1. Kapitel

Sichtbarkeit und Wirklichkeit

Alte wie Neue Medien schaffen eine eigene Welt. Diese ist aber keine phantastische und wirklichkeitsfremde, sondern eine, die wie eine bessere Wirklichkeit daherkommt – besser als diejenige, die uns unsere fünf Sinne bisher zur Verfügung gestellt haben. Will man diese Entwicklung loben oder kritisieren, sich ihren Möglichkeiten nähern oder ihre ökonomische Voraussetzung ausloten – die wichtigste Frage, die sich im Zusammenhang mit den Neuen Medien stellt, ist diejenige nach dem Charakter dieser neuen Wirklichkeit, der in den von ihr gezeigten Bildern liegt. Diese Realität soll wirklicher als die erste, empirische sein. Damit ist zugleich die Frage nach der Kategorie der Sichtbarkeit gestellt:

Was erfassen wir von einem Objekt, das wir sehen? Sein Wesen oder nur etwas Nebensächliches?

Spätestens mit der Aufklärung wird deutlich, dass sich das Wissen und die Wahrheit im Abendland auf eine Evidenz, also auf eine Sichtbarkeit, gründen – handelt es sich nun um die innere Schau eines einzelnen Mystikers oder um die von allen nachprüfbaren Experimente der Naturwissenschaft. Einerseits ist alles, was sichtbar ist, zugleich auch wahr, spricht für sich, wird anerkannt und stellt alles Unsichtbare in seinen hellen Schatten. Andererseits gibt es eine Tradition der metaphysischen Doppelbedeutung des Sehens - Sehen als eine umfassende Metapher der Erkenntnis: So beschreibt Platon, der die bildende Kunst gering schätzt und dessen Ideen in der sichtbaren Materie nicht aufgehen, dennoch den Geist und das Wissen als Licht. Auch die griechischen und römischen Worte für Gott – theós und deus –, denen das Christentum seine Begriffe entlehnt, bedeuten ursprünglich der Lichte. Antike Metaphysiker, mittelalterliche Metaphoriker und moderne Empiristen wie beziehen sich so oder so auf das Sehen. Paul Valéry beschreibt 1926 diese irritierende doppelte Vorstellung:

Was ich sehe, macht mich blind. Was ich höre, macht mich taub. Das, worin ich wissend bin, macht mich unwissend. Ich bin unwissend, insofern und umsoviel wie ich weiß. Diese Erleuchtung vor mir ist eine Binde und bedeckt entweder eine Nacht oder ein Licht, das mehr... mehr was wäre?
Hier schließt sich der Kreis mit dieser seltsamen Umkehrung. Die Erkenntnis als Wolke vor dem Wesen; die leuchtende Welt als Augentrübung und Dunkel.
Nimm alles weg, damit ich sehe.

Valéry legt in diesen wenigen Sätzen nahe, dass das Gewusste, Klare und Sichtbare sehr wohl auch eine Kategorie darstellen kann, die etwas anderes verdeckt. Er spielt hier möglicherweise auf die Aufklärung und ihre Schattenseiten an. Zugleich verwendet er das Sehen in einer doppelten Bedeutung: „Was ich sehe, macht mich blind“ bezieht sich kritisch auf eben jene Überblendung der Gegenstände durch die Betonung des Sehens, aber: „Nimm alles weg, damit ich sehe“ setzt dieses oder ein anderes Sehen dann wieder als Metapher einer umfassenden Erkenntnis ein.

Diese Ambivalenz haftet auch dem durch die neuen Medien Gezeigtem an. Die Bilder verweisen auf etwas, das sie nicht zeigen. Diese gilt es zu umstellen.

Werbung für die ARD-Soap „Verbotene Liebe“ Werbung für die ARD-Soap „Verbotene Liebe“, aus: Jetzt, Beilage der Süddeutschen Zeitung, 16.4.2000
Werbung für Adope-Produkte, Chip 11/2000 Bunte Katze
Paul Valéry Paul Valéry, aus: Buchner, Köhn, Annäherungen an Paul Valéry, Titel
Wahrheit oder Fälschung, aus: X für U. Bilder, die lügen. Begleitbuch zur Ausstellung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2000, 36
Wahrheit oder Fälschung

Anzeige des Senders Phoenix, aus: Spiegel, 46 1997
Anzeige des Senders Phoenix

ARD-Anchorman Ulrich Wickert mit Gaby Bauer und Anne Will, aus: Süddeutsche Zeitung, 16.4.2000 ARD-Anchorman Ulrich Wickert mit Gaby Bauer und Anne Will
Doppelbelichtung auf einer Geisterphotographie Doppelbelichtung auf einer Geisterphotographie, aus: Lehmann, Alfred, Aberglaube und Zauberei, Stuttgart 1925, Frontispitz
Gebrüder Lumière: Einfahrt des Zuges, aus: Kracauer, Siegfried, Theorie des Films, Frankfurt/M. 1985, Tafel 6 Gebrüder Lumière: Einfahrt des Zuges
Georges Méliès: Reise zum Mond Georges Méliès: Reise zum Mond, aus: Kracauer, Siegfried, Theorie des Films, Frankfurt/M. 1985, Tafel 7
Huygens Pendeluhr von 1673, aus: Koyré, Alexandre, Leonardo, Pascal und die Entwicklung der kosmologischen Wissenschaft, 64 Huygens Pendeluhr von 1673
Maelzels Schachtürke Maelzels Schachtürke, Kupferstich von P.G. Pink, aus: Henrike Leonhard, Johann Nepomuk Mälzel. Ein lückenhafter Lebenslauf, Hamburg 1990, 55
As we may think – Life magazin 1945, aus: Süddeutsche Zeitung Magazin, 20.10.2000 As we may think
Digitale Photographie: Fischmensch Digitale Photographie: Fischmensch, aus: Geo Extra Fotografie, S. 58
Digitale Photographie: Bananenfisch, aus: Geo Extra Fotografie, S. 54 Digitale Photographie: Bananenfisch
Geschmolzener Kopf Geschmolzener Kopf: Werbeprospekt für Venedig
Disneys Das große Krabbeln 1, aus: www.disney.com Disneys Das große Krabbeln 2, aus: www.disney.com
Disneys Das große Krabbeln 2, aus: www.disney.com

Disneys Das große Krabbeln
Wolfgang Petersen: In the Line of Fire 1, aus: www.hollywood-online.com Wolfgang Petersen: In the Line of Fire 2, aus: www.hollywood-online.com
Wolfgang Petersen: In the Line of Fire


Botticelli, Primavera-Frühling, aus: Die Uffizien. Führer durch die Galerie
Botticelli, Primavera-Frühling


Farbtafel, aus: Goethe, Sämtliche Werke, Band 16, München 1977, Erste Tafel Farben und ihre Zuordnung zu den vier Temperamenten bei Goethe, aus: Roob, Museum, 689
Goethes Farbtafel Farben und ihre Zuordnung zu den vier Temperamenten bei Goethe
Der Photograph Nadar im Ballon, aus: Freund, Gisèle, Photographie und Gesellschaft, Reinbek 1979, 39 Der Photograph Nadar im Ballon
Schnittstelle in einer Anzeige von Sony Schnittstelle in einer Anzeige von Sony, aus: Sony, Werbeprospekt
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Drottnigengatan Göteborg, aus: Werbeprospekt Stena Line AB 1998
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