Hanns-Marcus Müller

„Bizepsaristokraten“

Sport als Thema der essayistischen Literatur zwischen 1880 und 1930


2004, ISBN 3-89528-457-2,
231 Seiten, geb. EUR 24,-
 

Die vorliegende Untersuchung ist eine weitausgreifende kulturwissenschaftliche Studie zum Verhältnis von Sport und Literatur. Sie betrachtet die den Sport thematisierende essayistische Literatur zwischen 1880 und 1930 als einen Versuch, den immensen gesellschaftlichen Erfolg des Sports um 1900 auf Erklärungsmuster zurückzuführen, die Sport und Sportlichkeit als sinnhaften Teil einer (wie auch immer verstandenen) Tradition erscheinen lassen – oder umgekehrt: als nicht minder sinnhafte Absage an diese Tradition. Im Essay wird der Sport nicht allein gefunden, sondern erfunden: nämlich propagiert, problematisiert und persifliert. Das Buch schreibt die Geschichte dieser Erfindung.

Inhalt:

  • Einleitung: Was bleibet aber, stiften die Trainer!
  • 1. Vorrede: Stresemanns Lapsus
  • 2. Einleitung: Vom Einbruch des Sportlichen in die Literatur
  • 3. Methodische Vorentscheidungen
  • 3.1 Die Textauswahl
  • 3.2 Der Sportbegriff
  • 3.3 Der zeitliche Rahmen

  • Kapitel I: Das mißvergnügte Vergnügen: Sport als Wille zur Individuation im Maschinenzeitalter
  • 0. Das „spielerische Ursprungsglück“ des Sports. Ernsthafter Sport versus sportlicher Unernst: ein Problemaufriß
  • 1. Die neue Zeit ist kalt: Sport als Antwort auf das Maschinenzeitalter
  • 1.1 Der antibürgerliche Gestus der Sportleidenschaft
  • 1.2 Das Sportparadox: Sport als Modernitätssymbol der Modernitätskritik
  • 1.3 Sportlicher Irrationalismus und die apparathafte Ratio
  • 1.4 „Loch“, „Vakuum“, „Strudel“: Sport als unerklärliches Faszinosum
  • 1.5 „Das Ornament der Masse“: Sport und Natur
  • 1.6 Das Drama des Boxens: Sport und ‚neue Sachlichkeit‘
  • 1.7 Fazit
  • 2. Sport und ‚Amerikanismus‘: Der Sportler als Typus siegreicher Modernität
  • 2.1 ‚England‘ und ‚Amerika‘ als kulturtypologische Konstanten der Sportessayistik
  • 2.2 Der Sportler als Exponent der neuen Zeit: Sport im Dienste der Demokratie
  • 2.3 Der Sportler als Soldat in kurzen Hosen: Sport im Dienste der Demokratiekritik
  • 2.4 Fazit
  • 3. „Das Leben des Nichtgelebten“: Die Geburt des Sports aus dem Geist des Zusehens
  • Nachschrift: ‚Die Maske des Erfolgs‘: Anfang und Ende des Sportlermärchens

  • Kapitel II: Nacktheit, Tierheit, Vitalismus: Der Sportkörper als secessio corporis
  • 1. Die Befreiung vom Korsett: Sport und Nacktheit
  • 1.1 Abschied vom fin de siècle
  • 1.2 „Die neue Jugend“: Kameraderie statt Lüsternheit
  • 1.3 „Der Sport nivelliert die Geschlechter“: Zur Versportlichung der Geschlechterdifferenz
  • 1.4 Fazit
  • 2. „Der Goldklang in dem Wort Leben“: Vitalismus als inszenierte Naivität
  • 2.1 Nietzsches frühe Sportkritik versus Schelers Apologie des Sports
  • 2.2 secessio corporis: Sport als Kritik des Dualismus von Körper und Geist
  • 3. Vom Glanz des Gedankens, zu den Primaten zu gehören: Musils Sportverständnis auf den Spuren Nietzsches und Kleists
  • 4. Das eingefrorene Lächeln: Der Sportler als narzißtische Persönlichkeit
  • 4.1 Die Kraftkerle als interessante Kuriositäten
  • 4.2 Der risus artificialis als physiognomischer Ausdruck der sportlichen Unnahbarkeit
  • 4.3 Fazit

  • Schluß
  • 1. Resümee
  • 2. Nachrede
  • 2.1 In Sachen Stresemann
  • 2.2 In eigener Sache

  • Epilog: Sport und Krieg. Ein Essay

  • Anmerkungen
  • Pour dire merci
  • Literaturverzeichnis

Hanns-Marcus Müller, Dr. phil., geb. 1961, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in Köln. Er ist seit 1989 im Schuldienst und in der Lehrerfortbildung tätig (derzeit als Oberstudienrat in Neuss) und war von 1996 bis 1999 Lehrbeauftragter für Literaturdidaktik an der Universität zu Köln. Daneben auch Autor und Conferencier verschiedener literarischer Kabarett-Programme.

Aus der Kritik:
Die Kunst, aus Arbeit Unsinn zu machen, nennt man Sabotage, Provokation oder Dada. Die Kunst, aus Unsinn Sinn zu machen, nennt man Entertainment oder – Sport. Zu dieser Einsicht kommt man bei der Lektüre des geistreichen Buches von Hanns-Marcus Müller. [...] Die feinsinnige, facettenreiche Untersuchung der Demokratisierung des Ruhms durch den Sport ist mit Müllers Analyse nun geleistet.
Richard David Precht in „Die Welt“ (28.08.2004)

Seine lesenswerte Studie zeigt auf, dass die Essayistik über den Sport um die Jahrhundertwende überaus heterogen war und in ihrer Vielschichtigkeit auf verschiedene Diskursgruppen verweist: Angehörige des mittleren Bürgertums, Militaristen, Intellektuelle – sie alle trugen jeweils Erwartungen an das [...] angelsächsische Importprodukt „Sport“ heran.
Daniel Jütte in „Neue Zürcher Zeitung“ (28.07.2005)

[...] [Müllers] Text ist bündig und assoziativ angelegt sowie schwungvoll geschrieben – und überaus lesbar. [...] [Die] Arbeit reüssiert nicht nur darin, die Betrachtungen von so unterschiedlichen Figuren wie Nietzsche, Musil, Brecht und Kracauer zum Sport analytisch einzubinden, sondern auch die Texte heute unbekannter Autoren zu vergegenwärtigen. [...] Das Gleiche ließe sich für Müllers schlüssige Erfassung verschiedenartiger Theorien, beispielhaft für eine gelungene Interdisziplinarität, feststellen. Es finden sich überall Anregungen für die weitere Erforschung des Themas.
Cornelius Partsch in „German Studies Review“ (29/2, Mai 2006)