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Doris M. Fittler
»Ein Kosmos der Ähnlichkeit«
Frühe und späte Mimesis bei Walter Benjamin
2005, ISBN 3-89528-494-7, 579 Seiten, kart. EUR 64,-
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Walter Benjamins Verständnis der Idee der Ähnlichkeit und Nachahmung ist in seiner philosophischen Phantasie, seinem unerhörten terminologischen Reichtum, seiner Spannweite, kritischen Differenziertheit, Eigenwilligkeit, ja Neuartigkeit bisher verborgen geblieben. Seine Lehre passiver Ähnlichkeitswahrnehmung und aktiver Mimesisgabe setzt im Mikro- und Makrokosmos der Natur sowie in der Urgeschichte der menschlichen Gesellschaft an und reicht mit der späten Spontan-Anamnese dieser Urgaben in den exemplarischen Mimesisgestalten der Moderne dem Künstler (Proust) und dem (Berliner) Kind bis ins 20. Jahrhundert. Es ist von Urbeginn an bis heute das Ähnlichkeitssensorium und Nachahmungsbedürfnis in seinen Licht- und Schattenseiten, das Sinneswahrnehmung, Erfahrung, Erkenntnis, Sozialverhalten, Inspiration, Sprache, Schrift, Spiel und Kunst, Welt- und Textdeutung, biografische und historiografische Erinnerung in hohem Maße steuert und prägt. So zeichnet sich am Ende die Theorie eines physischen und metaphysischen, natürlichen und geschichtlichen, archaischen und modernen Kosmos der Ähnlichkeit ab. In dessen Mittelpunkt steht für Benjamin des Menschen unverwüstliches mimetisches Genie. Dass es vor allem Marcel Proust überraschendes Inbild eines Modernen war, der für diesen großen Wurf einer (freilich unsystematischen) Theorie Benjamins kritischer Lehrmeister des Erinnerns, Nachahmungs- und Aura-Experte in einem war und eine Reihe prominenter Konzepte Benjamins inspirierte, gehört zu den zentralen Erkenntnissen dieser Untersuchung. Die Legende Walter Benjamin als das immer wieder Zu-Lesende gewinnt mit dem Blick auf seine Ähnlichkeitsphilosophie eine neue Facette: Zum notorischen Allegoriker tritt nun der Mimetiker: der Denker des Weltennetzes, der Leser und Exeget überraschender Ähnlichkeitszusammenhänge im Buch der Welt, der Literatur und der Geschichte.
Inhalt:
- Einleitung
- Kapitel I: Zur Orientierung: Im Labyrinth des Werks
- Wahrheit und Darstellung • Die ungegliederte Oberfläche • Substruktur • Elemente der Substruktur • Unordnung • Übung • Sinnstufen • Der Benjamin-Leser • Das Labyrinth • Umweg als Methode • Heimat des Zögernden • Zwei Schnitte durch die Weltsubstanz • Beschreibung
- Kapitel II: Ähnlichkeit als ‚Sprache‘
- Urgeschichte und Moderne • Mikro- und Makrokosmos • Ähnlichkeit als Urphänomen • Gemeinschaft der Materie • Mitteilung: Der mimetische Ursprung der Dingsprache • Nicht-imitative Ähnlichkeit • Der Mensch als Ähnlicher unter Ähnlichen • Anpassung an den Kosmos • Ähnlichwerden als ‚Sprach‘-Akt: Antwort • Auge, Leib und Lippen • Mimesis und Mythos • Mimetisches Genie
- Kapitel III: Sprache als Ähnliches
- Der Unsinnlichkeitscharakter der Sprache als Ähnliches • Vereinfachung • Depot von Weltzusammenhängen • Astrologie als okkulte Ähnlichkeitserfahrung • Flüchtigkeit • Mimetische Verspannungen • Vexierbild • Kontinua der Verwandlung • Der Name – Gegenstand einer Mimesis • Der „Vergleich“ • Vergessen – Erinnern
- Kapitel IV: Anamnese des Mimesisvermögens in der Moderne: Proust und das Kind
- Teil 1: Im Banne Prousts
- A ) Person und Werk
- Kind und greises Kind • Der französische Kulturkreis • Eine Passion • Stationen der Benjaminschen Proust-Rezeption und Superlative • In finsteren Zeiten • Prousts Bild im Zeichen des Ähnlichen • Die Suche nach dem Gemeinsamen der Dinge • Die unscheinbare Pforte • „Zum Bilde Prousts“ und „Lehre vom Ähnlichen“ • Der persische Dichter in der Pförtnerloge: Archaische Laster – Einverständnis mit sich selbst – Unter dem Laubdach der Gesellschaft • Assimilation • Gesellschaftliche Fluktuationen und dichterisches Verfahren: Subversion – Komplizität – Ästhetik der Maßlosigkeit versus Klarheit der Disposition • Metaphorik als Mimikry • „Proust, der Archaist“ • Die „Pastiches“: Bann und Entzauberung • Vollendende Mimesis • Der „Fälscher“ Hofmannsthal • Diorama und Sprachkunstwerk
- B) Lehrmeister des Erinnerns
- Mimesis des Gedächtnisses • Gelebtes Leben – schöpferische Fantasie • Erinnerung bei den Alten • Der Riss im Gedächtnis • Ars memoria der Moderne • A-Chronologie: Zukunft im Vergangenen • Weissagung • Verjüngung • Vergegenwärtigung • Ein Sonderfall • Erinnerung als Erkennen von Ähnlichkeiten: Die „projektierte Ergänzung“ – Proust und Freud – Unverträgliches: Nie-Gesehenes und Doch-Erinnertes – Gleichzeitige Ungleichzeitigkeiten • Stellae – constellatio • Flüchtigkeit • Die Metapher Erinnerung • Nicht-Identität • Namensmagie
- Teil 2: Das mimetische Genie des Kindes
- Im Vollbesitz der Nachahmungsgabe • Kinderspiele • Verstecke • Jägersatzung • Das Grauen • Wort-Pantomime • Magie der Farben • Mimesis als Wiederholung: Transformation und Therapie
- Kapitel V: Drei wichtige Ähnlichkeitstopoi Benjamins
- 1. Ähnlichkeit, nicht Gleichheit
- Differenz, Nuance • Gleichheit als geschichtliches Trugbild • Die Ware – Symptom einer Krise der Wahrnehmung • Widersprüche • Die Aura als Ähnliches, nicht Gleiches • Auratische Bereiche des Ähnlichen: Natur und Kunst • Der Ähnlichkeitsstatus des Kunst-Schönen • Das „Zeitalter der Wahrnehmung“ • Proust und die Aura • Auratisches und fotografisches Gedächtnis • Die Ähnlichkeit auratischer Gedächtnisbilder
- 2. Ähnlichkeit und Entstellung
- A ) Entstellte Ähnlichkeit • Entstellung als Extremform der Nicht-Gleichheit • Abweichung vom Vorbild • Mimesis des Transzendierens • Entstellte Ähnlichkeit: Allegorisches oder Mimetisches? • Prousts „Matinée de Guermantes“ • Entstellung und Erinnerung • Stilistische Deformation • Wiedererkennnen
- B ) Die entstellte Welt der Kindheit • Ich-Entstellung – Kehrseite des Ähnlichwerdens • Der Kern der Dinge • Gewohnheit und erster Blick • Gegensinn • Berlin als Vorwelt • Sprachmissverständnisse
- 3. Kritik der Einfühlung
- Falsche Mimesis • Das Ornament – die hohe Schule der Einfühlung • Substitution und Projektion • Einverleibung, nicht Einfühlung • Baudelaire – Virtuose der Einfühlung • Einfühlung in den Sieger der Geschichte
- Zusammenfassung
- Literaturverzeichnis
- Danksagung
Doris M. Fittler, geboren in Prostibor, Studium der Germanistik und Romanistik an den Universitäten Heidelberg, Paris, New Brunswick (USA) und der Freien Universität Berlin. Master of Arts der Rutgers State University, New Brunswick, N.J., USA. Arbeit als frei schaffende Lektorin und Übersetzerin.
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