Die aktuellen Entwicklungen im Bereich der Sichtbarkeit machen deutlich, dass in den Neuen Medien jenes Moment, das die Kunst von der empirischen Wirklichkeit unterscheidet, zu Gunsten eines Realismus‘ zurückgenommen wird, der diese Art von Wirklichkeit auch in der Kunst fordert. So lautet die zentrale These des postmodernen französischen Soziologen Jean Baudrillard. Baudrillard stützt seine Theorie auf den Umstand, dass der Vorgang, den wir für die Photographie beschrieben haben, mit dem Ideal des Duchampschen readymade auch im Bereich der Kunst Einzug hält. Eine eindimensionale Wirklichkeit wird für ihn zu einem Maßstab, der jedes andere utopische Moment zu verdrängen beginnt. Diese These spricht ein wichtiges Moment an, setzt es aber in einen prekären Kontext. Es verhält sich nicht so, dass die Bestimmung des Scheins dabei zu Gunsten einer nüchternen Wiedergabe, die als einzig relevante Realität ausgegeben wird, aufginge. Im Schein drückt sich die Perspektive eines besseren Lebens aus, das zunächst in kultischen und religiös-kanonischen Zusammenhängen gebunden ist. Zum Ausgang des Mittelalters beginnt sich diese Hoffnung zu säkularisieren, gewinnt dabei eine gewisse Freiheit und geht in der Renaissance auf Formen der bürgerlichen Institutionen über. Der heutige Schein des Sichtbaren findet sich in der Technik selbst, insbesondere derjenigen der Reproduktion. Darin liegt nichts Frevelhaftes, solange man der Technik zutraut, dass sie das Leben der Menschen verbessert. Die Technik zieht aber in ihrer heute vorherrschenden Form zugleich alle soziale und politische Phantasie an sich, das heisst, sie droht jede andere Möglichkeit des Utopischen in Science-fiction, in technische Utopie, zu verwandeln. Dabei enthält die Technik eine bestimmte, durchaus nicht zu denunzierende Richtung der Utopie. Sie macht das Telefonieren angenehmer, als ein leibhaftiges Gespräch; sie macht die telegene Existenz der Darsteller im TV-Gerät wertvoller, als die der Zuschauer daheim oder bei der Arbeit und sie weckt sowohl das Verlangen selbst zu filmen als auch gefilmt zu werden - allerdings vielleicht nicht unbedingt in der Rolle des Zuschauers auf dem Sofa. Der wesentliche Prozess, den die Digitalisierung damit fortführt, ist derjenige der Vereinheitlichung im eigenen Medium. Wenn Nietzsche Recht hat, dann sind die frühen griechischen Bocksgesänge noch umfassend in dem Sinne, dass sie nicht nur Dionysisches und Apollinisches, sondern auch Zuschauer und Akteure ebenso einschließen, wie sie nicht sauber in religiösen Kult, Gerichtsverhandlung und unterhaltendes Theater zu trennen sind. An der Konzeption des Gesamtkunstwerks als Oper, die im 17. Jahrhundert entsteht, beginnt nicht zufällig 200 Jahre später mit Wagner neben dem erweiterten Kunstgenuss auch eine bedrohliche Seite solcher Totalität wieder aufzuleben, wenn alle einzelnen Komponenten mit dem Strich gebürstet werden. Auch der Film enthält mit seinem schrittweisen Vorrücken vom Stummfilm zum Tonfilm und von dort zum Farbfilm starke Elemente der Vereinheitlichung der filmischen Form von Realität. Doch seltsamerweise stoppte diese Entwicklung trotz aller Investitionsarbeit bisher an dem Punkt der dreidimensionalen Darstellung und des Wackelkinos, des Multiplex. Dessen Hauptattraktion besteht, böse gesprochen, darin, auf zum Bild synchron schaukelnden Stühlen die Fahrt in einem Citroen 2 CV zu simulieren. Diese Entwicklungen hin zu dem schon in den 40er Jahren in Aldous Huxleys Roman Schöne neue Welt prophezeiten Fühlkino wurden von den Zuschauern möglicherweise nicht aufgrund mangelnder technischer Perfektion bislang nicht recht angenommen, sondern möglicherweise gerade deswegen. 50 Jahre später aber ist der Konsument besser trainiert und erkennt die gleichen Prinzipien des Sehens beim Autofahren, vor dem Fernseher und dem Computerbildschirm, beim Bildtelefon, im Katalog der Bibliothek und bei seinem multimedialen Lexikon auf CD-Rom.
2. Kapitel
Neue Medien und digitaler Schein.
Von der Magie zur Technik

Marcel Duchamp, Roue de bicyclette
Abbildung zu Star Wars zwischen französischen und japanischen Uniformen


Marshall McLuhan
Vilém Flusser


Norbert Bolz

Stichwort Digitize