Das literarische Leben aus Sicht seiner Überwacher
Inhalt:
Enno Stahl ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Rheinischen Literaturarchiv des Heinrich-Heine-Instituts. Er ist Verfasser zahlreicher belletristischer und wissenschaftlicher Publikationen, zuletzt u.a.: „Literarisches Leben am Rhein. Quellen zur literarischen Infrastruktur 1830-1945“ , 3 Bde., 2008 sowie Herausgeber von „Partei, Partei, wer wollte sie nicht nehmen...“. Texte rheinischer und westfälischer Autoren in Vormärz und Revolution (mit B./ Füllner), 2008; Vormärzlyrik, CD (mit B. Füllner), 2008; Kulturelle Überlieferung: Bürgertum, Literatur und Vereinswesen im Rheinland 1830-1945 (mit B. Kortländer und C. Ilbrig), 2008.
Neuerscheinung
Bernd Kortländer / Enno Stahl (Hgg.)
Zensur im 19. Jahrhundert
2012, ISBN 978-3-89528-890-6,
269 Seiten, kart. EUR 28,-

Nie in der jüngeren deutschen Geschichte traten Zensur und Überwachung des literarischen Lebens so massiv auf wie im Preußen des 19. Jahrhunderts. Zahlreiche Behörden und Verwaltungsstufen waren in die Unterdrückungs- und Steuerungsprozesse verstrickt, jeder Verbotsfall gab Anlass zu zahlreichen Hin- und Rückbriefen, zu An- und Hinweisungen an höhere oder niedere Dienststellen. Im zentralistisch regierten Flächenland Preußen gingen die Ordres aus Berlin weite Wege, zunächst zu den Oberpräsidenten der Provinzen, von da an die Regierungspräsidenten, Landräte oder Bürgermeister der einzelnen Orte. Das Ergebnis war eine Behördenkorrespondenz, die sich in Hunderten von Aktenmetern misst.
In der Literatur- und Kulturwissenschaft sind diese Bestände noch nicht oder nur sehr geringfügig aufgearbeitet worden, obwohl sie die Zensurforschung auf ein ganz neues Fundament stellen würden - weg von den Einzelfällen (wichtigen Autoren und deren persönlicher Zensurgeschichte) hin zur Erfassung der institutionellen Mechanismen. Wenig bekannt ist etwa, dass die Gängelung von Literatur und Presse nach Wegfall der Zensur noch erheblich forciert wurde und bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts fortdauerte. Selbst der Begriff der Zensur ist keineswegs abschließend definiert; was genau das eigentlich ist, welche Prozesse am Werke waren, ist bislang kaum in ausreichender Detailliertheit erforscht worden. Der vorliegende Band unternimmt den Versuch, den Zensurbegriff klarer zu konturieren und das damit verbundene Verwaltungssystem auf Basis der archivalischen Quellen zu rekonstruieren.
Bernd Kortländer ist stellvertretender Direktor des Heinrich-Heine-Instituts Düsseldorf und Honorarprofessor an der Heinrich-Heine-Universität. Er ist Verfasser und Herausgeber zahlreicher Bücher und Aufsätze zu Heinrich Heine, Annette von Droste-Hülshoff, zur Literatur- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts, zum deutsch französischen Literaturtransfers und zur Literatur und Kultur des Rheinlands (u.a. Annette von Droste-Hülshoff. Hist.-krit. Ausgabe. Bd. II. 1994/98; Nationale Grenzen und internationaler Austausch. Literatur - Geschichtsschreibung - Wissenschaft. 1995; Rheinisch. Zum Selbstverständnis einer Region. 2001; Heinrich Heine. 2003; Baudelaire und Deutschland. 2005; Mendelssohn in Düsseldorf, 2009).
Aus der Kritik:
Die beiden Herausgeber des Bandes Zensur im 19. Jahrhundert [beide sind Mitarbeiter des Heinrich-Heine-Instituts,] wollen die Zensurforschung auf ein neues Fundament stellen: weg von den Einzelfällen, hin zur systemischen Erfassung institutioneller Mechanismen. Wie funktioniert Zensur? Welchen Zielen diente sie? Und welche Mittel setzte sie ein? Antworten geben vor allem archivalische Quellen. Das ist spannender, als es auf den ersten Blick erscheint. Die Akten der Zensurbehörden geben darüber hinaus auch beste Einblicke in die Entwicklung des Verlagswesens, der literarischen Vereine und der Verbreitung von Literatur im 19. Jahrhundert überhaupt.
David Eisermann in „Mosaik“ (WDR 3, 22.2.2012)
Den Audio-Beitrag gibt es hier: http://www.wdr3.de/mosaik/details/artikel/wdr-3-mosaik-82616ac130.html
In seinem Aufsatz „Zahnlücken der Zeit“ folgt [Plachta] den Spuren realer und fiktiver Zensureingriffe vom späten 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Dabei interessiert ihn vor allem die Phänotypie der Tilgungen, die manche Druckseiten in etwas verwandelten, das eher „Fisches Nachtgesang“ von Christian Morgenstern gleicht. Denn das, was ausgemerzt werden sollte, blieb sichtbar: Lücken, Striche und Sternchen, Punkte und Einschwärzungen kennzeichneten chiffrierte Namen und Passagen, in denen Erotisches, politisch Unliebsames oder Religionskritik eliminiert worden waren. [
] Ohne sichtbare Zensur keine so sensiblen Leser und keine so erfindungsreichen Verleger wie Autoren, siehe Heine. Zensur wird von der Forschung also nicht mehr nur als negativ wirkende Institution beschrieben, sondern als konstitutiver Teil eines literarischen Feldes. [
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Ursula Scheer in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (16.05.2012)
[
] Die Zensurthematik ist ein weites, oft schwer zu überblickendes Forschungsfeld, das sich zudem aufgrund der meist schwer zugänglichen Quellen als ein schwieriges Terrain entpuppt. Der vorliegende Sammelband ist als ein eindrucksvoller Beweis zu werten, dass sich die mühsame und zeitintensive Recherche in Archiven und Aktenkonvoluten auszahlt, um den Bereich der reinen anekdotenhaften Abhandlung von Zensur zu verlassen und die tatsächliche Arbeitsweise der Zensurinstanzen und ihre realen Auswirkungen auf die Autoren, die Verleger, die Buchhändler, ja auf das kulturelle Leben einer Gesellschaft insgesamt zu beleuchten.
Barbara Tumfart in „literaturkritik.de“ (April 2012)
Die vollständige Rezension: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=16520
The volume is thoroughly reseached and consistently lively and informative. If anyone out there is a getting a little tired of »theory«, here is a chance to learn some real stuff.
Jeffrey L. Sammons in „Monatshefte“ (Vol. 104, Nr. 3, 2012)