Ralf B. Korte / Elisabeth Hödl

FM dj [reading reise durch die nacht]

Ein elektronischer Briefroman

AISTHESIS argonauten presse


2004, ISBN 3-89528-402-5,
136 Seiten, kart. EUR 16,80
 

Friederike Mayröckers Reise durch die Nacht reportiert nicht allein eine Zugfahrt zwischen Wien & Paris, der Text stellt auch eine Relektüre von Derridas la carte postale zur Verfügung, die die spezifischen Schreibarbeitsbedingungen der Autorin sichtbar macht.
Der Versuch, dieses für zeitgenössische Literatur archetypische Spannungsverhältnis zu rekonstruieren, mündet nicht zufällig in eine literarische Form, die den fragmentarischen Charakter jeden modernen Blicks auf die Zustände der Schrift allenfalls zu dokumentieren vermag: im Austausch von e-mails konstituiert sich eine Leseerfahrung, die en passant 2 Friederike Mayröcker (fm) & Jacques Derrida (jd-dj) im besten Sinn aufhebende Schreibweisen zu generieren beginnt.



Leseprobe: (auch als pdf-Datei, 92KB)

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13.02.2001 – 05.21h – r:e – ablauf der dinge
zurück jetzt. oder eben noch im abteil etwas gesehen, indessen der rückblick auf das andere land beim Tränenvergieszen : da war das keine gute Zeit und nun also fort und überhaupt zurück auf der kurzstrecke tür zu tür. oder gesehen die kalthängenden Wiesengründe : mit getrübtem Auge : undsoweiter. Wir beginnt das wird erschöpft 9 1/2 zeilen später im lieben und nicht sprechen können der anderen sprache : ein Gespenst : aber sonstwie.

da schon die differenzen, und alles was kommen kann rücken sein, hintergehungen oder rückkoppeln an getrenntes und getrennt vorhandenes mit dem Ablauf der Dinge, was dem Umstand zuzuschreiben sein mochte. „Noch im Nachtzug beim Ankommen in Wien hab ich mir die erste Seite notiert, die ist genau im Schlafwagen noch entstanden,“ sagt fm beim plaudern mit dieter sperl, also tatsächlich ins eintreffen des zuges die erste seite als nachtrag, noch und noch. sehen Sie das kauern im still gestellten abteil, die notiz in die antizipierte absenz des anderen hinein den fm den Vorsager nennt dort im text hier aber Ohrenbeichtvater erinnert „nein, nicht Ohrenbeichtvater, er hat anders geheissen“ erinnert fm im dezember 1993 für sperl, oder erinnert sich nicht. lesen Sie dieses eintragen in ankunft die heisst Wir sind jetzt aus Frankreich zurück […] undsoweiter, die skizze der projektion aus dem anhalt von bewegung nach dem vorüberwischen, entschleunigung also fahrtenschreiber für das oberdeck (eine vorfolgerung). und sammeln wir fürs erste, oder dieses mal noch: den Vorsager / Ohrenbeichtvater \ er hat anders geheissen und ich : mit getrübtem Auge. dann die Verliebtheit in sie und wir beherrschten die Sprache nicht. noch das erschöpfen und Tränenvergieszen und vorüberwischen oder zuschreiben, kalthängend. alles das in dem Schlafabteil und die Stunden der Nacht waren auch Verteufelung. bleiben fragen nach den Dingen ihrem Ablauf und den Umständen, sachverhalten wort gegen satz reibend, die Hemmungen ..

14.02.2001 – 02.26h – r:e – railway spine
dieses angst haben vor unglücken in einem solchen Nachtzug, der durch eine unbeleuchtete Gegend rast, das imaginieren möglicher katastrophen, dem das ich von fm sich überlassen hat vor dem lernerfolg der frankreichreise, jederzeit an jedem Ort Schlaf zu finden, das hat mein Körper gelernt noch vor dem Verstand, schreibt fm in das reiseprojekt beim rückblick auf aussicht zum lauten im fremden, und ein oder zwei Daunenkissen führe ich immer mit auf Reisen… wolfgang schivelbusch erwägt 1977 dass es sich lohne „über den begriffsgeschichtlichen Zusammenhang von Unfall, Krise und Neurose nachzudenken“ und rekonstruiert wie im gutachterdiskurs der eisenbahnunfallhaftpflichtversicherungen aus dem 1866 erstdiagnostizierten ‚railway spine‘ [einer als mechanische erschütterung des rückenmarks vorgestellten verletzung von eisenbahnunfallopfern] ‚traumatische Neurosen‘ werden „die ihren Sitz aller Wahrscheinlichkeit nach in der Großhirnrinde haben und die Psyche sowie die Zentren der Motilität, Sensibilität und Sinnesfunktionen betreffen“ wie hermann oppenheim 1889 notiert: aus der erkenntnis schwerwiegender beeinflussung der gemütsverfassung ‚from fright and from fright only‘. schivelbusch verbindet die sexualverschiebung des neurosenbegriffes im freudkonzept mit dem nachlassen des schreckens dem rückgang von schienenunglücken nach der etablierungsphase des technischen systems eisenbahn, indessen das ich von fm aus Angst, es würde einen Zusammenstosz geben vorn in der Lokomotive, und alle Wagen würden, aus den Schienen springend, sogleich umstürzen und ihre dürftig bekleideten Passagiere unter sich begraben, weint, und ich habe bis ins hohe Alter geweint, meinen nachwachsenden Kindern nachgeweint, die auf solche Art umgekommen sind, sage ich, James und Susanna, lesen Sie diese verschränkung des katastrophischen mit dem abwurf einer biografie, und schivelbusch weist auf das jenseits des lustprinzips hin, rückkehr des schocks zu freud im erleben des weltkrieges nummer eins: wie die normalität sexueller friedensneurosen um das ursprüngliche der technikfolgenunabschätzbarkeit sich revitalisiert, darunter wird zu schreiben sein, wie die projektion der projektion der fm dieses ich in der Dunkelheit zum messinggerahmten Stahleinsatz meines Bettes tasten lässt mit der analyse: der Schädel zumindest würde draufgehen dabei, und fern jedem Unterschlupf all meine verwahrlosten Sachen, mein ganzer verwahrloster Leib. die angststelle schreibt den stoss vorn in der Lokomotive nicht in sie hinein: als schreibe fm die in der lok wirkenden kräfte schon von ursachen getrennt: der kollision (es gibt die andere möglichkeit: kesselexplosion, werden Sie sehen). und das weinen bis ins hohe Alter […], sage ich, ist eine weitere distanz von 1982 bis 1983 [schreibraum der zeitreise], das postulat der umgekommenen kinder James und Susanna. dieses sage ich stelle ich Ihnen als den abstand hin zwischen fm und diesem ich [schon über den rücken sich er\blickend], folgen Sie mir? die wagen würden und würden sogleich, synchron mit den kollisionswirkungen in der lok, umstürzen und ihre dürftig bekleideten Passagiere unter sich begraben, und ich habe bis ins hohe Alter geweint schreibt fm, lesen Sie den ebenenwechsel das aus-den-schienen-springen der projektion zur deskription der rückstellung, auf die umgekommenen kinder fallend? und diese autorenanekdote noch im nachzug: am 9.juni 1865 hat charles dickens einen eisenbahnunfall den er vier tage später in einen brief beschreibt (den schivelbusch aufzeichnet): „Meine Gemütsverfassung ist normalerweise, wie soll ich sagen, durchaus robust (so meine ich wenigstens), und ich war zum Zeitpunkt des Unfalls nicht im geringsten erregt. Ich erinnerte mich augenblicklich, daß ich noch ein Manuskript bei mir hatte, und ich kletterte zurück in den Wagen, um es zu holen. Indem ich jedoch diese wenigen Worte niederschreibe, fühle ich mich plötzlich überwältigt und muß den Brief abbrechen. Ihr ergebener Ch. D.“ eine vergleichende nachhaltigkeit des chocks notiert fm nach den schrecken in dieser so herrschaftlichen Stadt, aber im schlaf schon daran vorbei gleitend in das geräusch des atmens von selbst: eine plötzliche Neigung Eingebung Gabe vielleicht, weil ich dermaszen geschunden war, so wiegte es mich in den Schlaf heute nacht in diesem Reisebett, den aufenthalt in der unfallzone für dieses mal leichter benehmend als jenes ausgesetzt sein in anderer sprachumgebung und alles sehr fremd und bedrohlich finden. die angststelle zug wirkt dort gegen sprachverlust, stellt überwindung her als notiz in die überschreibung, im übertrag. Während einem die Tränen kommen und das manuskript geborgen ist sich fortsetzen lässt, auf den mitleitstrahlen à gogo.

indessen Daunenkissen mit dem polstern spielen, und „die Polsterung beginnt funktional“ erläutert uns schivelbusch, auf siegfried giedion weisend der das auswandern gepolsterter eisenbahnsitzgelegenheiten [deren aufgabe im herabmildern der kleinen erschütterungen im regelbetrieb rollender waggons besteht] in die bürgerlichen salons des 19.jhdts darstellt als hereinnahme einer geste des reisen-könnens und entsprechend luxurierter existenz, als blickfederung über dem stahlskelett der neubauten über den stahlspiralen unter den polsteroberflächen. die mitnahme von kissen trägt im gegenzug das (un\eigen)heim in eine fremde, in der dieses ich der fm schon deshalb sich jederzeit unerwünscht fühlen muss, ja, als ein Gespenst inmitten dieser so herrschaftlichen Stadt inmitten dieser ihrer direkten selbstherrlichen lauten Bewohner, da französische kopfpolster sich von den typischerweise in mitteleuropa verwendeten unterscheiden, also alles bis an den Rand aber sonstwie. Während einem, Sie wissen schon, die Tränen kommen, naturgemäß – das hat mein Körper begriffen auf dieser Reise in dieser fremden Umgebung.