Jürgen Thaler

Dramatische Seelen  

Tragödientheorien im frühen zwanzigsten Jahrhundert

2003, ISBN 3-89528-376-2,
250 Seiten, kart. EUR 40,-
 

 

Wer über Tragik und Tragödie im frühen zwanzigsten Jahrhundert schreibt, meint die letzten Dinge, die letzten Ordnungen: Religion und Erfüllung, Katastrophe und Erlösung. Das Nachdenken über die Tragödie wird als eine bisher vernachlässigte Form begreifbar, Kultur an ihrem Ende wahrzunehmen. Die vorliegende Studie will unter diesem Blickwinkel sowohl die Vielfalt an Tragödientheorien aufzeigen und gegeneinander abgrenzen als auch auf die Wechselwirkungen zwischen kultureller Diagnose („Tragödie der Kultur“) und einschlägiger Theorie hinweisen.

Die Etappen der Arbeit am „Tragödien-Komplex“ geben unter anderem modellhafte Einsicht, wie sich sakrale Denkfiguren in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts gebildet haben. Manche der behandelten Tragödientheorien, etwa jene von Walter Benjamin, Franz Rosenzweig oder Ernst Bloch, aktualisieren eine bestimmte Tradition deutschen Denkens unter anderen, neumessianischen Vorzeichen. Die Ausführungen in diesem Band lassen sich somit als Beitrag zur Rekonstruktion deutscher und deutsch-jüdischer Ideen- und Geistesgeschichte des frühen zwanzigsten Jahrhunderts lesen.

Inhalt:

  • Von dramatischen Seelen. Einleitung
  • I. Abstraktion und Monumentalität. Wilhelm Worringer, Paul Ernst und Georg Lukács
  • II. Nach Hegel und Nietzsche. Formationen des Tragischen und der Tragödie
  • III. Mozart: Ernst Bloch und Hermann Cohen
  • IV. Tragik und Tragödie zwischen Soziologie, Kulturwissenschaft und Lebensphilosophie
  • V. Georg Lukács und Walter Benjamin
  • VI. Georg Lukács’ Grundlegungen einer Theorie der Tragödie
  • Entwicklungsgeschichte des Tragischen
  • Hebbel und die Folgen. Von der Tragödie zum Tragiker
  • VII. Spielplätze des Tragischen. Sozial, metaphysisch, untragisch
  • Die Exilierung Gottes. Paul Ernsts „Brunhild“
  • Tragische Ästhetik zwischen Drama und Roman
  • Die Migration Gottes. Paul Ernsts „Ariadne auf Naxos“
  • Die Essenz des Tragischen. Der Roman als Tragödie
  • VIII. Ernst Blochs Kritik an Georg Lukács
  • IX. Schicksal und Charakter. Bloch – Benjamin – Lukács
  • X. Walter Benjamins Tragödientheorie
  • Die frühen Versuche Benjamins über Antike und Tragödie
  • Zwischenstück. Benjamin über Hebbel und Calderon
  • XI. Walter Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels
  • Gattungstheorien. Georg Lukács – Walter Benjamin
  • Historische Abgrenzungen und theoretische Absetzungen
  • Die Tragödientheorie des Trauerspielbuches im Kontext
  • Die Ratlosigkeit von Max Scheler und Johannes Volkelt
  • Die Wucht des Sichtbaren. Franz Rosenzweig
  • Erich Unger und die „Gewalt des Rahmens“
  • Das historische Ende der antiken Tragödie und der neuerliche Beginn der Mysterien
  • Die Antike als inverse Moderne. Einige Aspekte zu Benjamins Antiken-Rezeption
  • XII. Die Dichter und ihre Denker
  • Hugo von Hofmannsthal und die Neuklassizisten. Griechisches gegen Deutsches
  • Benjamin über Hofmannsthal oder über die „Chimäre einer neuen Tragik“ nach 1900
  • Fälschertum Hofmannsthal. Vom Urbild zum Trugbild
  • Benjamin über Brecht. Unterbrechungen im untragischen Drama
  • Literatur

Jürgen Thaler, geboren 1968, Studium der Germanistik und Publizistik an der Universität Wien; 1997/98 Visiting Research Fellow am Franz-Rosenzweig-Center der Hebrew University Jerusalem; 2001 Promotion an der FU Berlin. Veröffentlichungen (u.a.): Ein Kriseln geht durch unsere schüttere Zeit. Zur Transformation des Karnevals in den Schriften von Florens Christian Rang (1864-1924). Wien 1997; Kaspar Moosbrugger – Rudolf Hildebrand. Briefe 1869-1894 (Hg.). Lengwil 1999.

Aus der Kritik:
Die Tragödie zählt zu den vernachlässigten Themen im Forschungsbereich der literarischen Moderne, denn die Gattung gilt als überlebt und die Rede vom Tragischen als reaktionär. Einen Ausschnitt des „tragischen Diskurses nach 1900“ [...] bringt die vorl. Studie wieder ans Licht. [...] Die besondere Stärke der Untersuchung liegt [...] in der philologisch detaillierten Aufdeckung der intellektuellen Vernetzung der diskutierten Autoren. Aufmerken läßt der Umstand, daß die meisten der ausgewählten Autoren jüd. Herkunft waren.
Daniel Fulda in „Germanistik“ (Heft 1/2, 2004)