Close readings von Dorothy Richardsons „Pilgrimage“
Inhalt:
Doris Wendt, Dr. phil., Studium der Romanistik, Geschichte und der Allgemeinen Literaturwissenschaft an den Universitäten Hamburg und Bielefeld. Verlagslektorin für Geisteswissenschaften. Veröffentlichungen zu Dorothy Richardson und Friederike Mayröcker.
Aus der Kritik:
Doris Wendt
Ästhetik und Mystik
2003, ISBN 3-89528-416-5,
312 Seiten, kart. EUR 30,-

Dorothy Richardsons (1873-1957) Romanzyklus Pilgrimage gehört zu den großen Texten der klassischen Moderne, und ist, obgleich es ihm zumal in Deutschland noch an der fälligen Aufmerksamkeit fehlt, neben James Joyces Ulysses und Marcel Prousts A la recherche du temps perdu zu stellen. Mit jenen teilt Pilgrimage die Augenblicke epiphanischer Erleuchtung, die den Ausgangspunkt für die Textanalysen dieser Studie bilden.
Die close readings im Hauptteil der Arbeit bringen mit der ästhetischen Faktur des Werks einen bislang von der Forschung vernachlässigten Bereich in den Blick. Zugleich kristallisiert sich in den ausgewählten, als Mikroeinheiten definierten Textpassagen eine Rhetorik mystischer Erfahrung heraus, so dass Ästhetik und Mystik in ein Spannungsfeld geraten, wie es gerade bei einem Werk der Moderne nicht anders zu erwarten ist.
Die Erforschung des zeit- und lebensgeschichtlichen Hintergrundes, verbunden mit einer systematischen Darstellung der Beziehung Dorothy Richardsons zu den Quakern und mit Blick auf das zu ihrer Zeit ungeheuer erfolgreiche Buch Mysticism von Evelyn Underhill, führt zum Phänomen des mystical revival in England am Anfang des 20. Jahrhunderts. Mit der Erkenntnis, dass sich dieser new mysticism als ein Beitrag zur Moderne verstand, kann schließlich die Diagnose gestellt werden, dass die mystische Erfahrung bei Richardson als Mittel zur Realisierung ihres poetischen Konzepts der new novel dient. Der Romantext bewahrt dabei eine Ambivalenz, indem er einerseits mit theologischen Elementen verbunden bleibt, andererseits zu den ästhetisch herausragend innnovativen Werken seiner Zeit gehört.
With her study, Wendt has shown how, in her mystic experience, Dorothy Richardson found the means to realise her own poetic concept of the new novel. She shows how the creative process is enhanced by Richardsons ability to acquire a religious attitude and how the aesthetic result the text of Pilgrimage depends on its metaphysical qualities. This valuable contribution to Dorothy Richardson research offers rich insights into hitherto neglected aspects of Miriams developing consciousness. [
] Wendts study reads well as a novel approach towards Pilgrimage, successfully combining aesthetics and mysticism.
David Stamm in „Anglistik – Mitteilungen des Deutschen Anglistikverbandes“, Vol. 17.1 (März 2006)