Wolfgang Bunzel / Peter Stein / Florian Vaßen (Hgg.)

Romantik und Vormärz  

Zur Archäologie literarischer Kommunikation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Vormärz-Studien Bd. X

2003, ISBN 3-89528-391-6,
465 Seiten, geb. EUR 45,-
 

 

Die insgesamt zwanzig Beiträge des Sammelbandes verfolgen das Ziel, Grundstrukturen der literarischen Entwicklung in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts herauszuarbeiten. Dabei lassen sich die Verfasser von dem Gedanken leiten, daß dieser Zeitraum von zwei dominanten, zugleich miteinander rivalisierenden Diskursformationen bestimmt wird, die einerseits im Verhältnis temporaler Sukzession zueinander stehen, sich andererseits aber auch vielfältig überschneiden und durchdringen: ‚Romantik‘ und ‚Vormärz‘. Beide bilden in ihrem Aufeinanderbezogensein eine spannungsvolle Doppeleinheit und markieren – als in sich komplementäre Reaktionsmuster – eine scharfe Gegenposition zu dem Programm gewordenen Prinzip der Kunstautonomie, wie es die ‚Weimarer Klassik‘ vertreten hat. Indem ‚Romantik‘ und ‚Vormärz‘ als verschiedenartige ästhetische Entdifferenzierungsbewegungen verstanden werden, präsentiert dieser Band ein innovatives Deutungsmodell der Literatur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es gelingt so, die kulturelle Konstellation in Deutschland nach der ‚Kunstperiode‘ neu zu vermessen und eine Archäologie der literarischen Kommunikation in der Frühphase der Moderne zu entwerfen.

Inhalt:

  • Wolfgang Bunzel/Peter Stein/Florian Vaßen: ‚Romantik‘ und ‚Vormärz‘ als rivalisierende Diskursformationen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Einführung

  • Konzepte im Wandel:
  • Rainer Rosenberg: Das Junge Deutschland – die dritte ‚romantische‘ Generation?
  • Ulrike Landfester: „So kommt das Volk zur Welt“. Politische Konzepte der Romantik im Vormärz
  • Christine Weckwerth: Anthropologie im Spannungsfeld zwischen Romantik und Vormärz
  • Olaf Briese: Herrschaft über die Natur. Ein Topos in Vormärz und Romantik. Versuch einer Legitimierung
  • Madleen Podewski: Fragment und Journal: romantische und jungdeutsche Sprechorte
  • Norbert Otto Eke: Moderne Zeit(en). Der Kampf um die Zeit in Romantik und Vormärz
  • Peter Stein: „Die gute alte Zeit“ – ein Zeitkonstrukt zwischen Romantik und Nachmärz
  • Günter Oesterle: Zum Spannungsverhältnis von Poesie und Publizistik unter dem Vorzeichen der Temporalisierung
  • Dirk Göttsche: „Auf der Brücke zweier Zeiten“. Traditionen und Neuansätze des Zeitromans in Romantik und Vormärz

  • Rezeptionen und Umschriften:
  • Christian Liedtke: „Mondglanz“ und „Rittermantel“. Heinrich Heines romantische Masken und Kulissen
  • Gerhard Höhn: Weder „Passionsblumen“ noch „nutzloser Enthusiasmusdunst“. Heine – Romantik – Vormärz
  • Sabine Bierwirth: Deutscher Vormärz und westeuropäische Romantik. Heinrich Heine und Victor Hugo
  • Wulf Wülfing: „Die jrine Beeme“. Einige Bemerkungen zur Romantik-Kritik im Vormärz, speziell bei Börne, Heine und den Jungdeutschen
  • Wolfgang Bunzel: „Der Geschichte in die Hände arbeiten“. Zur Romantikrezeption der Junghegelianer
  • Florian Vaßen: Rhein contra Themse. Georg Weerths Beziehung zur Romantik
  • Marjanne E. Goozé: Utopische Räume und idealisierte Geselligkeit: die Rezeption des Berliner Salons im Vormärz
  • Udo Köster: Frauenherrschaft, Zeitenwende. Über das Verhältnis von Mythos und Geschichte in Romantik und Vormärz am Beispiel der Bearbeitungen des Libussa-Stoffes bei Brentano, Ebert, Mundt und Grillparzer
  • Michael Perraudin: „Poesie“ ist keine „Trivialschule der sogenannten Realien“: Eichendorff als systematischer Anti-Realist. Zu Dichter und ihre Gesellen und Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands
  • Jochen Strobel: Nach der Autonomieästhetik. Zur Reaktion romantischer Autoren auf Veränderungen des Literatursystems in der Zeit des Vormärz

Aus der Kritik:
Auch dieser X. Themenband des Forums Vormärz Forschung überzeugt wieder durch seinen Inhalt und seine Komposition. [...] Das Diskussionsniveau der einzelnen Aufsätze zeigt an, dass sich inzwischen insgesamt die Vormärzforschung auf einem souverän eroberten Terrain mit zahlreichen kundigen Mitstreitern und Mitstreiterinnen befindet.
Joseph A. Kruse im „Heine-Jahrbuch“ 2004

In ihrer luziden Einleitung plädieren die Hrsg. für eine methodologisch erneuerte Sozialgeschichte, die sich – bei deutlicher Distanz zu systemtheoretischen Ansätzen – v.a. der historischen Diskursanalyse Foucaults und der Theorie des literarischen Feldes Bourdieus öffnet und damit der relativen Autonomie des literarischen Prozesses stärker Rechnung trägt. [...] – Die sehr lesenswerten Einzelbeiträge lösen in einer für Tagungsbände ungewöhnlich konsequenten Form die Programmatik der Initiatoren ein, was auch davon zeugt, wie breit und kreativ zur Zeit Neuansätze in der Vor- und Nachmärz-Forschung diskutiert werden.
Dirk Kemper in „Germanistik“ (Heft 1/2, 2004)