Salomo Friedlaender/Mynona

Ich (1871-1936)

Autobiographische Skizze

Herausgegeben von Hartmut Geerken

AISTHESIS Archiv 3

2003, ISBN 3-89528-394-0,
151 Seiten, kart. EUR 14,80


 

Eine Autobiografie, die im dritten Viertel des 19. Jahrhunderts beginnt und 1936, mitten im deutschen Schlamassel, zehn Jahre vor dem physischen Ende des Autors endet, hat einen besonderen Stellenwert in der Geschichte der Autobiografien. Sie beschreibt das Leben eines deutschen Intellektuellen in höchst widerwärtigen Zeiten, ein Leben, das sich in den goldenen Zwanzigern zu einem beachtlichen Höhepunkt aufzuschwingen vermag, um dann um so krasser in eine unvorstellbare Tiefe zu stürzen. Der Philosoph Salomo Friedlaender, der unter dem Pseudonym Mynona zahlreiche Prosawerke veröffentlichte, die zu den aggressivsten des literarischen Expressionismus zählen, endete 1946 in Paris in unsäglicher Armut. In den letzten Jahren vor Kriegsende war er permanent von der Gefahr bedroht, nach Auschwitz deportiert zu werden. In dieser Zeit schrieb Friedlaender/Mynona die, wie er selbst feststellt, wichtigsten Werke seines auch sonst äußerst produktiven Lebens. Das magische Ich, Vernunftgewitter, Ich-Heliozentrum, Das Experiment Mensch, Kant und die sieben Narren, Ich. Autobiographische Skizze sind nur einige Titel aus der Zeit des Exils. Das magische Ich wurde 2001 bei Aisthesis erstveröffentlicht. Die Autobiografie liegt hier, erstmals vollständig ediert nach der von Friedlaender/Mynona hergestellten Endfassung vor. Die übrigen Typoskripte befinden sich unveröffentlicht im Nachlass.
In der Autobiografie sind innere Entwicklungen und äußere Begebenheiten ineinander verschlungen, verknotet, aufeinander bezogen oder hart gegeneinander geschnitten. Dieser Charme der harten Schnitte zwischen Innenwelt und Aussenwelt machen den Reiz dieser Autobiografie aus.
Immer wieder sind in die Autobiografie Anekdoten und Charakterisierungen von Zeitgenossen eingeflochten, wie z.B. von Paul Scheerbart, Georg Simmel, Else Lasker-Schüler, Ernst Barlach, Samuel Lublinski, Anselm Ruest, Alfred Kubin, Ernst Marcus, Carl Einstein, Herwarth Walden u.v.a.m.
Den Salomo Friedlaender/Mynona der Exilzeit gilt es zu entdecken. Man wird ihn mit seiner Theorie der ,transzendentalen Empfindung‘ und das ,magischen Ich-Heliozentrums‘ als Vordenker von Rupert Sheldrake, Jacques Derrida, Stephen Hawking oder Fritz Perls mit seiner Gestalttherapie nicht länger ignorieren können.

Inhalt:

  • Salomo Friedlaender/Mynona: Ich (1871-1936). Autobiographische Skizze
  • hartmut geerken: heliozentrisch/vulgivaginal. salomo friedlaender/mynona & sein experiment mit sich selber
  • Detlef Thiel: Autoheliobiogravur. Das Kindlein Salomo Friedlaender/Mynona auf dem Weg zu sich
  • Biobibliografische Zeittafel (1871-2001)
  • Namenverzeichnis

Salomo Friedlaender/Mynona (1871-1946) studierte zunächst in München und Berlin Medizin und Zahnmedizin, seit 1896 spekulative Philosophie. Nach seiner endgültigen Übersiedlung nach Berlin (1906) schreibt er unter dem Pseudonym „Mynona“ Gedichte und Grotesken, die in den expressionistischen Zeitschriften Der Sturm und Die Aktion veröffentlicht werden. 1933 flieht er aus Berlin und lebt in Paris unter größten materiellen Entbehrungen und in der dauernden Gefahr der Deportation. 1946 stirbt er 75jährig in Paris, wo er auf Armenkosten begraben wird.

Aus der Kritik:
Mynona, der zunächst Salomo Friedlaender hieß, wurde von diesem so ab 1909 abgespalten und festgehalten, als ein anonymisiertes Alter ego von sich selbst […]. Und soeben erschien seine autobiographische Skizze Ich, in der Friedlaender zwar vorgibt, nur sein inneres und geistiges Leben schildern zu wollen, überall aber guckt genügend Prominentenklatsch und inzwischen 66jährige Sexsüchtigkeit hervor.
Ulrich Holbein in „konkret“, Juli 2003

Ein spät gehobener Schatz aus dem Archiv ist auch diese "Skizze". Der fantastische, oft ein bisschen spukhafte Exzentrizialphilosoph Salomo Friedlaender (1871 bis 1946), als dadaesker Grotesken-.und Grimassenschreiber unter dem Namen Mynona berüchtigt, hat sie 1936 im Pariser Exil verfasst. Schwungvoll schwankend zwischen freimütigem Lebenslauf und zeitgeprägter Lebensphilosophie, gelingen ihm immer wieder hinreißende Miniaturen – wie zum Beispiel vom Freund Paul Scheerbart: "Dieser hohe Mensch bückte sich humoristisch, um in der niedrigen Enge seines Daseins Platz zu finden." Besser kann man es nicht sagen.
Benedikt Erenz in der „Zeit“, 1.10.2003