.
Zur heidnischen und theologischen Vorgeschichte der alten und Neuen Medien

Aphrodite Kallipygos, Neapel, Archäologisches Nationalmuseum

Der byzantinische Einflussbereich vom 9. bis zum 15. Jahrhundert

Köpfe, Detail des Mosaiks in der Kirche San Vitale, Ravenna, 6. Jhd.

Heutige Hagia Sophia in Istanbul

Füße, Detail des Mosaiks in der Kirche San Vitale, Ravenna, 6. Jhd.

Christus, Detail aus dem Mosaik in der Hagia Sophia
Leon VI. auf den Knien vor dem thronenden Christus, Mosaik, Istanbul, Hagia Sophia, nach 912


Hagia Sophia, Panoramabilder



Christusikone, Konstantinopel, 8. Jahrhundert, Enkausik, Sinai, Katharinenkloster
Frühe Ikonen Serapis und Isis, Flügel eines Enkaustik-Tryptichons, J. Paul Getty Museum, Malibu, Kalifornien


Christus, Maria orans und Heiligenbüsten, Diptychon in Email, Konstantinopel, 10. Jahrhundert, Venedig, Schatzkammer San Marco


Sankt Georg zu Pferd, Zellenschmelz-Email, 15. Jahrhundert, Tblisi, Staatliches georgisches Kunstmuseum
Heilige Demetrius, 11. Jahrhundert