Neuerscheinung 

Peggy Fiebich/Sigrid Thielking (Hgg.)

Literatur im Abitur - Reifeprüfung mit Kompetenz?

Hannoversche Beiträge zu Kulturvermittlung und Didaktik 1


2010, ISBN 978-3-89528-752-7,
200 Seiten, kart. EUR 19,80
 

Leseprobe: PDF-Datei, 900 Kb



E-Book: EUR 12,80 bei Paper'C


Reife, Kompetenz und Literatur – zwischen diesen drei Aspekten des aktuell brisanten Themas Abitur besteht eine spannungsreiche Konstellation, die kaum endgültige, beruhigende Klärung verheißt, sondern den Blick auf eine Fülle ungelöster bildungspolitischer, pädagogischer, fachlicher und fachdidaktischer Probleme lenkt: Welches neue Verständnis von Bildung und Reife bringt die Durchsetzung des Kompetenzparadigmas mit sich? Lässt sich Literaturunterricht heute trotz – oder gerade wegen – fehlender Messbarkeit seiner Ergebnisse legitimieren, und wenn ja, wodurch? Welche alternativen Möglichkeiten zur Leistungsfeststellung und -bewertung anstelle einer Leistungsmessung durch Kompetenztests gibt es? Wie verändert sich die schulische Beschäftigung mit Literatur durch das Bestreben nach Standardisierung und Objektivierung der Leistungskriterien? Wie wirkt es sich auf den Unterricht aus, dass Prüfungsthemen und Pflichtlektüren vorab administrativ vorgegeben werden, um vergleichbare Ausgangsbedingungen für das zentrale Abitur zu gewährleisten? Wie kommen Schüler(innen) mit Anforderungen zurecht, die im Abitur an sie gestellt werden?
Dieser Band versammelt Beiträge von Fachdidaktiker(innen) verschiedener Bundesländer sowie Österreichs und der Schweiz und bietet damit mannigfaltige Perspektiven auf das Thema.

Inhalt:

  • Peggy Fiebich (Hannover): Eine spannungsreiche Konstellation. Vorwort


  • Reifeprüfung Deutsch – aktuelle Praxis im internationalen Vergleich

  • Herbert Staud (Wien): Literaturthemen im Lichte zentraler Aufgabenstellungen

  • Elisabeth Stuck (Bern): Literatur an der Matur. Die Kompetenzen- und Standarddiskussion aus Schweizer Sicht

  • Detlef Quaas (Hannover): Deutschunterricht im Wandel (Standards – Kompetenzen – Zentralabitur) – Erfahrungen in Niedersachsen


  • Perspektiven, Erfahrungen, Diskussionen

  • Peggy Fiebich (Hannover): Das Verschwinden des Textes hinter dem Kontext. Oder: warum und wie Abituraufgaben unvorhersehbare Deutungen verhindern

  • Karlheinz Fingerhut (Ludwigsburg/Marbach a. N.): Überall das Gleiche, nur etwas anders. Zentralismus in der Leistungsfeststellung – Individualismus beim Kompetenzerwerb zum Literarischen Lesen und beim Schreiben über Literatur?

  • Juliane Köster (Jena): Was wird im Deutschabitur geprüft? Anforderungen und Leistungen im Bereich der „Erschließung literarischer Texte“

  • Andreas Ulrich (Hannover): Wissenschaftspropädeutik in der Qualifikationsphase und im Abitur. Ein altes Konzept an der Schnittstelle zwischen Schule und Universität neu durchdacht


  • Synthese und Ausblick

  • Sigrid Thielking (Hannover): Abi des Jahres X. ‚Zentrale‘ Erfahrung am Übergang


Aus der Kritik:


[...] Seit der kognitionswissenschaftlichen Wende und dem sogenannten Pisa-Schock, die eine Output-Orientierung des Bildungssystems evoziert haben, stellen sich allerdings Fragen danach, „ob das Abitur heute als Ausweis von Kompetenz oder von persönlicher Reife zu betrachten ist“ und inwiefern „die Beschäftigung mit Literatur einen Zugewinn an Reife bringt“. Einen innovativen Ansatz zur Klärung dieses Fragekomplexes bildet der Blick in die deutschsprachige Bildungslandschaft, die nicht nur sechzehn Systeme in sechzehn Bundesländern hervorgebracht hat, sondern auch um eine jeweils spezifische österreichische und schweizerische Perspektive bereichert ist. [...] Sehr lesenswert wirkt der Beitrag des Pädagogen Detlef Quaas, der einen weiten Bogen spannt und auf die Geschichte des Deutschunterrichts zurückblickt. Aus der Darstellung des historischen Wandels der jeweiligen Intentionen von Unterricht wird ersichtlich, dass jede Generation ihre spezifischen Schwerpunkte und Entwicklungsbeiträge geleistet hat. Dass der traditionelle Deutschunterricht derzeit einen „umfassenden didaktischen und methodischen Wandel“ durchläuft, zeigt Quaas am Beispiel der Kerncurricula und des Zentralabiturs in Niedersachsen präzise auf. Aber auch die Kontinuitätslinie wird deutlich, denn Zielsetzung bleibe trotz aller Reformen „die Trias aus vertiefter Allgemeinbildung, Wissenschaftspropädeutik und allgemeiner Studierfähigkeit“. In einer kommunikationstheoretisch orientierten Darstellung unter der Überschrift „Das Verschwinden des Textes hinter dem Kontext“ betrachtet Fiebich die momentane Praxis der Aufgabenstellungen in der Abiturprüfung. Sie arbeitet schlüssig heraus, dass es zwei grundsätzliche Entwicklungsrichtungen in diesem Kontext geben kann: „Wir können uns ausschließlich auf das Überprüfen von Kompetenzen konzentrieren“, oder aber die Entwicklung kehre zum Humboldt’schen Bildungsideal zurück und verlange einen Nachweis über den individuellen Stand literarischer Bildung fernab jeder Standardisierung. [...] Bleibt zu fragen, welche „Chancen“ dem Abitur als Prüfungsformat nach den Ausführungen dieses anregenden und mit Gewinn zu lesenden Sammelbandes offen stehen. Auf die latente Spannung zwischen Erwartungshaltung und Gelingensbedingung weist abschließend Thielking hin, denn das Abitur als „Gelenkstelle“ im Bildungssystem sei durch die Zentralisierungstendenzen aufgewertet, „aber auch aufgeladen und (paradoxerweise) mit Vorstellungen von mehr… realisierter Bildungsgerechtigkeit besetzt worden.“
Torsten Mergen in „literaturkritik.de“ (Dezember 2010)
Die komplette Rezension: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=15061