Claudia Stockinger / Stefan Scherer (Hgg.)

Martin Kessel
(1901-1990)


2004, ISBN 3-89528-397-5,
362 Seiten, kart. EUR 40,-
 

Der Berliner Autor Martin Kessel ist heute weitgehend vergessen. Dabei hatte er es zu Beginn der 1930er Jahre gewagt, mit dem Angestelltenroman Herrn Brechers Fiasko gegen die zeitgenössischen Großprojekte von Thomas Mann, Alfred Döblin oder Robert Musil anzutreten – und zwar auf fulminante Weise: Mit aphoristischem Sprachwitz und essayistischer Beobachtungsgenauigkeit läßt der Roman die Realität der Angestelltenwelt im geistreich-zynischen Sprechen der Figuren über diese Welt entstehen und gibt dadurch eine kongeniale literarische Antwort auf soziologische Zeitdiagnosen, wie sie etwa Kracauers Artikelserie Die Angestellten (1929) versucht hatte.
Doch Kessel ist nicht nur als Autor von Herrn Brechers Fiasko hervorgetreten – immerhin umfaßt seine Werkbiographie beinahe das gesamte 20. Jahrhundert, und er ist für dieses Werk mit den wichtigsten Literaturpreisen wie z.B. dem Georg-Büchner-Preis 1954 ausgezeichnet worden.
Der Band gibt einen Überblick über die unterschiedlichen Facetten von Kessels Autorschaft und über zentrale Aspekte seines Gesamtwerks: über den Philologen Kessel und seine Arbeit Studien zur Novellentechnik Thomas Manns, über Kessels Poetologie und Die epochale Substanz der Dichtung, über Kessels Verhältnis zu Geschichte und Anthropologie, über Autorstrategien im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit, über den Lyriker und Erzähler Kessel im literarhistorischen Kontext, über die Bedeutung der Werbung für Kessels Erzählen, über die Erzählungen während der NS-Zeit und über Kessels Nachkriegsroman Lydia Faude.

Inhalt:

  • Stefan Scherer/Claudia Stockinger: „Bei historischer Betrachtungsweise kommt eines zu kurz: die Variante der Möglichkeit.“ Martin Kessel – eine Einführung
  • Steffen Martus: Martin Kessel als Literaturwissenschaftler
  • Gerhard Kaiser: Inszenierungen des Authentischen: Martin Kessel und Die epochale Substanz der Dichtung
  • Franz Adam: Die Welt als „Schoß“ und „Rachen“. Geschichtsmodell und Anthropologie in Martin Kessels Essayistik
  • Sven Hanuschek: „Gesellschaft ist eben Gesellschaft, mein Lieber“. Kessel goes politics
  • Thomas Betz: Hochspannung und Drehwurm. Zu Martin Kessels Lyrik der 1920er Jahre
  • Annette Simonis: Martin Kessel und die Prosa der europäischen Moderne
  • Walter Delabar: „Wie doch der Kopf einen Menschen zugrunderichten kann!“ Einige Überlegungen zu Martin Kessels Herrn Brechers Fiasko
  • Thomas Wegmann: Wohnen, Werben, Reden. Über das (nicht nur) ästhetische Zuhause von und in Martin Kessels Roman Herrn Brechers Fiasko
  • Uwe Japp: Schein und Referenz. Die Schwester des Don Quijote als Künstlerroman
  • Franziska Mayer: Inszeniertes ‚Geheimnis‘ und Poetik der Leerstelle. Zu Martin Kessels Erzählwerk während der NS-Zeit: Die Schwester des Don Quijote (1938) und Ein verlorener Abend (1940)
  • Sabina Becker: Ein „Leben der Surrogate“ im Wirtschaftswunderland. Martin Kessels Nachkriegsroman Lydia Faude (1965)
  • Wilfried F. Schoeller: Der Dichter auf verlorenem Posten. Über Martin Kessel. Ein Essay
  • Bibliographie
  • Personenregister
  • Zu den Beiträgern

Aus der Kritik:
[...] der Stockinger/Scherer-Band führt ein gutes Stück den Weg voran, auf dem wir „Herrn Bechers Fiasko“ hinterher müssen.
Thomas Althaus in „Zeitschrift für Germanistik“ (Heft 2/2006)