Gislinde Seybert (Hg.)

Das literarische Paar –
Le couple littéraire

Intertextualität der Geschlechterdiskurse / Intertextualité et discoeurs des sexes

2003, ISBN 3-89528-324-X,
571 Seiten, kart. EUR 50,-
 

 

Das internationale, pluridisziplinäre Kolloquium leistete einen Beitrag zur interdisziplinären Erforschung der Geschlechterbeziehungen und stellte dabei insbesondere das Spannungsverhältnis von lebensweltlicher Erfahrung in der Paarbeziehung und ihrer künstlerischen/diskursiven Repräsentation in den Mittelpunkt der literatur- und kulturwissenschaftlichen Forschung.
Der künstlerischen, literarischen, textuellen Formation der Geschlechterrollen im Gelingen oder im Scheitern der Kommunikation des jeweiligen Paares wurde mit der Analyse der Textstruktur im Sinne einer Intertextualität der Geschlechterdiskurse nachgegangen.

Inhalt:

  • Gislinde Seybert: Vorwort
  • Raphaela Averkorn: König Jaime II. (†1327) von Aragón und seine Töchter im Briefwechsel. Anmerkungen zur Vater-Tochter-Beziehung im Kontext weiblicher Lebenswelten im Spätmittelalter
  • Monique David-Ménard: Philosophie et passions entre Elisabeth de Bohême et René Descartes (Traité des passions)
  • Brunhilde Wehinger: Experimente auf der Suche nach dem Glück. Gabrielle Emilie du Châtelet und Voltaire
  • Carola Hilmes: Georg Forster und Therese Huber: Eine Ehe in Briefen
  • Gert Hofmann: ,Spiegel meiner Seele‘. Susette Gontards Briefe an Hölderlin
  • Sigrid Nieberle: „Daß der suchende Blick es / Kaum noch erkennt.“ Hölderlin und Sinclair
  • Béatrice Didier: Un drame à deux personnages. Scènes sur un théâtre privé : le journal de B. Constant 1804-1807
  • Joseph-Marc Bailbé: George Sand et Jules Sandeau: à la recherche d’un style
  • Christine Chambaz-Bertrand: George Sand et Solange. Une relation inaccomplie
  • Annette Runte: Pegasus mit langen Ohren. Über die poetische Paarwirtschaft zwischen Annette von Droste-Hülshoff und Levin Schücking
  • Thierry Poyet: Flaubert – Maupassant : Le couple au masculin. Complicité et héritage face aux femmes
  • Sigrid Bauschinger: „Ich bin Krieger mit dem Herzen, er mit dem Kopf.“ Else Lasker-Schüler und Herwarth Walden
  • Stephanie Bung: Catherine Pozzi, Paul Valéry und ein Gedicht mit zwei Gesichtern
  • Marianne Kröger: Themenaffinitäten zwischen Veza und Elias Canetti in den 30er Jahren und im Exil – Eine Spurensuche in den Romanen Die Schildkröten von Veza Canetti und Die Blendung von Elias Canetti
  • Stefanie Schott: Selbstbild und Fremdbild in der Lyrik zwischen Bertolt Brecht und Margarete Steffin
  • Irmgard Scharold: „… ogni giorno la fulminea genialità del compagno l’arricchiva e, insieme, la cancellava“ – Anna Banti und Roberto Longhi
  • Karin Hopfe: Durchs Fenster und durch die Kamera gesehen – Geschlechterverhältnisse im frankistischen Spanien in den Romanen von Carmen Martín Gaite und Rafael Sánchez Ferlosio
  • Silke Wagener: Zwischen Fremd- und Selbstbestimmung. Hannah Höchs Suche nach sexueller Identität
  • Susanne Kleinert: Literarisches Paar und Familienroman: Elsa Morante und Alberto Moravia
  • Annette Lavers: André et Clara Malraux: Engagement et Sexualité ou Comment l’existence vient aux femmes
  • Betty Halpern-Guedj: Simone de Beauvoir et Nelson Algren: Jeux d’ordres dans le discours amoureux
  • Françoise Rétif: Intertextualité et discours des sexes. Le couple Sartre-Beauvoir et le thème de l’avortement
  • Gérard Minescaut: Le Feu Follet, clavicule de Drieu : Lecture parallèle de Drieu La Rochelle et de Jacques Rigaut
  • Ruth Vogel: Ingeborg Bachmann und Max Frisch im Spiegel von Montauk
  • Gisela Dischner: Paul Celan und Nelly Sachs – Zur mystischen Dichtung der Moderne
  • Lise Frenkel: Deux versions d’un amour asymétrique : Journal amoureux de Dominique Rolin et Passion fixe de Philippe Sollers
  • Michel Margottet: L’impossible accord. Julia Kristeva et Philippe Sollers, écrivains
  • Eva-Maria Tepperberg: Un couple littéraire insolite : L’écrivain français (Julien) Serge Doubrovsky (né en 1928 à Paris) répond à son ex-analyste américain Robert U. Akeret (né en 1928 à Zürich)

Gislinde Seybert, Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin am Romanischen Seminar der Universität Hannover. Im Aisthesis Verlag erschienen Liebe als Fiktion. Studien zu einer Literaturgeschichte der Liebe von Petrarca bis Simone de Beauvoir (1995) und (mit Gisela Schlientz) George Sand – jenseits des Identischen / au delà de l’identique (2000).

Aus der Kritik:
Von Briefwechseln abgesehen, treffen wir in der Weltliteratur erstaunlich selten auf Werke, die Namen von zwei Autoren tragen oder ein Pseudonym, das für zwei Namen steht. Umso häufiger aber verbirgt sich in Genese und Genealogie eines Werks noch ein anderer Name als der genannte, sei es z.B., dass eine reale Person den Schaffensprozess initiiert oder begleitet hat, sei es, dass textuelle Einflüsse gewirkt haben. Die Ausdrucksformen der künstlerischen Partnerschaften sind unendlich, ihre geschlechtlichen und generationenübergreifenden Konstellationen vielfältig. Wie dem auch sei, das «nahe» Du – und nicht nur der ferne Dritte als Adressat und antizipierter Leser – übernimmt beim literarischen Schaffensprozess einen entscheidenden Part, der sogar «dialogische» Texte hervorbringen kann (für sie wurde der Begriff der «Bi-Textualität» geprägt). Der grandiose, höchst welthaltige Sammelband «Das literarische Paar / Le couple littéraire. Intertextualität der Geschlechterdiskurse» mit 29 Beiträgen bezieht sich auf Autoren aus dem deutschsprachigen und romanischen Raum, deren Spektrum von Elisabeth de Bohême / René Descartes über u. a. Georg Forster / Therese Huber, Hölderlin / Sinclair, Flaubert / Maupassant bis zu Else Lasker-Schüler / Herwardth Walden, Catherine Pozzi / Paul Valéry, Veza und Elias Canetti, Elsa Morante / Alberto Moravia und Julia Kristeva / Philippe Sollers reichen. Dabei kommen naturgemäss vor allem Werke zur Sprache, in denen die Partnerschaft Spuren auf der textuellen Ebene hinterlassen hat. In den kritisch-hermeneutisch oder diskurstheoretisch orientierten Beiträgen wird deutlich, dass vieles, was die Frauenforschung bisher für «wirklich» hielt, nur eine Konstruktion der Wirklichkeit war oder jedenfalls einem komplexeren Sachverhalt geschuldet ist als geschlechtsbedingten Hierarchiestrukturen.
jnk in „Neue Zürcher Zeitung“ (10.07.2004)