Umwege

Ästhetik und Poetik exzentrischer Reisen

Hrsg. von Bernd Blascke, Rainer Falk, Dirck Linck, Oliver Lubrich, Friederike Wißmann u. Volker Woltersdorff

Reisen Texte Metropolen, Bd. 7


2008, ISBN 978-3-89528-703-9,
311 Seiten, 29 z.T. farbige Abb., geb. EUR 34,80
 

Leseprobe: PDF-Datei, 1 mb



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Ein Schiffbruch vor der Insel einer Zauberin, die Begegnung mit einem Geisterschiff oder ein Flug auf dem Mantel des Teufels, eine Kajaktour durch Hitler-Deutschland, der Besuch auf einem Kriegsschauplatz oder die Performance auf einem Schneefeld vor Moskau: Ob fiktiv oder real, Reisen faszinieren nicht so sehr als Transit, als bloße Fortbewegung von A nach B, sondern als Kuriosum, als Überraschung, als Exzentrizität. Nicht das Geradlinige interessiert, sondern Verirrungen, Verwirrungen: Umwege.

Der Gegenstand gewinnt in den Geisteswissenschaften zusehends an Bedeutung. Lange Zeit aber wurde das Reisen romantisiert – als erfreuliche Begegnung mit dem Fremden; oder kritisiert – als ethnozentrisches Projekt. In beiden Fällen werden eine Geschlossenheit und ein Gelingen unterstellt, die weder in der Erfahrung noch in den Künsten durchweg zu haben wären.

Die Beiträge des vorliegenden Bandes sind verschiedenen Aspekten umwegiger Reisen gewidmet: den Räumen, die sie erfahren; den Bewegungen, die sie ermöglichen; und den Reisenden, die sie erleben. Literaturwissenschaftler, Kunsthistoriker und Schriftsteller, ein Altphilologe und eine Musikwissenschaftlerin erinnern an mythische Heroen des Umwegs wie Odysseus, Sindbad oder Faust und an imaginäre Schauplätze wie Scheria, Cythera oder den Blocksberg im Harz und befassen sich mit einer Reihe exzentrischer Motive: Hadesgang und Himmelfahrt, Totenschiff und Krakenkampf, Polarexpedition und Farmgründung – oder der Flucht aus einer marokkanischen Industriestadt in den Cyberspace.

Inhalt:

  • Zur Reihe

  • Oliver Lubrich: Von Königgrätz nach Basra. Wege und Umwege. Vorwort

  • Bernd Seidensticker: Irrfahrten des Odysseus?

  • Hans Christoph Buch: Totenschiffe und Geisterschiffe. Anmerkungen zur Poetik der Dekomposition. Eine Flaschenpost

  • Bernd Blaschke: Faust als Reisender. Der moderne Entgrenzer, seine Reiseführer, seine Umwege

  • Karl Heinz Bohrer: Nicht Desillusion, sondern Phantasma

  • Gerald Funk: Ästhetik des Abgrunds. Zur Erkundung maritimer Schrecken in Victor Hugos Die Arbeiter des Meeres

  • Reiner Niehoff: polwärts / blau. Konrad Bayers Der Kopf des Vitus Bering und die Berichte von den Reisen ins Eis

  • Werner Busch: Post festum. Adolph Menzels Versuch, 1866 das Schlachtfeld von Königgrätz zu besuchen

  • Michael Lüthy: Manets Reise zu Velázquez und das Problem der kunstgeschichtlichen Genealogie

  • Friederike Wißmann: Wie sich Händels Opernästhetik durch seine Italienreise (doch) veränderte

  • Maria Zinfert: Die kurze Spanne zwischen Aufbruch und Rückkehr. Victor Segalens Reisebuch Équipée

  • Oliver Lubrich: Über die Grenze der Bedeutung. Albert Camus in Nazi-Deutschland

  • Viktor Otto: Failing Farms. Deutsches Scheitern in Amerika

  • Georg Witte: Kleine Reisen aus Moskau

  • Michael Roes: Pygmalion. König der Netze. Ein Essay


Aus der Kritik:


Dass das Ziel einer Reise auch ihr Ende ist, mag die Strebsamen und Nüchternen freuen. Für alle anderen jedoch sind die Umwege das wahre Vergnügen. Ein Vergnügen, so hat man sich jetzt gedacht, das auch ein schönes Bild für die Wissenschaft abgibt: «Umwege. Ästhetik und Poetik exzentrischer Reisen» heisst ein äusserst erhellender Essayband, der zu Ehren des Komparatisten Gert Mattenklott erscheint und der neben den grossen Ausfahrten der Kunst auch den Kurs wissenschaftlicher Paradigmen nachzeichnet. Quer durch die Genres und Disziplinen geht es hinaus ins Offene. Zwischen Literatur, Malerei und Musik wird flaniert und experimentiert. Von der grossen Fahrt des Odysseus, die einem strengen erzählerischen Muster folgt, reist man über Sindbads Abenteuer zu Joseph Conrads «Herz der Finsternis». Konrad Bayers polare Expedition «Der Kopf des Vitus Bering» ist schliesslich die formale Auflösung künstlerischer Reisen: Freiwillige und unfreiwillige, frohe und katastrophale Reisen sind Gegenstand vorzüglicher Essays, für die allesamt gilt: Der Umweg ist das Ziel.
Qct. in „Neue Zürcher Zeitung“ (15.01.09)

[...] [D]er Rezensent las „Umwege“ - auf einer ungeplant langen transatlantischen Flugreise - als anregenden, bei aller Vielgestaltigkeit ungewöhnlich kohärenten und in vielen Details wegweisenden Sammelband.
Christophe Fricker in „literaturkritik.de“ (2/2009)
Die vollständige Rezension unter: http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=12802

[...] [Gert Mattenklott] ist eine Art Festschrift gewidmet worden. [...] Musik, Literatur und Malerei geben sich [in diesem Band] die Hand, eben wie in Mattenklotts Arbeiten selbst. Dieser war sich immer bewusst, dass der Zugang zu den Künsten immer auch ein sinnlicher sein muss. Hier wird er erfahrbar, indem die Autobahnen der Literaturwissenschaft verlassen und spannende Seiten- und Nebenwege betreten werden. Wer gegen immer dieselbsen Botschaften abgestumpft ist, könnte diese Wege als erfrischend erleben.
Elmar Schenkel in „Inklings-Jahrbuch“ (27/2009)