Mandy Funke

Rezeptionstheorie – Rezeptionsästhetik

Betrachtungen eines deutsch-deutschen Diskurses


2004, ISBN 3-89528-430-0,
201 Seiten, kart. EUR 17,50
 

Ende der sechziger Jahre entwickelten sich in der Literaturwissenschaft der beiden deutschen Staaten zwei Theoriekonzepte, die sich mit Fragen der Rezeption von Literatur auseinandersetzten. Die Rezeptionstheorie in der DDR entstand mit der Zielsetzung, eine kommunikativ-funktionale Literaturtheorie zu entwerfen, und die Rezeptionsästhetik in der Bundesrepublik versuchte, Maßstäbe für eine neue Literaturgeschichtsschreibung zu formulieren. Die Studie weist nach, daß die in vielerlei Hinsicht ähnlichen Konzepte zunächst unabhängig voneinander erarbeitet wurden, bis es zu einem Austausch kam, der 1976 in eine Kooperation mündete. Die Arbeit wertet unveröffentlichtes Archivmaterial aus und dokumentiert Interviews mit den Protagonisten der Rezeptionstheorie: Karlheinz Barck, Manfred Naumann und Dieter Schlenstedt.

Inhalt:

  • I. Einleitung
  • 1. Zielsetzung
  • 2. Methode
  • 3. Gegenstand
  • II. Gesellschaft – Literatur – Lesen im Spiegel der Jaußschen Rezeptionsästhetik
  • 1. Die sechziger Jahre – eine Umbruchsphase in der Literaturwissenschaft beider deutscher Staaten
  • 1.1. Die Zäsur in der Literaturwissenschaft der Bundesrepublik
  • 1.2. Zur Destruktion des produktionsästhetischen Programms in der DDR
  • 2. Die neue Sicht auf die Literaturgeschichte
  • 3. Zur Genese von Gesellschaft – Literatur – Lesen
  • 3.1. Institutionelle Voraussetzungen – das „Zentrum für Literaturgeschichte“ (ZIL)
  • 3.2. Das Projekt „Kultur des Lesens“ – Rezeption aus ideologischer Sicht
  • 3.3. Von der Leserlenkung zu einer kommunikativ-funktionalen Literaturbetrachtung
  • 4. Die theoretischen Voraussetzungen der Rezeptionsästhetik und der Rezeptionstheorie
  • 4.1. Jauß – zwischen Formalismus und Marxismus
  • 4.2. Gesellschaft – Literatur – Lesen – im Wechselspiel der Marxschen Kategorien Produktion und Konsumtion
  • 5. Die zentralen Parallelen in den Konzepten der Rezeptionsästhetik und der Rezeptionstheorie
  • 5.1. Erwartungshorizont und Rezeptionsvorgabe
  • 5.2. Werk-Leser/Leser-Werk
  • 6. Zusammenfassung
  • III. Zur Diskussion des rezeptionsästhetischen Ansatzes von Jauß
  • 1. Jauß und die westdeutsche Kritik
  • 1.1. Der Erwartungshorizont – ein unbestimmter Begriff. Karl Robert Mandelkow (1970)
  • 1.2. Keine Literaturgeschichte ohne Objektivität des Kunstwerkes. Gerhard Kaisers Antithesen (1971)
  • 1.3. Wo bleibt der reale Leser? Hartmut Eggert (1973)
  • 1.4. Jauß’ Metakritik (1973)
  • 1.5. Jauß’ Erkenntnisinteresse bleibt werkorientiert. Jörn Stückrath (1979) und Beate Pinkerneil (1975)
  • 1.6. ‚Rezeption‘ und ‚Wirkung‘ – zwei untrennbare Begriffe (1973-1979)
  • 1.7. Zusammenfassung der westdeutschen Kritik
  • 2. Jauß und die ostdeutsche Kritik
  • 2.1. Keine Rezeption ohne Produktion. Manfred Naumann (1970)
  • 2.2. Keine Literaturgeschichte ohne Entstehungsgeschichte. Robert Weimann (1971-1973)
  • 2.3. Wo bleibt die Objektivität des Werkes? Robert Weimann zum Zweiten (1971-1973)
  • 2.4. Jauß’ Antwort auf die ostdeutsche Kritik (1973)
  • 2.5. Jauß-Kritik in Gesellschaft – Literatur – Lesen (1973)
  • 2.5.1. Idealismusvorwurf
  • 2.5.2. Rezeption und Wirkung – zwei Seiten einer Medaille
  • 2.5.3. Auseinandersetzung mit Jauß’ polemischer Kritik der marxistischen Literaturtheorie
  • 2.6. Zusammenfassung der ostdeutschen Kritik
  • IV. Zur Diskussion von Gesellschaft – Literatur – Lesen
  • 1. In der Bundesrepublik
  • 1.1. Auf der Höhe westeuropäischer Forschung. Helmut Winter (1974)
  • 1.2. Alte Klischees werden aufgegeben. Fritz J. Raddatz (1974)
  • 1.3. 1974: ein reger Briefwechsel zwischen Jauß und Naumann beginnt
  • 1.4. Jauß’ Fortsetzung des Dialogs zwischen ‚bürgerlicher‘ und ‚marxistischer‘ Rezeptionsästhetik (1975)
  • 1.5. Eine „vorbildliche“ literaturtheoretische Studie. Beate Pinkerneil (1975)
  • 1.6. Produktionsästhetik wird Vorrang gegeben. Walter Reese (1980)
  • 1.7. Zusammenfassung
  • 2. In der DDR
  • 2.1. Im letzten Jahrzehnt nichts Vergleichbares entgegenzusetzen. Dietrich Löffler und Martin Fontius (1974)
  • 2.2. Anstoßgeber für die ‚kommunikativ-funktionale‘ Richtung (1974-1982)
  • 2.3. Wirkungsästhetik (1975-1984)
  • 2.4. Empirische Wirkungsforschung (1978-1983)
  • 2.5. Zusammenfassung
  • V. Zeitzeugen im Gespräch
  • 1. „Rezeptionstheorie war für mich nur eine Übergangsgeschichte gewesen.“ Ein Gespräch mit Karlheinz Barck
  • 2. „Die marxistische Literaturtheorie war in einer Sackgasse gelandet.“ Ein Gespräch mit Manfred Naumann
  • 3. „Wir wollten Rezeptionstheorie im Horizont einer denkbaren Funktionstheorie.“ Ein Gespräch mit Dieter Schlenstedt
  • VI. Schlußbemerkungen
  • VII. Literaturliste

Mandy Funke, Dr. phil., geboren 1974, studierte Germanistik, Philosophie und Betriebswirtschaft in Göttingen und Magdeburg; promovierte mit dieser Arbeit 2003 an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg; arbeitet seit 2001 als Referentin in der Staatskanzlei des Landes Sachsen-Anhalt.

Aus der Kritik:
[...] Funkes Dissertation [greift] einen Aspekt heraus, der wissenschaftsgeschichtlich hochinteressant bleibt und weitere Arbeiten rechtfertigt.
Daniel J. Gall in „literaturkritik.de“ (Nr. 4, April 2006)

[...] Die Arbeit von Mandy Funke ist aus verschiedenen Gründen nachdrücklich zu begrüßen. Sie stellt die Problematik der Rezeptionstheorien in den beiden deutschen Staaten in den Jahren ihrer Entstehung klar heraus. Es gelingt ihr nicht nur, das so soft verkannte literaturkritische Feld der DDR zu rehabilitieren und neu zu bewerten, sondern auch die produktive Wechselwirkung der theoretischen Debatten in den beiden deutschen Staaten in ihrer gegenseitigen Dynamik aufzuzeigen. [Diese Arbeit ist] auch ein interessantes Beispiel für neue Ermittlungen in der Rezeptionsforschung: Statt den Transfer als bloßen Exportations- und Importationsprozeß zu betrachten, erforscht sie die reiche Komplexität der „Kreuzungsprozesse“ innerhalb der kulturellen Felder.
Danielle Risterucci-Roudnicky in „Arbitrium“ (1/2008)