Neuerscheinung 

Georg Lukács

Die Seele und die Formen

Essays

Mit einer Einleitung von Judith Butler

Werkauswahl in sechs Bänden   Band 1

Hrsg. von Frank Benseler und Rüdiger Dannemann


2011, ISBN 978-3-89528-729-9,
253 Seiten, kart. EUR 24,80
 

Leseprobe: PDF-Datei, 1,2 Mb

„Es ist richtig, nach der Wahrheit strebt der Essay: doch wie Saul, der da ausging, die Eselinnen seines Vaters zu suchen und ein Königreich fand, so wird der Essayist, der die Wahrheit wirklich zu suchen imstande ist, am Ende seines Weges das nichtgesuchte Ziel erreichen, das Leben.“
Georg Lukács


„Die Aktualisierung von Lukács eröffnet in der Tat eine Perspektive, welche die Begriffe der Debatte, wie sie in den letzten vier Jahrzehnten in literaturtheoretischen Kreisen kursierten, nachhaltig durcheinanderbringt. Und ich bin zweifellos nicht die einzige Person, die Gefallen daran findet, auf diese Weise die Orientierung zu verlieren.“
Judith Butler


„Dies ist eine wundervolle Sammlung, und es kann keinen Zweifel daran geben, dass sie die (Wieder-)Veröffentlichung verdient hat.“
Richard J. Bernstein (The New School for Social Research)


Der Band enthält im Anhang den Lukács-Essay „Von der Armut am Geiste“, der zuerst 1914 erschienen ist und hier erstmals wieder nachgedruckt wird.

Inhalt:

  • Vorbemerkung der Herausgeber der Werkauswahl


  • Judith Butler: Einleitung


  • Die Seele und die Formen - Essays

  • Über Form und Wesen des Essays

  • Platonismus, Poesie und die Formen: Rudolf Kassner

  • Das Zerschellen der Form am leben: Sören Kierkekgaard und Regine Olsen

  • Zur romantischen Lebensphilosophie: Novalis

  • Bürgerlichkeit und l'art pour l'art: Theodor Storm

  • Die neue Einsamkeit und ihre Lyrik: Stefan George

  • Sehnsucht und Form: Charles-Louis Philippe

  • Der Augenblick und die Formen: Richard Beer-Hofmann

  • Reichtum, Chaos und Form: Ein Zwiegespräch über Lawrence Sterne

  • Metaphysik der Tragödie: Paul Ernst


  • Von der Armut am Geiste


  • Literatur

  • Personenregister





Georg Lukács – Werkauswahl in Einzelbänden

Hrsg. von Frank Benseler und Rüdiger Dannemann

• Bd. 1 Die Seele und die Formen
Bd. 2 Die Theorie des Romans
• Bd. 3 Geschichte und Klassenbewußtsein
• Bd. 4 Die Zerstörung der Vernunft
• Bd. 5 Die Eigenart des Ästhetischen
• Bd. 6 Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins


Aus der Kritik:


[...] Genau hundert Jahre nach seiner Erstpublikation ist dieser grundlegende theoretische Quellentext nun wieder in einer Neuauflage lieferbar. [...] Zuletzt war er in den 1970er Jahren, als sich Lukács noch fest im Kanon einer linksgerichteten Theorie-Gemeinde befand, im Luchterhand-Verlag aufgelegt worden. Jetzt wird er von Aisthesis erneut auf den Markt gebracht, und zwar als zweiter Band einer noch im Erscheinen begriffenen, insgesamt sechsbändigen Werkauswahl, die Frank Benseler und Rüdiger Dannemann in der Hoffnung herausgeben, dass bald wieder „im besser sortierten Buchhandel neben Heidegger und Cassirer, Adorno und Jürgen Habermas auch der ungarische theoretische Wegbegleiter des 20. Jahrhunderts präsent sein wird“ (Vorbemerkung, S. IX). Das nachdrückliche Plädoyer der Editoren, Lukács zu lesen, wird durch eine Einleitung von Judith Butler bekräftigt, die ursprünglich für die amerikanische Übersetzung Soul & Form verfasst wurde und hier erstmals auf Deutsch erscheint. Butler erkennt die Aktualität von Lukács‘ Frühwerk vor allem in seinem Charakter als Entwurf einer „spekulativen Ästhetik“, die noch nicht mit der marxistischen Doktrin in Berührung gekommen sei, sondern ein essayistisches Prinzip verfolge, das sich durch Offenheit und Dynamik, Irritation und Experiment auszeichne. [...] Mit dem erneuten Interesse an formalen Aspekten hat in der germanistischen Essayforschung der letzten Zeit auch die Frage nach der medialen Einbettung und Bedingtheit der Gattung als einer spezifischen Form von Medien-Texten an Bedeutung gewonnen. Daran lässt sich für die Literaturwissenschaft – einschließlich der Literaturkritikforschung, die in Hinblick auf die notwendige Etablierung einer eigenen Genreforschung die Formen und Schreibweisen ihres Gegenstandes stärker als bisher beachten sollte – die Forderung knüpfen, […] sich primär mit den spezifischen (diskurs-)historischen Konstellationen der Essayistik zu beschäftigen, also an Stelle einer allgemeinen Essay- bzw. Essayismus-Theorie die konkrete historische Essayforschung zu stellen. Die Neuausgabe von Lukács‘ frühen Essays kann einmal mehr einen Anstoß in diese Richtung liefern, zumal der Band neben seinem theoretischen Gewicht, will heißen: seiner herausragenden Stellung innerhalb der essayistischen Theoriegeschichte auch konkretes essayistisches Textmaterial zur Analyse bereit hält, das – unter gattungsgeschichtlicher Perspektive – für den deutschsprachigen Essayismus um 1900 insgesamt repräsentative Züge aufweist.
Michael Pilz in „literaturkritik.at“ (5.9.2011)
Hier der komplette Artikel: http://www.uibk.ac.at/literaturkritik/zeitschrift/909683.html

Wir machen uns mitunter gar nicht klar, wie verblasst die Helden sind. Georg Lukács ist so eine außerhalb von Spezialseminaren fast vergessene Größe. Die Wirkung seiner Bücher aber, über die „Theorie des Romans“ von 1916 […] über „Geschichte und Klassenbewusstsein“ von 1923, war damals ungeheuer. Der ungarische Denker bahnte einer ganzen Generation den Weg von der Lebensphilosophie in den Marxismus. […] Zugleich weiß Lukács, dass die Literatur eine Sonderwelt ist. Sein einleitender Aufsatz zu „Die Seele und die Formen“ von 1911, in dem er seinen Begriff von Kunstkritik entwickelt, behandelt den Essay als Gattung zwischen Kunst und Philosophie. Nicht Tatsachen, wie in der Kunstwissenschaft, sondern Gesetzmäßigkeiten interessieren den Kritiker, das, was an der Werken über die einzelnen hinausweist, ihre „Fragen an das Leben“. […] Wer Lukács heute liest, staunt vor allem über diese Erwartung, durch Entzifferung der literarischen Gattungen […] sich in den Besitz einer Ethik bringen zu können. […] Eine Literaturwissenschaft, die es längst mehr mit den Gegenständen („Texten“) hat als mit Problemen, stattet Lukács jedenfalls für solche Gänge nach wie vor mit viel Stoff zum Nachdenken aus.
Jürgen Kaube in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (26.11.2011)