Alte wie Neue Medien schaffen eine eigene Welt. Diese ist aber keine phantastische und wirklichkeitsfremde, sondern eine, die wie eine bessere Wirklichkeit daherkommt besser als diejenige, die uns unsere fünf Sinne bisher zur Verfügung gestellt haben. Will man diese Entwicklung loben oder kritisieren, sich ihren Möglichkeiten nähern oder ihre ökonomische Voraussetzung ausloten die wichtigste Frage, die sich im Zusammenhang mit den Neuen Medien stellt, ist diejenige nach dem Charakter dieser neuen Wirklichkeit, der in den von ihr gezeigten Bildern liegt. Diese Realität soll wirklicher als die erste, empirische sein. Damit ist zugleich die Frage nach der Kategorie der Sichtbarkeit gestellt: Was erfassen wir von einem Objekt, das wir sehen? Sein Wesen oder nur etwas Nebensächliches? Spätestens mit der Aufklärung wird deutlich, dass sich das Wissen und die Wahrheit im Abendland auf eine Evidenz, also auf eine Sichtbarkeit, gründen handelt es sich nun um die innere Schau eines einzelnen Mystikers oder um die von allen nachprüfbaren Experimente der Naturwissenschaft. Einerseits ist alles, was sichtbar ist, zugleich auch wahr, spricht für sich, wird anerkannt und stellt alles Unsichtbare in seinen hellen Schatten. Andererseits gibt es eine Tradition der metaphysischen Doppelbedeutung des Sehens - Sehen als eine umfassende Metapher der Erkenntnis: So beschreibt Platon, der die bildende Kunst gering schätzt und dessen Ideen in der sichtbaren Materie nicht aufgehen, dennoch den Geist und das Wissen als Licht. Auch die griechischen und römischen Worte für Gott theós und deus , denen das Christentum seine Begriffe entlehnt, bedeuten ursprünglich der Lichte. Antike Metaphysiker, mittelalterliche Metaphoriker und moderne Empiristen wie beziehen sich so oder so auf das Sehen. Paul Valéry beschreibt 1926 diese irritierende doppelte Vorstellung: Was ich sehe, macht mich blind. Was ich höre, macht mich taub. Das, worin ich wissend bin, macht mich unwissend. Ich bin unwissend, insofern und umsoviel wie ich weiß. Diese Erleuchtung vor mir ist eine Binde und bedeckt entweder eine Nacht oder ein Licht, das mehr... mehr was wäre? Valéry legt in diesen wenigen Sätzen nahe, dass das Gewusste, Klare und Sichtbare sehr wohl auch eine Kategorie darstellen kann, die etwas anderes verdeckt. Er spielt hier möglicherweise auf die Aufklärung und ihre Schattenseiten an. Zugleich verwendet er das Sehen in einer doppelten Bedeutung: „Was ich sehe, macht mich blind“ bezieht sich kritisch auf eben jene Überblendung der Gegenstände durch die Betonung des Sehens, aber: „Nimm alles weg, damit ich sehe“ setzt dieses oder ein anderes Sehen dann wieder als Metapher einer umfassenden Erkenntnis ein. Diese Ambivalenz haftet auch dem durch die neuen Medien Gezeigtem an. Die Bilder verweisen auf etwas, das sie nicht zeigen. Diese gilt es zu umstellen.
1. Kapitel
Sichtbarkeit und Wirklichkeit
Hier schließt sich der Kreis mit dieser seltsamen Umkehrung. Die Erkenntnis als Wolke vor dem Wesen; die leuchtende Welt als Augentrübung und Dunkel.
Nimm alles weg, damit ich sehe.
Werbung für die ARD-Soap „Verbotene Liebe“


Bunte Katze
Paul Valéry


Wahrheit oder Fälschung

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ARD-Anchorman Ulrich Wickert mit Gaby Bauer und Anne Will
Doppelbelichtung auf einer Geisterphotographie


Gebrüder Lumière: Einfahrt des Zuges
Georges Méliès: Reise zum Mond


Huygens Pendeluhr von 1673
Maelzels Schachtürke


As we may think
Digitale Photographie: Fischmensch


Digitale Photographie: Bananenfisch
Geschmolzener Kopf




Disneys Das große Krabbeln


Wolfgang Petersen: In the Line of Fire

Botticelli, Primavera-Frühling


Goethes Farbtafel
Farben und ihre Zuordnung zu den vier Temperamenten bei Goethe

Der Photograph Nadar im Ballon
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Moderne Hieroglyphen in einer Anzeige von Sony

Drottnigengatan Göteborg