Inke Arns / Mirjam Goller / Susanne Strätling / Georg Witte (Hgg.)

Kinetographien

Schrift und Bild in Bewegung, Bd. 10,
hg. von Bernd Scheffer und Oliver Jahraus


2004, ISBN 3-89528-472-6,
602 Seiten, kart. EUR 45,-
 

Schrift notiert Bewegung. Schrift bewegt sich. Schrift ist ein Effekt von Bewegung, und Schrift bewirkt Bewegung. Will sich eine Theorie der Schrift nicht auf die kulturhistorisch zementierte Rolle der Schrift als Speichermedium beschränken, so muss sie eine Kinesis der Schrift thematisieren. Einem solchen Anspruch verdankt sich ein erweiterter Begriff der Kinetographie, der ursprünglich eine Methode der choreographischen Notation von Körperbewegung bezeichnet.
Kinetographische Phänomene sind vielfältig. Das Spektrum der in diesem Band versammelten Beiträge eröffnet und vernetzt historische und systematische Perspektiven auf mobile Schriftlichkeit: performative Vor-Schriften programmieren Maschinen- und Menschenordnungen, dynamisierte Kommunikations- und Transporttechniken überfordern die Wahrnehmungsraster des Menschen und kinetische Einschreibungen versetzen Sprachordnungen in schwindelerregende oder auch traumatische Unruhe. Im Licht kinetographischer Verfahren ist auch das Feld der bewegten Bilder neu zu entdecken. Kinetographien präparieren hier erst den Schriftcharakter des Filmischen als Schlüsselbegriff des Kinematographischen heraus.

Inhalt:

  • Vorwort

  • Programme
  • Stefan Rieger (Köln/Konstanz): Einstellung und Rückkopplung. Zur einer Theorie der menschlichen Bewegung
  • Inke Arns (Berlin): Texte, die (sich) bewegen: zur Performativität von Programmiercodes in Netzkunst und Software Art
  • Aage A. Hansen-Löve (München): Von der Bewegung zur Ruhe mit Kazimir Malevic
  • Anke Hennig (Berlin): Das kontinuierliche Dauern der Veränderung. Jeremija Joffes synthetisches Kunstkonzept
  • Vladimir Paperny (Los Angeles): The “Dvizhenie” Group: Art, Movement, Life-Building

  • Figuren
  • Bettine Menke (Erfurt): Aufgezeichnete Bewegung: Schall-Figur, Bewegungs-Bild
  • Susanne Strätling (Berlin): Mobile Monumente. Romantische Bewegungsfiguren aus Stein und Schrift (Aleksandr Puškin)
  • Erno Kulcsár-Szabó (Berlin/Budapest): Wie (un)zugänglich sind literarische „Bewegungsbilder“? Zur Lesbarkeit kinetographischer Techniken in der Lyrik zwischen Avantgarde und Spätmoderne
  • Peter Zajac (Berlin): Labile Balancen. Bewegungsfiguren in der Lyrik
  • Mirjam Goller (Berlin): Flüssige Körper. Verortungen und Verformungen des Anthropomorphen (exemplarisch in Literatur und Theorie der letzten Jahrzehnte)
  • Verena Olejniczak Lobsien (Berlin): Bewegung im Stillstand. Spielarten ‚translativer‘ Imagination in Texten der Frühen Neuzeit und der Moderne

  • Kinographie
  • Natascha Drubek-Meyer (München): Kino?Graphien
  • Winfried Pauleit (Bremen): Ein Flugzeug für Malevic. Die Bildexperimente John Baldessaris und ihr Beitrag für die Kunst- und Filmtheorie
  • Barbara Wurm (Wien): Kine(to)-mano-grafie. Animationsfilme von Evgenij Kondrat’ev und Boris Kazakov
  • Cornelia Soldat (Berlin): Schriftfilme. Zur imaginativen Kinesis in Tytus Czyzewskis Gedicht Flamme und Brunnen

  • Beschleunigung
  • Georg Witte (Berlin): Bewegte und bewegende Briefe. Schriftbeschleunigung als Imaginationstechnik der Empfindsamen
  • Gudrun Heidemann (Bielefeld): Bremsen, Kuppeln, Gasgeben: Boris Pasternaks semantisches Schalten mit Schriftzügen in seinem Schutzbrief
  • Sabine Hänsgen (Bielefeld): Visualisierung der Bewegung – Zirkulation in einem Land. Zum Motiv der Eisenbahn im sowjetischen Film der zwanziger und dreißiger Jahre
  • Harro Segeberg (Hamburg): Kinematographische Kinetographien. Der Action-Thriller Speed (1994) im Kontext moderner Geschwindigkeitsdebatten

  • intransitiv
  • Michail Ryklin (Moskau): Kinesis in no man’s land. Deutschland in den russischen Romanen Nabokovs
  • Stefan Hesper (Fröndenberg): „Jedes Ereignis befindet sich sozusagen in der Zeit, in der nichts passiert.“ Das Ereignis als Wunde im Gewebe der Zeit bei Jorge Semprun und Gilles Deleuze
  • Brigitte Obermayr (Berlin): Trips: Zu Theorien und Praktiken des Kurz-Mal-Weg (mit Stoff aus Texten von V. Narbikova, V. Pelevin, N. Sadur und Vl. Sorokin)
  • Thomas Schestag (Frankfurt a.M.): „Mort à jamais?“ Zur Beweglichkeit im Wort – mort – zwischen Proust und Adorno

  • Abbildungsnachweise

Inke Arns, freie Autorin und Kuratorin im Bereich Medienkunst. Promotion über die Avantgarderezeption in (Ex-)Jugoslawien und Russland seit den 1980er Jahren; letztes Ausstellungsprojekt über die Künstlergruppe Irwin. Publikationen zur Netzkultur, zur Neuen Slowenischen Kunst und zur Medienkunst.

Mirjam Goller, Juniorprofessorin für Ostslawische Literatur und Kultur an der Humboldt-Universität zu Berlin; Promotion über gestaltetes Verstummen in der russischen Prosa der frühen Moderne; aktuelles Forschungsprojekt über die anthropische Klammer des Wissens.

Susanne Strätling, wissenschaftliche Assistentin an der Humboldt-Universität zu Berlin; Promotion über den Konflikt von Lesbarkeit und Sichtbarkeit im russischen Barock; aktuelles Forschungsprojekt zur Rolle der Hand in ästhetischer Theorie und Geschichte der Künste.

Georg Witte, Professor für russische Literatur und Kultur an der Humboldt-Universität zu Berlin; Herausgeber und Übersetzer der Literatur des russischen Samizdat und des Moskauer Konzeptualismus; aktuelles Forschungsprojekt zur Gegenstandslosigkeit als ästhetischem Programm der Avantgarde.