Ingeborg Robles

Unbewältigte Wirklichkeit

Familie, Sprache, Zeit als mythische Strukturen im Frühwerk Thomas Manns


2003, ISBN 3-89528-425-4,
239 Seiten, kart. EUR 29,80
 

Mythos wurde oft als ein rettender Gegenpol zu den Erfahrungen der Moderne aufgefasst. Die frühen Texte Thomas Manns aber zeigen ein ganz anderes Verhältnis zwischen Mythos und Moderne. Figuren werden zutiefst gedemütigt, bis sich alles Menschliche an ihnen zu verlieren scheint. Eine zerstörerische Gewalt bricht über sie herein, die in ihrer Totalität und Undurchschaubarkeit mythisch zu nennen ist.
Diese Mythosauffassung wird hier durch eine philosophische Mythostradition beleuchtet, die von Vico über Benjamin bis zu Blumenberg reicht. Mythos wird so definiert als die Gleichzeitigkeit von Wirklichkeitsübermacht und dem Bemühen, sie zu bewältigen. Diese Duplizität des Mythischen gehört, wie zu zeigen versucht wird, selbst zur Struktur des Wirklichen.
Das Mythische ist nicht nur das, was plötzlich aus der Ferne herankommen kann, sondern auch das, was immer schon da ist wie die Zeit und die Sprache; es konstituiert die menschliche Singularität und bedroht sie gleichzeitig. Die frühen Erzählungen zeigen das problematische Verhältnis eines Einzelnen zur Wirklichkeit. Der Roman Buddenbrooks dagegen stellt die mythische Struktur der Familie dar.
Die Arbeit eröffnet eine neue Lesart des Mannschen Frühwerks. Die zum Teil wenig diskutierten frühen Erzählungen und Manns erster Roman lassen eine Problematik der Bewältigung erkennen, die erst viel später in Manns Werk explizit wird: mythisch vor der Mythisierung könnte man so das hier behandelte Werk – von Vision über Buddenbrooks bis zu Tristan und Wälsungenblut – charakterisieren.

Inhalt:

  • Danksagung
  • I. Einleitung
  • II. Mythos und Wirklichkeit
  • 1. Der Schrecken des Mythos
  • 2. Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos
  • 3. René Girard: Das Heilige und die Gewalt
  • 4. Das Haupt der Medusa oder das Weiterwirken des gebändigten Schreckens
  • 5. Das Mythische und das Wirkliche
  • 6. Der Umschlag von Realismus in Mythos
  • III. Thomas Mann – Mythos als Bewältigung des Wirklichen
  • 1. Thomas Manns Beschäftigung mit dem Mythos
  • 2. Thomas Mann und die Wirklichkeit
  • 3. Mythos als geistige Form
  • 4. Die Freud-Rede
  • IV. Sprache und Zeit
  • 1. Anfänge – Frühe Texte
  • 2. Zwei Briefe
  • 3. Frühlingssturm
  • 4. Vision
  • 5. Gefallen
  • 6. Der Wille zum Glück
  • 7. Enttäuschung
  • 8. Der Tod
  • V. Ähnlichkeit und Differenz
  • 1. Tristan und Wälsungenblut
  • 2. Wälsungenblut
  • 3. Tristan
  • VI. Buddenbrooks
  • 1. Götter und Gelehrte
  • Der Dichter und der Hausarzt
  • Ärzte
  • Philosophen
  • Götter
  • 2. Familienmythos
  • Zeit
  • Tod
  • Verwandtschaft
  • Schwiegertöchter und Schwiegersöhne
  • Abgegrenztes Fleckchen
  • Wie Glieder in einer Kette
  • Familienkonflikte
  • Brüder
  • 3. Innen und Außen
  • Lübeck
  • Was von außen kommt: Essen und Briefe
  • 4. Bewältigung
  • Die Löffel und die Revolution
  • Tony und die Atlasschleifen
  • Sprache und Humor
  • Schlußbemerkung
  • Literaturverzeichnis

Ingeborg Robles, geboren 1971, studierte Germanistik, Spanisch und Musik an den Universitäten Köln, Bonn, Oxford und Charlottesville/Virginia (USA). Zur Zeit lebt sie in Oxford.