Michael Vogt (Hg.)

»stehn JANDL gross
hinten drauf« 

Interpretationen zu Texten Ernst Jandls 

2000, ISBN 3-89528-284-7,
217 Seiten, kart. EUR 19,50
 

 

Verschiedentlich ist darauf hingewiesen worden, daß es Ernst Jandl gelungen ist, einerseits strikt an einer Schreibweise festzuhalten, die dem literarischen Experiment verpflichtet ist, diese Schreibweise im Verlauf von fünf Jahrzehnten vielfältig zu variieren und zu modifizieren, gleichzeitig aber ein überaus populärer Autor zu werden. Texte wie lichtung, ottos mops oder auf dem Land gehören, zusammen mit etlichen anderen, zum festen Bestand der Lyrik des 20. Jahrhunderts.
Eine Auseinandersetzung der Literaturwissenschaft mit Jandls Texten fehlt jedoch bislang weitgehend. Dies Desiderat ein Stückweit zu beheben, ist das Ziel, dem dieser Sammelband verpflichtet ist. Aus der Summe der einzelnen Untersuchungen ließe sich Elemente einer "Grammatik der heruntergekommenen Sprache" destillieren, die auch dazu angetan sein könnten, auch Implikationen anderer, hier nicht interpretierer Texte und Werkgruppen zu erhellen, indem Grundzüge der Jandlschen Poetik auf den Punkt gebracht werden.

Mit Beitägen von Friedrich W. Block, Franz Josef Czernin, Rudolf Drux, Thomas Eder, Klaus Jeziorkowski, Renate Kühn, Sabine Markis, Kurt Neumann, Gerhard Sauder, Michael Vogt und Ralph-Rainer Wuthenow.

Michael Vogt, Dr. phil., Jahrgang 1952, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichtswissenschaft. Verleger in Bielefeld. Buchveröffentlichungen zu Christian Dietrich Grabbe, Georg Weerth und Wilhelm Busch sowie zum Epochenproblem »Vormärz und Klassik«.

Aus der Kritik

Wie der Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes Michael Vogt mit Recht konstatiert, hat sich die Literaturwissenschaft im Gegensatz zur Literaturkritik noch kaum mit dem Werk Ernst Jandls befaßt. Dementsprechend soll der Band, so Vogt weiter in seiner Vorbemerkung, "das Desiderat an ausführlichen Interpretationen und erhellenden Perspektivierungen ein Stückweit [...] beheben" und darüber hinaus "Grundzüge der Jandlschen Poetik auf den Punkt" bringen (S. 10). Elf Aufsätze, von denen acht in chronologischer Folge Einzeltexte oder Werkgruppen und die drei übrigen übergreifende Gesichtspunkte behandeln, sind in dem Band versammelt. Im Mittelpunkt steht das für Jandls Œuvre seit Mitte der 70er Jahre so bestimmende Phänomen der 'heruntergekommenen Sprache', das in der Tat von der Forschung bislang weitgehend ignoriert wurde, obwohl es in der deutschen Literaturgeschichte einen extremen Sonderfall darstellt. Insofern ist diese Fokussierung sehr zu begrüßen. Vogt warnt davor, das höchst artifizielle Medium, das eben kein - wie immer noch manchmal behauptet wird - 'Gastarbeiterdeutsch' ist, zu unterschätzen: "Hinter der simplizistischen Fassade der virtuos benutzen 'heruntergekommenen Sprache' tun sich raffinierte literarische Abgründe auf" (S. 66). In seiner Analyse des Gedichts franz hochedlingergasse kann er unter anderem zeigen, wie diese Sprache "metrische Modulationsmöglichkeiten" eröffnet, "die im Prokrustesbett einer regelgerechten Grammatik nicht ohne weiteres zu erzielen wären" (S. 70). Er interpretiert den Text als metapoetische Äußerung: "Das Wissen um die unerträgliche Disharmonie der Welt treibt den darunter Leidenden an, seine Einsicht schonungslos - auch gegen sich selbst - als Kunst weiterzugeben" (S. 78f.). Mithin formuliert das Gedicht nicht nur das Programm des Zyklus tagenglas, den es eröffnet, sondern des Jandlschen Spätwerks insgesamt.
Klaus Jeziorkowski verweist als Hintergrund für die Poetik der 'heruntergekommenen Sprache' auf die rhetorische Tradition der genera dicendi, der Jandls "Konzept von horizontalen Ebenen und Schichten" (S. 114) analog sei. Jandl aber kehre "mit seiner Kultivierung der untersten Schicht die Einschätzung der drei Stilebenen geradezu" um (S. 115). In der Metaphorik der Texte von einen sprachen und von leuchten entdeckt Jeziorkowski eine Nähe zu Hofmannsthals Chandos-Brief: "das Zerfallen von Begriffen und syntaktischen Strukturen und des Unterscheidungsvermögens [...] führen zu äußersten Endzuständen der Sprache und des Lebens" (S. 119). Inwieweit Jandls 'Sprachskepsis' aber tatsächlich in der Tradition der Wiener Moderne zu sehen ist, müßte noch näher untersucht werden. Jandls Dissertation über die Novellen Schnitzlers dürfte hierfür erste Anhaltspunkte liefern.
Auf den Zusammenhang zwischen der 'heruntergekommenen Sprache' und dem Gebrauch des Dialekts in den stanzen macht Franz Josef Czernin aufmerksam. Von großer Bedeutung ist dabei Jandls Rekurs auf den Orpheus-Mythos: "Das Gedicht wird zu dem, was die höheren und niederen Sphären oder Welten in all der Vieldeutigkeit dieses Wortes zusammenbringt, indem es die höheren hinabsteigen läßt oder das Hohe auch im Tiefen entdeckt" (S. 160).
Renate Kühn, die sich an anderer Stelle bereits mit zwei Texten Jandls (blüh und von schlafkunst) aus- und ergiebig beschäftigt hat (Renate Kühn, Der poetische Imperativ. Interpretationen experimenteller Lyrik. Bielefeld 1997, S. 54-69 und 229-275), ist die Verfasserin des wohl gewichtigsten Beitrags. Sie setzt sich mit einem der zentralen Texte im Œuvre Jandls auseinander: dem Gedicht fortschreitende räude. Vor dem Hintergrund der 'Logos-Szene' in Faust I arbeitet sie die Prinzipien von Jandls intertextueller Auseinandersetzung mit dem Anfang des Johannes-Evangeliums und die darin zum Ausdruck kommende Kritik des Logozentrismus heraus. In einer detaillierten Analyse gelingt es ihr nachzuweisen, daß bereits diesem frühen Gedicht die Poetik der 'heruntergekommenen Sprache' eingeschrieben ist.
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Überzeugend sind die Beiträge von Sabine Markis und Rudolf Drux. Markis liest das bisher völlig unbeachtet gebliebene Gedicht odyss bei den polsterstühlen als "komplexe Auseinandersetzung mit der literarischen Tradition" (S. 32) und kann plausibel machen, daß sich auch schon in diesem Text aus dem Jahr 1952 "Jandls 'Weg zum Experiment'" (S. 33) andeutet. Drux untersucht, ausgehend von dem Gedicht august stramm, Jandls Abhängigkeit von diesem Lyriker und die für beide Autoren zentrale Kriegsthematik. "Seinen lyrischen Sprachspielen gegen den Krieg", so faßt Drux zusammen, "legt Ernst Jandl Verkürzung als poetisches Prinzip zugrunde, das er explizit mit August Stramm verbindet" (S. 142).
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Der Band war ursprünglich als Geschenk zu Jandls 75. Geburtstag am 1. August 2000 gedacht. Doch Ernst Jandl hat diesen Tag nicht mehr erlebt. Nun ist das Buch seinem Andenken gewidmet und soll "zur Würdigung dieses bedeutenden Autors beitragen" (S. 11). Als wichtiger Beitrag zu der im Entstehen begriffenen Jandl-Forschung wird es diesem Anspruch gerecht.
Frieder von Ammon in "Arbitrium. Zeitschrift für Rezensionen zur germanistischen Literaturwissenschaft", 2/2001