Neuerscheinung 

Dagmar Jaeger

Theater im Medienzeitalter

Das postdramatische Theater von Elfriede Jelinek und Heiner Müller


2007, ISBN 978-3-89528-587-5,
174 Seiten, kart. EUR 29,80
 

Mit der vorliegenden Studie legt Dagmar Jaeger eine umfassende Untersuchung der Theatertexte Elfriede Jelineks und Heiner Müllers vor. Auf dem Hintergrund der geschichtsphilosophischen Analysen Walter Benjamins sowie seiner und u.a. Jean Baudrillards Arbeit zur Veränderung der Wahrnehmung im Zeitalter der Medienkultur arbeitet die Autorin eine Poetik des zeitgenössischen Theaters – des Postdramas – heraus und bietet eine Analyse des politischen Theaters an. Jelineks und Müllers postdramatische Texte stellen ihre Konstruktion und Fiktionalität zur Schau, die jenseits des Dramatischen, d.h. jenseits der Mimesis, des authentischen Spiels und eines sich logisch entfaltenden Handlungsgeschehens angesiedelt sind. Damit enthüllen die Theatertexte mediale Wahrnehmungsmuster, die den Faschismus transportieren und zielen auf die Sichtbarmachung der Konstruktion von Sinn, Geschichte und Subjektivität ab, die von den Bildmedien durch die zunehmende Auflösung von Realität und Fiktion gerade verwischt werden. Beide Schriftsteller schaffen ein Thea­ter als Ort des Eingedenkens und schreiben gegen einen offiziellen Geschichtsdiskurs, der jegliche Verbindungen zur nationalsozialistischen Vergangenheit abgeschnitten hat. Mit der Poetik der Zitatmontage à la Benjamin reaktualisieren beide Dramatiker die Vergangenheit in der Gegenwart und unterziehen die Zitate durch den neu entstandenen Zusammenhang einer Revision. Das postdramatische Theater von Elfriede Jelinek und Heiner Müller erhebt den Rezipienten zum Bedeutungsproduzenten: Vergangenheit und Subjektivität können jenseits offiziell vorgeformter Diskurse und Bilder gelesen und interpretiert werden.

Inhalt:

  • Einleitung

  • Kapitel 1: Bestandsaufnahme postfaschistischer Gesellschaften
  • 1. Die DDR: Heiner Müller. „An der Negation des Bestehenden arbeiten“
  • 1. 1. Die gescheiterte Revolution
  • 1. 2. Die erhoffte Revolution
  • 1. 3. Die Auferstehung der Revolution
  • 2. Österreich: Elfriede Jelinek. „Es wird alles unter den Teppich gekehrt“

  • Kapitel 2: Postmoderne Medienlandschaft

  • Kapitel 3: Das postdramatische Theater
  • 1. Das postdramatische Theater als Ort des Eingedenkens
  • 2. Die postdramatische Figur
  • 2.a. Die postdramatische Figur: ortlos und tiefenlos
  • 2.b. Die postdramatische Figur als Sprachprodukt
  • 3. Das postdramatische Theater und Performance

  • Siglenverzeichnis

  • Bibliografie

  • Danksagung

Dagmar Jaeger studierte Germanistik, Fremdsprachendidaktik und Pädagogik in Heidelberg, West Virginia und an der University of Massachusetts Amherst. Promotion 2001. Sie lehrt deutsche Literatur und Sprache am Massachusetts Institute of Technology, Cambridge, USA. Veröffentlichungen zur zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur.


Aus der Kritik:


Dagmar Jaeger bietet in ihrer Dissertationsstudie Theater im Medienzeitalter zu den Theatertexten von Heiner Müller und Elfriede Jelinek eine hervorragende Darstellung postdramatischer Theorie und Praxis, die das Verhältnis von Realität, Fiktion und Vorstellungskraft problematisiert. In der weit reichenden Zusammenfassung geschichtsphilosophischer Analysen von Walter Benjamin und dessen Arbeit zur veränderten Wahrnehmung im Zeitalter der Medienkultur finden sich relevante Ansatzpunkte, welche die Autorin durch eine Diskussion der Beiträge von Jean Baudrillard erweitert und geschickt mit detaillierten Analysen des politischen Theaters der beiden Dramatiker verbindet.
Jaeger präsentiert mit diesem Buch ein fundiertes und anregendes Plädoyer für ein Genre, das zeitgemäße Fragen zu Rezeptionsgewohnheiten und dem Nachleben des Faschismus stellt. In ihrem Einleitungskapitel, „Bestandsaufnahme postfaschistischer Gesellschaften“, beschreibt Jaeger die soziohistorischen Hintergründe des postdramatischen Theaters. Sie identifiziert „die Verdrängung der Geschichte des Terrors des deutschen Faschismus“ sowie „das Sich-Fremdstellen gegenüber der Wirkungskontinuität der nationalsozialistischen Ideologie“ als das, wogegen sich sowohl Müllers als auch Jelineks Arbeit stellen.
Äußerst anschaulich umreißt Jaeger Konstellationen und Merkmale des postdramatischen Theaters. Sie arbeitet heraus, wie die Methoden der Zitatmontage die Auflösung der dramatischen Figur bedingen. Beides sieht sie als Merkmale, die nach den Bedingungen der Bedeutungskonstruktion fragen, welche die Medien mit ihrer bildüberfluteten Wirklichkeitssimulation gerade verdecken möchten. Jaegers These, die postdramatischen Reflektionen über die „Mechanismen der Fiktionalisierungsvorgänge, die im Postdrama zur Sprache kommen,“ seien „Kritik an der Art der Bedeutungsproduktion der Massenmedien“, zeigt nachhaltig, wie politisches Theater in der Postmoderne aussehen kann (8).
Für die Autorin besteht der Kern der Arbeit der Dramatiker darin, einen neuen Umgang mit der faschistischen Geschichte Deutschlands und Österreichs zu inszenieren, der im Dramentext vor allem durch Intertextualität vermittelt wird. Es wird ausführlich erklärt, inwiefern dramentextliche Zitatmontage als Zeitmontage funktioniert. Müller und Jelinek, so Jaegers Analyse, schaffen in ihren Theatertexten einen Ort des Eingedenkens und wenden sich gegen offizielle Geschichtsdiskurse, die jegliche Verbindungen zur nationalsozialistischen Vergangenheit abwehren wollen. Durch das vergegenwärtigte Nebeneinander von „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wird dieser momentane Augenblick zu einem Raum, in dem die Erfahrung der eigenen Historizität die Wirklichkeit nicht länger als politisches Abbild erscheinen lässt. Das postdramatische Theater als politisches Theater entwickelt daher eine Befähigung mit dem Umgang des standardisierten Abbilds“ (17).
Jaegers zweites Kapitel, „Postmoderne Medienlandschaft“, ist besonders lesenswert. Die Autorin bietet Überlegungen zu den durch Massenmedien veränderten Wahrnehmungsmustern, die den Faschismus transportieren. Der analytische Fokus richtet sich hierbei vorrangig auf die Methoden, mit denen die Konstruktion von Bedeutung, Geschichte und Subjektivität sichtbar gemacht wird. Jaeger zeigt in dieser aufmerksamen Studie, wie der postdramatische Text dem Autor die Position des alleinigen Sinnstifters durch die Verschiebung der Ichreferenz und Diskursinstanz verwehrt.
Das abschließende Kapitel, „Das postdramatische Theater“, bietet durch Jaegers anschauliche Abhandlungen eine handfeste Annäherung an eine Poetik des zeitgenössischen Theaters. Die hier dargelegte Kritik an den Wahrnehmungsmustern, die den Transfer ideologischer Inhalte erleichtern, ist politisch höchst relevant und zeitgemäß. Das zeitgenössische Theater, so Jaeger, „durchkreuzt die durch Massenmedien evozierte Tendenz der sofortigen Umsetzung visueller sowie akustischer Bilder und diskursiv vorgegebener Klassifikationen“ (163). Die Rolle des Rezipienten verändert sich: sich seiner Sinn gebenden Instanz bewusst werdend, wird ihm der Umgang mit dem Gedächtnisraum des „Vergangenen, Vergessenen und Verdrängten“ ermöglicht, den ihm das postdramatische Theater eröffnet (163).
Jaegers Interesse an einem „Gegenmodell zur Wahrnehmungspraxis und -ästhetik der Gegenwart“ regt an zu einer Erweiterung der Begrifflichkeit des postdramatischen Theaters (163). Darüber hinaus umreißt diese Studie in ganz übersichtlicher Weise einen Fragenkomplex – zum Umgang mit der faschistischen Vergangenheit sowie zu strukturellen und inhaltlichen Methoden wie beispielsweise der Intertextualität –, mit dem derzeit die deutschsprachige Romanliteratur des späten 20. Jahrhunderts gelesen wird. Im Fazit lässt sich somit sagen, dass diese Studie eine wichtige Bereicherung für das Forschungsfeld des Theaters wie auch der postmodernen deutschsprachigen Literatur ist.
Heike Polster in „Monatshefte“ (3/2008)

[...] Zwei interessante Fragen werden diskutiert: Manifestationsformen des Politischen in der Postmoderne und Veränderungen der Wahrnehmungsformen in der postmodernen Medienlandschaft. [...]
Sabine Wilke in „Germanistik“ (Heft 1-2/2008)

[...] Jaeger brings an interesting political dimension to the debate on the post-dramatic theatre and illuminates some central tenets of two of the most important and influential playwrights writing in recent decades.
David Barnett in „Modern language Review“ (104.1, 2009)

Diese aufschlussreiche Studie [...] untersucht zahlreiche Theaterstücke der österreichischen Dramatikerin Elfriede Jelinek [...] und des deutschen Dramatikers Heiner Müller [...] im Kontext der sich wandelnden Medienkultur. [...] Der neue Beitrag, den diese Studie leistet, untersucht [...] die Wahrnehmungsmuster auf der Mikroebene der Textstruktur [...], da die postdramatischen Techniken die politischen Anliegen von Müller und Jelinek auf Ebene des Texts und der Aufführung erkennbar machen. [...]
Hiltrud Arens in „German Studies Review“ (32/1 - 2009)