Neuerscheinung 

Heiko Christians

Amok

Geschichte einer Ausbreitung


2008, ISBN 978-3-89528-671-1,
301 Seiten, engl. Br. EUR 19,80
 

Seit etwa einem Jahrzehnt gibt es eine geradezu drohende mediale Präsenz des Amok. Amok ist eine aktuelle Chiffre der Angst. Dem Leser, der auf dieses Buch und seinen Titel stößt, wird vielleicht für einen kurzen Augenblick der Schreck in die Glieder fahren, denn die bekannten und unbekannten Bilder und Geschichten vom Amok werden hier zunächst unter dem Begriff der Ausbreitung versammelt. Das trägt nicht gerade zur Beruhigung bei.

Andererseits wird sich auch Skepsis breitmachen. Wie kann die Geschichte einer Ausbreitung rekonstruiert werden, wenn kein eindeutiges medizinisches Problem vorliegt? Wie kann die Ausbreitung von etwas konturiert werden, das keine festen Konturen hat? Wie kann sich überhaupt ein so extremes und so voraussetzungsreiches Verhalten wie das Amoklaufen ausbreiten? Das vorliegende Buch versucht Antworten auf solche Fragen zu geben und gleichzeitig einzuführen in eine weit zurück reichende Dimension des Amok – seine Geschichte. Diese wird als Medien- und Kulturgeschichte von der Frühen Neuzeit bis in die unmittelbare Gegenwart rekonstruiert.

Inhalt:

  • Vorwort

  • Kapitel 1
  • Amokwespen greifen an! – Die Ausbreitung der Metapher und die Metapher der Ausbreitung in der Gegenwart
  • I. Von Serientaten zu Tatserien
  • II. Forcierte Herzenskälte unter Heranwachsenden?
  • III. Der mediale Rahmen
  • IV. Ebenen der Ausbreitung
  • V. Amokmetaphorik historisch: Boulevard, Dichtung, Nachrichtengeschichte
  • VI. Kleine Phänomenologie der Nachrichten
  • VII. Sensation als Topos
  • VIII. Die Hierarchie der Medien
  • IX. Schlußnachrichten

  • Kapitel 2
  • Amokbiografien – Zwischen Nachahmungstrieb und Genrewahl
  • I. Strenge Abläufe
  • II. Alte und neue Medien: Unterweisung oder Unterhaltung?
  • III. Das Subjekt auf Rollensuche
  • IV. Identität, Kommunikation, Gerichtstag (G. H. Mead)
  • V. Öffentlichkeit als Bühne: Vom Niemand zum Jemand
  • VI. Nachahmung und Identität oder unreine Fiktionen (R. Girard)
  • VII. Heldenfieber
  • VIII. Ritterspiele. Von der Fantasy zur unirritierbaren Ersatzidentität
  • IX. Globalisierung der Vorbilder

  • Kapitel 3
  • Endlich Neuigkeiten – Bericht vom Amok oder die europäische Entdeckung Südostasiens
  • I. Das Fremde im Eigenen
  • II. Aus den Wörterbüchern und Lexika
  • III. Erste Überlieferungen von Reisen nach Südostasien
  • IV. Südostasien im Kopf
  • V. Gedruckte Neuigkeiten oder Enzyklopädik?
  • VI. Gewalt vor Ort
  • VII. Kriege mit den Entdeckten
  • VIII. Protestantismus meets Amok

  • Kapitel 4
  • Die abgelegne Leut und Ihre reiche Beut – Amok in ost-indianischen Reisebeschreibungen des 17. und 18. Jahrhunderts
  • I. Konkurrenzdruck? Amok im Empire
  • II. Frühe Textsammlungen
  • III. Erfahrung kommt von Fahren: Johann Jacob Saar
  • IV. Sklaven der Ehre: Elias Hesses Bericht
  • V. Rauschhafter Amok? Ein vorläufiges Tableau

  • Kapitel 5
  • Amok und Unterhaltung – Reisebericht und Roman auf einem Markt für Literatur
  • I. Quellenperspektiven
  • II. Gemachte Erfahrungen
  • III. Ein Markt für Wunderbares
  • IV. Wahrhaftige Abenteuer. Zur Logik neuerer Unterhaltung
  • V. Zwei bearbeitete Berichte

  • Kapitel 6
  • Andere Länder, andere Sitten – Zur Popularisierung des Amok im illustrierten Reisebericht des 19. Jahrhunderts
  • I. Ein neues Schreiben
  • II. Amok und Aufklärung
  • III. Romantische Amokforschung
  • IV. Amok im Völkerkabinett
  • V. Amok als Rassemerkmal
  • VI. Amok unter Kindern
  • VII. Amok und das Licht der Aufklärung

  • Kapitel 7
  • Malaiische Quellen – Die Geschichte Hang Tuahs oder Wie nahe kommt man dem Fremden?
  • I. Literatur und Krieg
  • II. Islamisierung und Literatur
  • III. Ritter Hang-Tuah und seine ersten Taten
  • IV. Overinterpretation?
  • V. Hang Tuahs Geschichte
  • VI. Amok von oben, Amok von unten
  • VII. Puputan

  • Kapitel 8
  • Der Kris – Medium des Amok.
  • I. Eine Frage der Ehre oder eine Frage der Konfession?
  • II. Mehr als eine Waffe
  • III. Amok und Tanz
  • IV. Der Kris als Totem?
  • V. Stationen und mythische Wanderung des Kris

  • Kapitel 9
  • Kohlhaas’ Erben – Amok und literarische Avantgarde (Wagner, Hesse, Handke)
  • I. Alte und neue Gewalt (Der Fall Kohlhaas)
  • II. Blutige Dramen (Der Fall Wagner)
  • III. Unfreiwillige Reisen (Hermann Hesse)
  • IV. Dosierungsexzesse
  • V. Ritual und Exzess oder Bist du fähig? (Peter Handke)

  • Kapitel 10
  • Ankunft in Neapel – Stefan Zweigs Novelle Der Amokläufer (1922) und ihr zeitgenössischer Kontext
  • I. Ausbreitung und Popularisierung
  • II. Novellierter Amok
  • III. Literarischer Amok
  • IV. Gefühlsamok
  • V. Bruchlandung im Hafen
  • VI. Amok mit Hagenbeck
  • VII. Tropensonne
  • VIII. Ein scharfer Trennungsstrich zwischen Braun und Weiß

  • Kapitel 11
  • Entkolonialisierung des Amok? – Reiseberichte der Kriegs- und Nachkriegszeit (1940-1970)
  • I. Differenzierung und action
  • II. Paradies in Schatten und Licht (Karl Helbig)
  • III. Unabhängige Berichterstattung
  • IV. Ärzte ohne Grenzen
  • V. Am Rande der Winde (A. E. Johann)

  • Kapitel 12
  • Populäre Schizophrenien – Amok zwischen Justiz und Ethnopsychiatrie (Georges Devereux)
  • I. Vor dem Irrsinn: Zwischenresümee
  • II. Standgericht oder Anstalt?
  • III. Neue Methoden, neue Diagnosen
  • IV. Kategorientafeln
  • V. Warum läuft Frau X. nicht Amok?
  • VI. Ein Wikinger kennt keinen Amok? (George Devereux)

  • Kapitel 13
  • Ich werde die Zitadelle angreifen! – Amok zwischen Pädagogik und Rechtsgeschichte (Pierre Legendre)
  • I. Kevin allein zuhaus’
  • II. Römisches Recht und Bestimmung der Vernunft
  • III. Der Gefreite Lortie
  • IV. Verhandelter Amok
  • V. Delirium: Der Sturz ins Handeln

  • Kapitel 14
  • All the king’s men. – Martin Scorseses Taxi Driver (1976)
  • I. Elite im Dunkeln
  • II. Noch einmal: Unreine Fiktionen
  • III. Mauersturz und Identität (Humpty Dumpty)
  • IV. Wahre Macht
  • V. Ritter Bickle
  • VI. Schöne Untaten? (Yukio Mishima)
  • VII. Exkurs zur Filmgeschichte des Amok

  • Kapitel 15
  • Existentielles Erlebnis, mimetische Ritualität, apokalyptischer Unfall? – Amok und Cultural Turn in den Geisteswissenschaften
  • I. Die Arbeit der Einfühlung (Wilhelm Dilthey)
  • II. Rituale (Victor Turner)
  • III. Das Ende der Einfühlung (Clifford Geertz)
  • IV. GAU und schwarzes Loch (Joseph Vogl)
  • V. Corporal turn und Amok (Gerhard Neumann)

Heiko Christians, Jg. 1963, ist seit 2008 Professor für Medienkulturgeschichte an der Universität Potsdam. Studium der Germanistik, Philosophie und Niederlandistik in Köln; weitere Buchveröffentlichungen: Über den Schmerz. Eine Untersuchung von Gemeinplätzen (Berlin 1999); Der Traum vom Epos. Romankritik und politische Poetik in Deutschland 1750 – 2000 (Freiburg i. Br. 2004).


Aus der Kritik:


[...] Das Phänomen ist schillernd, wie es der Potsdamer Professor für Medienkultur, Heiko Christians, in seiner belesenen „Geschichte einer Ausbreitung“ luzid schildert. Es sperrt sich letzter begrifflicher Durchdringung, was auch Christians' Buch [...] Reiz verleiht und es intellektueller Unterhaltung empfiehlt. [...]
Manfred Strecker in „Neue Westfälische“ (18.07.2008)

[...] Heiko Christians gelingt nicht nur eine faszinierende und hochgradig informative Studie über die Geschichte des Amoklaufs und der Vielzahl seiner Interpretationen. Zugleich zeigt seine Untersuchungen auf faszinierende Art und Weise das Potential einer Medienkulturwissenschaft auf.
Hervorzuheben ist dabei die methodische Beharrlichkeit, mit der jeder Bericht über das Phänomen Amok und jede Interpretation desselben auf medienbedingte, gattungsbedingte oder sonstige Limitationen und Vorbedingungen befragt wird. Christians’ Untersuchung des Amoks bildet damit eine Vielzahl von Perspektiven ab und entwirft geradezu en passant so etwas wie eine Fallgeschichte zu einer Medienkulturgeschichte des Kolonialismus.
Außerdem ist die jederzeit klare und verständliche Sprache zu loben, in der die ruhige und sachliche Argumentation vorgetragen wird. Der Autor verschont seine Leser mit jedweder Form von Jargon, und so ist seine Studie auch ohne intensive Kenntnisse der kulturwissenschaftlichen Theorieentwicklungen der letzten Jahrzehnte verständlich. Nicht wenige Abschnitte, insbesondere diejenigen, in denen eine spezifische malaiische Literatur und Kultur des Amoklaufs entdeckt wird, sind geradezu spannend zu lesen. Die große Lesbarkeit und Verständlichkeit des Buchs ist möglicherweise dem Umstand geschuldet, dass es sich erkennbar um die Ausarbeitung eines Vorlesungstextes handelt, was hier und da sogar noch an einzelnen Formulierungen sichtbar wird. [...]
Oliver Kohns in „IASLonline“ (15.12.2008)
Die ganze Rezension unter: http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=2960

Eine fahrlässige Blindheit im Rationalisierungssystem konstatiert der Medienwissenschaftler Heiko Christians gleich zu Beginn seines fulminanten „Amok“-Buchs: Weil der Amokläufer ganz offensichtlich dem Inszenatorischen und Mimetischen zuneigt, wurde immer wieder einfache Nachahmung unterstellt. Das aber unterschlage den entscheidenden Unterschied zum Rollenrepertoire einer rituell kontrollierten Vormoderne: Heute haben wir es mit einander überlagernden Identifikationen auf Zeit zu tun, die „anonymen medialen Praktiken und Infrastrukturen stärker als dem freien Willen“ unterworfen sind. „Die Welten des Amoks und die Welten der Unterhaltung sind untrennbar verschränkt.“ Die Medien sind unschuldig am Amok, schuld aber an seiner Fehletikettierung als Epidemie. Wenn das Subjekt heute ein „pausenloser Schauspieler seiner selbst“ ist, dann gilt das eben auch für den Amokläufer und seine Mimesis zweiter Ordnung, erklärt aber nichts. Christians spürt dem Amok darauf als Motiv und Motivation in beiden Welten nach. Von den ersten Bezugnahmen auf das malaiische „amuk“ durch Südostasien-Reisende folgt er dem Diskurs durch die deutsche Literatur bis zur Poetologie, Ethnopsychiatrie, Filmgeschichte und Kulturwissenschaft. Bleibt zuletzt nur die Frage: Warum laufen Frauen nicht Amok? Gabriele Göttle hatte behauptet, weil sie daran die Überlegung hinderte, „wer das hinterher alles wieder wegmachen soll“. Christians glaubt dann aber doch eher: „Frauen partizipieren nicht primär an den Werten und Ritualen einer kriegerischen Ethik.“
oju in „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (18.02.2009)

[...] Das Buch ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie Kulturgeschichte in unserer Zeit medial erzeugter Unmittelbarkeit den Phänomenen eine Geschichte geben kann.
In „Dresdner Kulturmagazin“ (04/2009)

[Die Arbeit bietet] außerordentliche Fülle z.T. entlegenen Materials, Kenntnisreichtum und Lesbarkeit.
Christoph Deupmann in „Germanistik“ (50/2009, Heft 1-2)