Sabine Kyora/ Axel Dunker/ Dirk Sangmeister (Hgg.)

Literatur ohne Kompromisse.
ein buch für jörg drews


2005, 2. Auflage, ISBN 3-89528-446-7,
468 Seiten, kart. EUR 24,80
 

Inhalt:

  • Axel Dunker, Sabine Kyora, Dirk Sangmeister: Biographisches Wörterbuch

  • I
  • Herbert Achternbusch: Wenn einer Professor wird
  • Jeremy Adler: Kleiner Sonettenkranz für Jörg Drews
  • Franz Josef Czernin: Aphorismen. (Aus: Einführung in die Organik)
  • Hartmut Geerken: flüstern aus der senne auf patmos & von anderswo her
  • Ludwig Harig: Schöpfungslust. Ein alexandrinisches Sonett und seine Variationen nach der Methode S+X
  • Friederike Mayröcker: Hommage an Jörg Drews
  • Bernd Rauschenbach & Jörg W. Gronius: Der Bielefelder Bote oder Ein Bett in Bargfeld. Ein Stück für Jörg Drews
  • Gerhard Rühm: Ja. ein lautgedicht für j.d.
  • Ferdinand Schmatz: Kleine Enzyklopädie zu Jörg Drews
  • Paul Wühr: Ob

  • II
  • Otto Breicha (†): Arno Schmidt hat uns zusammengeführt
  • Werner Fritsch: Achternbusch, Jörg Drews und ich
  • Inge Poppe-Wühr: Warum eigentlich nicht?
  • Kurt Scheel: Ich, Arno Schmidt und Jörg Drews

  • III
  • Wolfgang Albrecht: Humanitätsdenken zwischen vorantiker Scheinutopie und aktuell aufklärerischer Kritik. Wielands Diogenes-Schrift im Kontext der Naturrechts-Diskurse um 1770
  • Thomas P. Saine: Hellste Köpfe, dickste Finsterniß. Der Beruf des Predigers und das Studium der Theologie im 18. Jahrhundert
  • Dirk Sangmeister: Die Insel Felsenburg liegt in einem Teich bei Braunschweig. Über Goethe, Goue und den Argonauten-Orden in Riddagshausen
  • Friedmar Apel: Aufmerksamkeit ist Leben. Goethes Italienische Reise als Sehprojekt
  • Thomas Taterka: „Man könnte Göthe hassen, wenn man dieser Dinge gedenkt!“ Victor Hehns Auseinandersetzung mit Goethe
  • Bärbel Raschke: Der Verleger und sein Lektor. Das Arbeitsverhältnis zwischen Georg Joachim Göschen und Johann Gottfried Seume
  • Heide Hollmer/Albert Meier: „Ich zog dem Betrüger die Maske ab“. Dr. Joseph Hagers Gemälde von Palermo (1799)
  • Ernst-Peter Wieckenberg: „Revolutionsmann“ oder Abenteurer? Justus Erich Bollmann und die Französische Revolution
  • Susanne Ledanff: Lob und Tadel der Hauptstadt: Berliner Gesellschaftsleben und Kulturbetrieb zwischen 1800 und 1848. Überlegungen zu einer Rekunstruktionsarbeit der ‚Stadt als geselliger Raum“‘
  • Paul Raabe: Das Herz der Else Lasker-Schüler ging verloren. Eine bibliographische Anmerkung zur kritischen Ausgabe ihrer Werke
  • Henner Löffler: Joyce in Syrakus?
  • Fritz Senn: Labyrinthine Joyce – classically detailed
  • Friedhelm Rathjen: Was bleibt? Eine Fährtensuche am Strand von Sandymount
  • Kai Kauffmann: Momente des Fragmentarischen. Zur Analyse des narzißtischen ‚Stils’ im essayistischen Werk Rudolf Borchardts
  • Friedrich Pfäfflin: „Ich verliere stets, was ich liebe“. Sidonie Nádherný, Schloß und Park Janowitz in den Jahren von 1942 bis 1945
  • Uwe Pörksen: „… es ist ja wie die Entdeckung von Sprache überhaupt.“ Ein Gespräch mit Werner Kraft
  • Josef Huerkamp: Ein Mann mit Eigenschaften. Die Hoppenstedt-Figur in Arno Schmidts Roman Das steinerne Herz
  • Kenneth S. Calhoon: Lautverschiebung: Music and Materiality in Ernst Jandl’s Laut und Luise
  • Robert Weninger: Hohle Ausreden, oder: Wenn Dichters Wort zum Spott und Skandal wird. Eine Polemik rund um Heinrich Böll und Martin Walser
  • Doris Plöschberger: „Geschichten in Gesichten“. Über die Verlebendigung der Vergangenheit und die Erinnerung einer Lebensgeschichte in Werner Fritschs Monolog Cherubim
  • Carla A. Damiano: Walter Kempowski’s Echolot: Question of Reception and the Genesis and Nature of Montage
  • Klaus Ramm: Gehirnpost mit Zyklamenstimme. Das Couvert der Vögel von Friederike Mayröcker
  • Sabine Kyora: „1 Waldbrausen zwischen Hirn und Hand“. Körperlichkeit und Inspiration in Friederike Mayröckers Prosa brütt oder Die seufzenden Gärten
  • Axel Dunker: Das fiktionale Gedächtnis der Dinge. Zu W.G. Sebalds Austerlitz

Aus der Kritik:
Irgendwann muss der Mann entschieden haben abzuheben. Wars in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung, irgendwann Anfang der Siebzigerjahre also, oder schon früher? Vielleicht in jenem denkwürdigen, glücklicherweise fotografisch festgehaltenen Moment Ende der Sechzigerjahre, als er gemeinsam mit Arno Schmidt im Heidepanorama herumstand, die Schnapspulle im Anschlag? Sicher ist: Jörg Drews, nunmehr pensionierter Professor der Universität Bielefeld, ist und bleibt ein Phänomen.
Der mittlerweile zweite Band, der binnen kürzester Frist zu Ehren des Jubilars erschienen ist, bestätigt das: „Überhaupt ist er weit und breit interessiert, kennt Gott und die Welt, ohne Berührungsängste oder einschlägige Zwänge“, schreibt etwa Otto Breicha, der kürzlich verstorbene, langjährige Herausgeber der verdienstvollen österreichischen Zeitschrift Protokolle, über Drews. Der umtriebige Literaturwissenschaftler sei ihm zudem überhaupt niemals „professorenhaft“ begegnet, erinnert sich Breicha.
Auch andere Laudatoren bestätigen diese unprätentiöse, lockere Offenheit des intellektuellen Kommunikators Drews. „Du kannst du auf mich sagen“, soll er 1970 zu dem jungen Kurt Scheel in München gesagt haben, als dieser den Meister in einem von Drews abgehaltenen Arno-Schmidt-Seminar an der dortigen Uni kennen gelernt hatte. „Doch, ich erinnere mich genau an die merkwürdige Formulierung – und damit wurde er also ‚der Jörg‘ und ich ‚der Kutte‘.“
Die Liste der Beiträger, die sich landauf, landab berufen fühlen, dem 1938 in Berlin geborenen Meister ihr Lob zu singen, ist lang: Herbert Achternbusch, Friederike Mayröcker, Paul Wühr, Werner Fritsch, Bernd Rauschenbach und Jörg W. Gronius – alle winden sie Drews literarische, aphoristische oder auch eigenwillige zeichnerische Sonettenkränze. Zwar betonen Einzelne von ihnen zwischendurch ihre aufgeklärte Distanz zu dem muffigen Genre der professoralen Festschrift, doch das hier ist schon eine solche – wenn auch eine ziemlich abwechslungsreiche, die den schnöden akademischen Usancen weitgehend entsagt. Versehen mit einer durchweg wohltuenden Ironie kippt die hier geballt aufgetürmte Portion Ehrerbietung nie ins Peinliche.
Ein Drews-Lesebuch also, das eine schon ältere Polemik des Verlegers Jörg Schröder widerlegt, wonach der Arno-Schmidt-Verehrer Drews zu jener Sphäre grauer, „Staub scheißender“ Feuilleton-Eminenzen gehört habe, die sich Schmidt in seinem „furchtbaren Heidebunker“ seinerzeit kriecherisch genähert hätten, „all diese grauenhaften Polker, Hermeneutiker, Kaffeesatzleser, Dechiffrierer. Was da alles für Leute sich zusammengefunden haben. Alles Klaustrophile“.
In der zweiten Hälfte des Buchs befassen sich dann Kollegen von Drews in zahlreichen literaturwissenschaftliche Aufsätzen nicht etwa nur mit Arno Schmidt, sondern auch mit Goethe, Johann Gottfried Seume, James Joyce und anderen - allesamt Autoren, die Drews von jeher besonders interessiert haben und um deren Erforschung er sich in den letzten Jahrzehnten verdient gemacht hat.
So weiß etwa Henner Löffler in seinen Notizen über den Spaziergänger Joyce, dass die meisten der wirklich innovativen Schriftsteller auffällig manische Spaziergänger waren. Löffler erinnert an Seume, der im Jahre 1802 von Sachsen schlappe 6.000 Kilometer nach Syrakus auf Sizilien wanderte. Aber auch an die ausdauernden Flaneure Charles Dickens, Franz Kafka und Arno Schmidt sowie an den unerschrockenen Schmetterlingsfänger, Fußballtorwart und begeisterten Tennisspieler Vladimir Nabokov.
Josef Huerkamp wiederum, einer der absoluten Rekordhalter in Sachen Buch- und Aufsatzpublikationen über Arno Schmidt, untersucht in seinem Beitrag die Hoppenstedt-Figur aus Schmidts „historischem“ Roman „Das steinerne Herz“. Dr. Hoppenstedt, jene extrem blasse Figur, die im Roman als eine Art Hass-Pappkamerad des Erzählers viermal auftritt, wird zunächst auch von Huerkamp als „komplett und rundherum ridikule Type“ vorgestellt. Hoppenstedt sei dabei im Blick auf den Erzähler als „Projektion seines ressentimentgeladenen Leidens“ lesbar – „wenn schon kein Charakter, so doch glaubwürdig genug, weil Arno Schmidt ihn wohl brauchte – und das nicht nur aus artistischen Gründen“. Der Clou: Die herablassenden Dialoge, die der Protagonist Walter Eggers mit Dr. Hoppenstedt führt, entpuppen sich in Huerkamps Lesart vor dem Hintergrund einer Bemerkung aus den „Berechnungen“ Schmidts als weniger besserwisserische, sondern letzthin ironisch gebrochene Selbstgespräche des Autors.
Ohne Zweifel: Dieses Jörg-Drews-Lesebuch ist zumindest in seiner Vielfältigkeit absolut kompromisslos.
Jan Süselbeck in „taz Magazin“, 20.3.2004