Neuerscheinung 

Franziska Schößler

Börsenfieber und Kaufrausch

Ökonomie, Judentum und Weiblichkeit bei Theodor Fontane, Heinrich Mann, Thomas Mann, Arthur Schnitzler und Émile Zola

Figurationen des Anderen 1


2009, ISBN 978-3-89528-756-5,
346 Seiten, kart EUR 38,-
 

Leseprobe: PDF-Datei, 1 Mb



E-Book: EUR 27,80 bei Paper'C

Die vorliegende Studie untersucht den Zusammenhang von Antikapitalismus, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit, wie er sich in literarischen und nicht-literarischen Texten der Jahrhundertwende abzeichnet. Avanciert die Ökonomie um 1900 zum Leitdiskurs der rasanten Modernisierung, so geraten allem voran die Börse und das Kaufhaus ins Zentrum der antikapitalistischen Kritik. Diese ordnet die „spekulativen“ Finanztransaktionen sowie die neuartigen Konsumpraktiken bevorzugt Minoritäten zu, genauer: dem scheinbar korrupten jüdischen Börsianer, dessen „nervöser“ Habitus dem volatilen Spekulationspapier zu entsprechen scheint, und der willensschwachen Käuferin. Auf diese Weise artikulieren die Texte ihre Vorbehalte gegen den „schnöden Mammon“ und fixieren die Grenzziehungen der Mehrheitsgesellschaft. Auch die in Populärromanen beliebte Figur des Ingenieurs, der an der Schnittstelle von Ökonomie und Genie steht, folgt diesen Diskursregeln, denn er muss gemeinhin eine Schule der Askese durchlaufen, um sich gegen die Verlockungen des Geldes und die „dubiosen“ Aktiengesellschaften zu wappnen. Die Studie untersucht die Börsen-, Geld- und Kaufhauskritik sowohl in kanonischen Texten (Theodor Fontane, Heinrich Mann, Thomas Mann etc.) als auch in Populärromanen und Essays. Sie rekonstruiert die Gegenentwürfe in deutsch-jüdischen Texten (Arthur Schnitzler, Salomon Kohn etc.) sowie die alternativen Konzeptionen der Börse in US-amerikanischen Romanen.

Inhalt:

  • Einleitung
  • „Feindliche Schwestern“: Literatur und Ökonomie
  • Selbstreferenz und Fiktion: Die Börse als Inbegriff der Moderne
  • Minoritäten: Ökonomie, Race und Gender
  • Methoden I: Kulturpoetik, Wissenspoetologie und Economic Criticism
  • Methoden II: Antisemitismusforschung


  • I Börse und Kredit: Spekulanten, Bankiers und Literaten

  • Der jüdische Börsianer und das unmögliche Projekt der Assimilation: L’Adultera von Theodor Fontane
  • „Raub am Volkseigentum“: Die Börse und das bürgerliche Produktivitätsethos
  • Rastlosigkeit: Sesshaftigkeit versus Mobilität
  • Der Wolf im Schafspelz: Die Aporien der Assimilation
  • Intime Spekulationen: Die Ehe als Geschäft

  • Theatralität und Spekulation: Im Schlaraffenland von Heinrich Mann
  • „Jüdische Begabungen“: Presse und Börse
  • Theatralität: Das Schauspiel und die Börse
  • Möglichkeitsexistenz: Die Wandlungsfähigkeit von Geld und Unternehmer
  • Zukunftsmusik: Ökonomische und dichterische Spekulationen
  • Bleichröder und Strousberg: Bankier und Eisenbahngründer
  • Mann und Sombart: Weiblichkeit, Judentum und Luxus
  • Mann und Veblen: Stellvertretender Konsum und demonstrative Verschwendung

  • Spekulation und die Willkür der Zeichen: Buddenbrooks von Thomas Mann
  • Grenzziehungen: Internationaler Export versus nationaler Großhandel
  • Betrug: Kreditwesen und Sprachspiele
  • Simulierte Arbeit: Das Termingeschäft
  • Dekadente Improvisationen: Kunst und Spekulation
  • Das kalte Herz: Rationalität und Melancholie
  • Faule Ehen: Weibliche Unproduktivität

  • Kreditwürdigkeit und die Gefahr der Hermetik: Königliche Hoheit von Thomas Mann
  • Hermetische Mathematik: Kredit und Schreiben
  • Dampfdruckheizung: Fragliche Kreditwürdigkeit
  • Volkstümliche Wärme: Populärliteratur
  • Carnegie und Wagner: Der Aufstieg des Spekulanten als Untergang
  • Kälte und Ehrgeiz: Das problematische Leistungsethos

  • Intime Spekulationen und die Geheimnisse der Börse/der Frau: Fräulein Else von Arthur Schnitzler
  • Die drei großen Rätsel: Geheimnis und Enthüllung
  • Ökonomisches Erzählen: Inflationäre Preise und die Akkumulation von Geschichten
  • Lyrische Geldpoeten: Der Rausch der Spekulation und des Erzählens

  • Idealbilder des Börsianers: Ein Spiegel der Gegenwart von Salomon Kohn, Großstadtjuden von Adolf Dessauer und Werther, der Jude von Ludwig Jacobowski
  • Distinktionen: Kompetenz, Rationalität und Genie
  • Traditionen: Ehre, Mildtätigkeit und Glaube
  • Gegenentwürfe: Christliche Korruption und integrative Arbeitsphantasien

  • Der Unternehmer als Bauer: Walther Rathenau
  • Gegenentwürfe I: Der Kampf gegen das „goldne Gespenst“
  • Gegenentwürfe II: Assimilation und geistige Kultur
  • Kraft und Herz: Der Unternehmer als Bauer

  • Die Börse als Naturkraft und Medium nationaler Integration: The Pit von Frank Norris
  • Naturkraft Börse: Integrative Metaphorisierungen
  • Epos des Geldes: Ökonomie als Kunst
  • Wertverfall: Volatile Liebesbeziehungen


  • II Produktion und Konsumtion: Ingenieure, Unternehmer und Käuferinnen

  • Der Ingenieur als Spieler und Spekulant: Cécile von Theodor Fontane
  • Phantastische Eisenbahn: Die Aporien der technischen Vernunft
  • Ein Spieler: Der Ingenieur als Erfinder
  • Ein „Naturkind“: Der Ingenieur als Fremder
  • Falsche Spekulationen: Die Unmöglichkeit der (technischen) Kommunikation

  • Der Ingenieur als Kulturträger und Genie: Der Tunnel von Bernhard Kellermann, Die Alpenfee von E. Werner und Der Gewaltigste von Wilhelmine von Hillern
  • Antijüdische Klassifikationen: Unternehmer, Eroberer und Händler
  • Reklame: Kunst und Ökonomie
  • Geld versus Genie: Populärromane um 1900

  • Kaufrausch und Kleptomanie: Au Bonheur des Dames von Émile Zola
  • Kopflosigkeit: Hysterische Käuferinnen
  • Demimonde: Die käufliche Frau
  • Kriminalisierung: Das Pathogramm der Kleptomanie
  • Weibliche Männer: Die Erosion der Geschlechterordnung
  • Zirkularität: Weiblichkeit als Geld und Schrift

  • Jüdische Kaufhausbesitzer: Warenhaus Berlin von Erich Köhrer und Der Warenhauskönig von Alexander Freund
  • Destruktionsphantasien: Die Universalisierung des Kaufhauses und sein Untergang
  • Sozialistische Zukunftsvisionen: Ehrbarer Kaufmann versus jüdischer Trust

  • Schluss

  • Literaturverzeichnis

  • Dank

Franziska Schößler ist seit 2004 Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Trier. Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn und Freiburg (1984-1990). Studienaufenthalte in Paris, London, Brisbane. Dissertation über Adalbert Stifter (1994), Habilitation über Goethes Lehr- und Wanderjahre (2001) (Francke 2002), beides an der Universität Freiburg. 2002-2004 Oberassistentin an der Universität Bielefeld (am Lehrstuhl von Klaus-Michael Bogdal). Seit 2008 Teilprojektleiterin im SFB 600 Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart an der Universität Trier. Forschungsschwerpunkte: Ökonomie und Literatur (mit Schwerpunkt Antisemitismusforschung); Drama und Theater (mit Schwerpunkt Gegenwartsdramatik); kulturwissenschaftliche Literaturtheorie; Gender Studies. Publikationen (in Auswahl): Einführung in das Trauerspiel und das soziale Drama (Darmstadt 2. Auflage 2008); Augen-Blicke. Erinnerung, Zeit und Geschichte in Dramen der neunziger Jahre (Tübingen 2004, Forum Modernes Theater); Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft. Eine Einführung (Tübingen 2006, UTB); Einführung in die Gender Studies (Berlin 2008, Akademie Verlag).


Aus der Kritik:


Schößlers Buch dürfte in der sicher noch längst nicht erschöpften Debatte um das Verhältnis von Literatur und Ökonomie eine gewichtige Rolle spielen, da überzeugend herausgearbeitet wird, wie ökonomische Diskurse oft unterschwellig auf rassen- und gendertheoretischen Prämissen beruhen, zumal einige dieser Prämissen noch immer am Werk sind und den zeitgenössischen Diskurs strukturieren.
Dies wird abschließend an Martin Walsers Roman „Angstblüte“ unter Beweis gestellt. Aber auch jenseits der aufgearbeiteten antisemitischen und frauenfeindlichen Klischees ist es faszinierend zu entdecken, wie die kollektive Wahrnehmung der Börse in der aktuellen Krise dem Bild ähnelt, das um 1900 etabliert war. Franziska Schößler hat zwar keineswegs das Buch zur Krise geschrieben, ihren ohnehin überzeugenden Analysen kommt durch den Bezug zur Gegenwart aber noch größere Durchschlagskraft zu.
Manuel Bauer in „literaturkritik.de“

[...] die Untersuchung zu den ökonomischen Diskursen der ersten Globalisierungswelle [stellt auch] einen Beitrag zur Antisemitismusforschung und zu den Gender Studies dar. [...] Sehr gut lesbar und konsistent argumentierend, zeigt die Studie die "systemische[n] Kopplungen von Geschlecht, Ethnizität und Ökonomie", die - so ein abschließender Blick in die Gegenwartsliteratur - partiell auch heute noch die Wahrnehmung bestimmen.
Elke Brüns in „Germanistik“ (3-4/2010)

[...] [Die] Kombination von Höhenkamm- mit Unterhaltungsliteratur stellt eine eigene Herausforderung dar. Franziska Schößler meistert sie, ohne den Texten gegenüber je in die Arroganz jener Edelgermanistik zu verfallen, die glaubt, sich durch die Wahl ihrer Gegenstände adeln und Texte jenseits des Kanons pauschal verwerfen zu müssen. [...] Pointiert formuliert Franziska Schößler, dass Anpassung „das fremde ‚Wesen‘ erst produziert und ausdifferenziert“. Die Komplexität dieser Argumentation, die Sorgfalt des Gedankenganges, der Sinn für Aporien und die Verweigerung gegenüber Simplifizierung [...] sind exemplarisch für die gesamte Monographie. [...]
Irmtraud Hnilica in „Freiburger GeschlechterStudien“ (25, November 2011)