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Karin Becker
Mit antikem Material moderne Häuser bauen
Zur narrativen Konzeption von Leo Perutz’ historischem Roman Nachts unter der steinernen Brücke
Chironeia – Die unwürdigen Künste
Studien zur deutschen Literatur seit der frühen Moderne, Band 3
2007, ISBN 978-3-89528-623-0, 141 Seiten, kart. EUR 24,80
E-Book: EUR 18,80 bei Paper'C
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Leo Perutz’ vorletzter Roman Nachts unter der steinernen Brücke (1924-1951) zeichnet sich durch eine komplexe narrative Struktur aus, die in dieser Studie erstmals umfassend analysiert wird. Perutz arbeitet mit dreizehn eigenständigen Geschichten, die sich der Leser erst nach und nach selbst zu einer übergreifenden Handlung fügen muss. Er experimentiert mit den unterschiedlichsten Gattungsmustern, ohne ihnen je ganz zu folgen, und führt mehrerlei Erzählpositionen ein. Inhaltlich stützt er sich auf die Geschichte der Stadt Prag um 1600, die er jedoch mit Sagenmotiven und Fiktion verknüpft. Die dabei entstehende erzählte Welt unterliegt einer Spaltung in zwei Sphären mit jeweils unterschiedlichen Wirklichkeitsmodalitäten.
Über die Interpretation solcher erzählerischer Eigenheiten des Textes verschafft sich die Studie in ihrem zweiten Teil Zugang auch zu inhaltlichen Aussagen. So zeigt sie, dass der Roman als ein Gegenentwurf zur akademischen Geschichtsschreibung der Zeit zu lesen ist. Auch bedingt sein narratives Gefüge den Eindruck einer mehrdeutigen Wirklichkeit, der moderner Welterfahrung entspricht.
Inhalt:
- Einleitung
- A. Analytischer Teil: Die Romankonzeption
- A.I. Zum Erzählrahmen
- A.I.1. Inhaltliche und formale Asymmetrie
- A.I.2. Thematischer Bezug zur Binnenerzählung
- A.I.3. Drei Erzählebenen
- A.I.4. Rahmenerzähler und Sprechsituationen
- A.II. Zur narrativen Instanz der Binnenerzählung
- A.II.1. Mittelbare Darstellung der Ereignisse im narrativen Modus
- A.II.2. Dominant externe Fokalisierung
- A.II.3. Tonfall
- A.III. Zu inhaltlichen Strukturen im Geschehen der Binnenerzählung
- A.III.1. Die ‚Fabel‘ in synthetischer Form
- A.III.2. Raumzeitliches Universum der Fabel
- A.III.3. Heterogene, stabile Welt
- A.III.4. Disparates stoffliches Gefüge
- A.IV. Zur episodischen Struktur der Binnenerzählung
- A.IV.1. Formale Einheit und syntaktische Funktion der Episoden
- A.IV.1.a) Monadische Struktur der Episoden
- A.IV.1.b) Verknüpfung der Episoden
- A.IV.2. Anordnung der Episoden
- A.IV.2.a) Wissensvorsprung des Lesers
- A.IV.2.b) Analytische Ereignisverknüpfung: Zur Konstruktion des Rätsels
- A.IV.2.c) Siebener-Rhythmus, Symmetrie und Kreisschluss
- A.V. Zu verwendeten Gattungsstrukturen
- A.V.1. Die Fabelhandlung als fünfaktiges Drama
- A.V.2. Novellistisches Erzählen in den Episoden
- A.V.3. Das Werk als Novellenroman
- A.VI. Zusammenfassung des ersten Teils
- B. Interpretationsteil
- B.I. Vorbemerkungen: Der ‚andere‘ historische Roman
- B.II. Die Binnenerzählung als ‚Gegendarstellung‘ zur akademischen Geschichtsschreibung
- B.II.1. ‚Geschichten‘ statt ‚Geschichte‘: Andeutung der Komplexität der vergangenen Wirklichkeit
- B.II.1.a) Zur Darstellung synchroner Komplexität
- B.II.1.b) Zur Darstellung diachroner Komplexität
- B.II.2. Kohärenz durch Transzendenz: Zur Irritation der ‚Objektivität‘ historiographischer Darstellungszusammenhänge
- B.II.2.a) Zur alternativen Motivation historischer Ereignisse
- B.II.2.b) Zum jüdisch-kabbalistischen Geschichtsbild
- B.III. Mehrdeutige und offene Geschichtsdarstellung als Ausdruck moderner Welterfahrung
- B.III.1. Der Rahmen: Perspektivierung und Distanzierung einer vergangenen Weltdeutung
- B.III.2. Die Rätselstruktur: Offene Geschichtsdarstellung und subjektive Sinnkonstitution durch den Leser
- Anhang I: Tabellarische Handlungsskizze
- Anhang II: Literaturverzeichnis
- Dank
Karin Becker, geboren 1979, studierte Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft und Medienrecht in München und war Stipendiatin des Instituts zur Förderung journalistischen Nachwuchses ifp. Derzeit besucht sie die Hochschule für Fernsehen und Film München.
Aus der Kritik:
[eine] durchweg solide und genaue Interpretation, die Karin Becker „Nachts unter der steinernen Brücke“ angedeihen lässt. [...] Beckers Arbeit zeigt, wie weit eine sorgfältige Analyse eines der großen Romane Perutz' führen kann. [...]
Franziska Mayer in „Stifter-Jahrbuch“ (22/2008)
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