Elemente des kritischen Polarismus Aus dem Nachlaß herausgegeben von Hartmut Geerken
AISTHESIS Archiv 2 Aus der Kritik
Salomo Friedlaender/Mynona
Das magische Ich
2001, ISBN 3-89528-336-3,
302 Seiten, kart. EUR 34,80

Salomo Friedlaender/Mynona schrieb zwei philosophische Hauptwerke: Schöpferische Indifferenz, geschrieben in Berlin und erschienen in zwei Auflagen (1918, 1926) und Das magische Ich, geschrieben Mitte der 30er Jahre im Exil in Paris. Friedlaender selbst betrachtete Das magische Ich als sein wichtigstes philosophisches Werk. Die nach seinen eigenen Worten noch unkritische Schöpferische Indifferenz findet hier eine polare Präzisierung. Woran Physik und Biologie seit Jahren intensiv arbeiten, scheint Friedlaender auf dem Gebiet der Philosophie erreicht zu haben: eine Art Lebens- oder Weltformel, mithilfe derer sich Individuum, Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst zentral harmonisieren lassen.
Der Altkantianer Friedlaender transformiert Kants Kritiken zu einer Lebensphilosophie und öffnet Fenster der Weltsicht, die Kant und seinen Nachfolgern noch verschlossen waren: "Die bisherige Philosophie ist eigentlich nur eine korrumpierte Theorie der Magie." (Mynona).
Mit Vorworten von Claudio Naranjo und Hartmut Geerken und einführenden Essays von Sigrid Hauff und Detlef Thiel.
Salomo Friedlaender/Mynona (1871-1946) studierte zunächst in München und Berlin Medizin und Zahnmedizin, seit 1896 spekulative Philosophie. Nach seiner endgültigen Übersiedlung nach Berlin (1906) schreibt er unter dem Pseudonym "Mynona" Gedichte und Grotesken, die in den expressionistischen Zeitschriften Der Sturm und Die Aktion veröffentlicht werden. 1933 flieht er aus Berlin und lebt in Paris unter größten materiellen Entbehrungen und in der dauernden Gefahr der Deportation. 1946 stirbt er 75jährig in Paris, wo er auf Armenkosten begraben wird.
In den Fachlexika wird der Philosoph Salomo Friedlaender nicht einmal erwähnt. Mehr Popularität erlangte sein Alter ego Mynona während des expressionistischen Jahrzehnts. Während Mynonas witzig-skurrile Erzählungen und Romane auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch zahlreiche Leser fanden, sind die unter seinem eigenen Namen publizierten philosophischen Arbeiten des Dichter-Philosophen in Vergessenheit geraten.
1911 veröffentlichte Friedlaender eine von Georg Simmel hochgelobte Nietzsche-Biographie, 1918 erschien sein philosophisches Hauptwerk "Schöpferische Indifferenz", dessen Thesen im Werk Walter Benjamins Spuren hinterlassen haben. Friedlaender selbst schätzte jenes seiner Werke am höchsten, das nun - mehr als ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode - erstmals von seinem Nachlaßverwalter Hartmut Geerken publiziert worden ist. Bereits 1937 hatte sich der Pariser Verlag Felix Alcan bereit erklärt, "Das magische Ich" gegen eine Kostenbeteiligung von 20.000 Franc zu drucken. Friedlaender war seinerzeit mittellos, so daß er auf eine Veröffentlichung des Textes verzichten mußte. Im Herbst 1933 hatte der jüdische Dichter und Denker Nazi-Deutschland den Rücken gekehrt und sich ins Exil nach Paris begeben. Dort führte er bis zu seinem Tode im September 1946 ein zurückgezogenes Leben, das durch Einsamkeit und bittere Armut geprägt war.
So desolat die Lebensumstände waren, unter denen "Das magische Ich" entstand, so großartig und glänzend sind die Utopien, die in diesem Werk entworfen werden. Friedlaender verheißt der Menschheit einen gloriosen Siegeszug der Vernunft, der all das wahr werden läßt, wovon die Aufklärer aller Zeiten bislang nur träumen konnten. Allerdings könne das Vernunftzeitalter nur dann anbrechen, wenn Friedlaenders "Kritischer Polarismus" zu einer massenhaft verbreiteten philosophischen Praxis würde.
Als geistigen Vorläufer seiner Philosophie preist Friedlaender keinen geringeren als Kant, dessen Werke er im "Magischen Ich" recht eigenwillig interpretiert. Der strenge Rationalist gilt ihm als Entdecker eines apriorischen Organismus, der das formale "Ur-Ich" des Menschen bildet. Dieser Körper, den man sich als denkenden, fühlenden und wollenden "Ätherleib" vorzustellen habe, sei in sich identisch und besitze daher die Fähigkeit, das zu einen, was in der sinnlich wahrnehmbaren Welt als disparates Stückwerk erscheine.
Friedlaender reformuliert im "Magischen Ich" einen Gedanken, der bereits sein stark durch Schopenhauer und Nietzsche inspiriertes Frühwerk beherrscht. Die Welt, so Friedlaenders zentrale philosophische These, sei ein ewiger Zwiespalt, den man nur individuell harmonisieren könne. Das gesamte Dasein zerfalle in polare Gegensätze, zwischen denen der einzelne Mensch sein persönliches Gleichgewicht nur dann finde, wenn er sich inmitten der Pole indifferent, das heißt im wesentlichen neutral, halte. Zwischen Leben und Tod, Geist und Leib, Vernunft und Sinnlichkeit, Licht und Finsternis, Zukunft und Vergangenheit klaffe ein Abgrund von Zerrissenheit, "der nur durch die schwebende Tätigkeit des Einheit spendenden Ich wie mit Flügeln 'verbunden', 'verknüpft' wird". Gelinge diese Balance, inkarniere man den apriorischen Organismus so vollständig und perfekt, daß man mit seinem ideellen Vernunft-Ich, welches über magische Kräfte verfüge, identisch werde. Von diesem "apriorischen Ideen-Ich strahlt die polarisierende Indifferenz-Kraft wie die der Sonne aus und zwingt alle Phänomene nach dem Gesetz ihrer Mitte zum harmonischen System".
Der schlichte Gedanke, daß der einzelne seine inneren Zwiespälte nur befrieden könne, wenn er sich um Selbsterkenntnis bemühe, wird von Friedlaender in überwiegend abstrakten Formulierungen manisch reproduziert. Mit beschwörenden Worten, in denen das messianische Pathos der Expressionisten nachklingt, beklagt er die monströse Erkrankung" des menschlichen Selbstbewußtseins und empfiehlt sich selbst als Arzt am Krankenbette der Menschheit und als Vollender der Aufklärung. Selbst die "allerbesonnensten Menschengeister" unter den Philosophen dachten nach Friedlaender noch nicht nüchtern und präzise genug, so daß ihnen der polare Charakter des apriorischen menschlichen Ich weitgehend verborgen blieb. Das die Welt in ihrem Innersten zusammenhaltende und beherrschende Gesetz der Polarität sei eine "Weltformel", deren Erkenntnis eine "ungeheure Gesundung" des Menschengeschlechts und in letzter Konsequenz gar dessen Erlösung zur Folge habe.
Kant und Christus als Vorläufer Friedlaenders? Mit seinen von Größenwahn zeugenden philosophischen Ergüssen schien Friedlaender-Mynona nicht nur seine Leser, sondern vor allem auch sich selbst besprechen zu wollen. Die Zerrissenheit, von der er die Menschheit befreien wollte, war letztendlich seine eigene. Friedlaender hatte während seiner Exilzeit kaum noch Gelegenheit, seine Texte zu publizieren. Und je weniger er gehört wurde, desto lauter wurde seine Stimme.
Ines Hoffman in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 2.3.2002