10. Kapitel

Die zurückgeholten Bilder

Das Moment des Gespenstischen in der Photographie jeweils zu deuten, hieße die Gewalt aufzunehmen, die mit ihrem Augenblick verbunden ist. Wie wenig angesichts solcher starken Rezeption die semiologischen Argumente vermögen, wird an einer Reihe von Photos deutlich, die der österreichische Militärarzt Schwarz 1940-44 in Norwegen macht. Schwarz, der aus Graz stammt, ist Mitglied eines Gebirgsjäger-Bataillions der deutschen Invasionstruppen in Norwegen. Er erreicht im Sommer 1940 die Finnmark, die nördlichste Provinz des Landes und fertigt von dieser Zeit an bis zum Rückzug der Deutschen 1944/45 über 1500 Farbdiapositive an – von Tromsø, Alta, der Finnmarksvidda und der Ostfinnmark an der Grenze nach Russland und Finnland.

Die norwegischen Journalisten Ida und Jürgen Nystrøm entdecken die Sammlung 1981, nachdem der Photograph bereits 1966 gestorben war und seine Bilder an einen Freund weitergegeben hatte. Die für diese Zeit technisch und gestalterisch hochwertigen Farbdias muten auch in anderer Hinsicht modern an. Es handelt sich um Bilder, die mit einem touristischen Blick aufgenommen sind. Romantisch und sentimental zeigen sie die Rückseite des Besatzeralltages: Kinder, Landschaften, Kameraden bei Ausflügen geben die Motive ab.

Die deutsche Armee hinterlässt auf ihrem Rückzug 1944/45 auf der Nordkalotte eine verbrannte Erde – die wenigen Dörfer der dünn besiedelten Gegend werden rücksichtslos zerstört, lebenswichtige Brücken abgebrochen, Menschen und Vieh verschleppt und umgebracht. Um so erstaunlicher ist es, dass die norwegischen Journalisten, die die Bilder auftun, nicht die Perspektive der romantisierenden Kehrseite der Kriegsgreul in ihnen erkennen wollen. Diese entspräche einer semiologischen Entzifferung. Sondern sie betonen, ähnlich wie der späte Barthes, den Aspekt des „So-ist-es-Gewesen“: Für die Norweger und Samen, die im Krieg ihre Angehörigen und ihre Behausungen verloren haben, lieferten die Photographien Zeugnisse einer früheren Existenz des Abgebildeten. Hier findet sich jener Héautismus wieder, den Barthes als Haupteigenschaft der photographischen Bilder beschreibt – es sind, wenn auch säkulare und dokumentarische, – so doch Doppelgänger, Zeugnis und Zeichen der in ihnen eingefangenen Objekte.

Diese Perspektive muss man nicht teilen und kann trotzdem auf andere Weise an der Relevanz der Kategorie des Gespenstischen festhalten: Das zweideutige ontologische Moment dieser Bilder mag gerade darin liegen, dass in der „Wiederaneignung der Bilder, die nun zu denen nach Hause kommen, denen sie eigentlich gehören“, wie die Nystrøms ihre Funde kommentieren, sich gerade noch einmal die romantische Perspektive der Besatzer durchsetzt, die diese Bilder herstellen. Auch wenn man wie die Journalisten annimmt, es ginge darum, die Bilder zurückzuholen, so bleibt doch etwas höchst Heterogenes an ihnen. Mit anderen Worten, es ist nicht genau zu bestimmen, welcher Vorgang hier wichtiger ist: dass die Erinnerung der Menschen sich der Bilder bedient, um ihrer Angehörigen zu gedenken oder die Übernahme auch der Erinnerungsbilder an Menschen durch eine Technik der Sichtbarmachung alle anderen Aspekte eines Geschichtsbildes überblendet.

Ida und Jürgen Nystrøm, aus: Nystrøm, Ida og Jürgen, Finnmark 1940, Stavanger 1982, Umschlag Ida und Jürgen Nystrøm
Auf dem Weg nach Alta, Norwegen 1940 Auf dem Weg nach Alta, Norwegen 1940, aus: Nystrøm, Ida og Jürgen, Finnmark 1940, Stavanger 1982, 14
Aslak Sara aus Karsjok in der Hauptstraße in Honningsvåg, Norwegen 1940, aus: Nystrøm, Ida og Jürgen, Finnmark 1940, Stavanger 1982, 67 Aslak Sara aus Karsjok in der Hauptstraße in Honningsvåg, Norwegen 1940
Aslak Sara und zwei unbekannte deutsche Offiziere in Honningsvåg, Norwegen 1940 Aslak Sara und zwei unbekannte deutsche Offiziere in Honningsvåg, Norwegen 1940, aus: Nystrøm, Ida og Jürgen, Finnmark 1940, Stavanger 1982, 66

Zum 9. Kapitel Zur Startseite Zur Info-Seite