Neuerscheinung 

Dominik Paß

Bewußtsein und Ästhetik

Die Faszination der Kunst


2006, 492 Seiten + CD, kart. EUR 45,-
ISBN-10: 3-89528-588-9
ISBN-13: 978-3-89528-588-2
 

Niklas Luhmann hat sich trotz seines dezidiert soziologischen Ansatzes immer wieder zu bewußtseinstheoretischen Fragestellungen geäußert, ohne eine abgeschlossene Bewußtseinstheorie vorgelegt zu haben. Die vorliegende Studie versucht das in nuce, indem sie die Thesen der Luhmann-Schule bündelt und erweitert. Wichtige Referenzen sind dabei der Formenkalkül Spencer-Browns und der différance-Begriff Derridas, strikt systemtheoretisch konturiert. Im Anschluß daran werden ästhetische Phänomene in den Blick genommen.

Während die klassisch-systemtheoretische Ästhetiktheorie allerdings immer auf das soziale System Kunst konzentriert ist, schreibt Dominik Paß die Ästhetik im Sinne von aisthesis wieder auf Wahrnehmungsphänomene – also auf Bewußtsein – um. Demonstriert wird das an der Wahrnehmung moderner Kunst (Literatur, phonetische Poesie, elektronische Musik), an ihrer Kraft, das Bewußtsein nachdrücklich zu faszinieren, zu okkupieren, zu binden. Die Beispiele auf der beiliegenden CD unterstreichen psychoakustische und ästhetische Thesen, die im Buch entwickelt werden.

Inhalt:

  • Geleitwort von Peter Fuchs

  • 1. Auftakt: Die Unwahrscheinlichkeit und Unbestimmbarkeit des Bewußtseins
  • 1.1 Grundsätzliches
  • 1.2 Bewußtsein in Naturwissenschaft, Philosophie und Literaturwissenschaft
  • 1.3 Soziohistorische Verortung (Inklusion/Exklusion)
  • 1.4 Beschreibung(en) des Bewußtseins
  • 1.5 Die Unumgänglichkeit einer ‚Minimalontologie‘ (‚Es gibt Bewußtsein‘)
  • 1.6 Literaturwissenschaft oder Kulturwissenschaft?
  • 1.7 Operativer Konstruktivismus, Dekonstruktion und Phänomenologie

  • 2. Das Weltvorurteil: Grenzen und Resonanzen der (akustischen) Wahrnehmung
  • 2.1 Okularzentrismus
  • 2.2 Pans Wiederkehr
  • 2.3 Wahrnehmung der Akustik – Akustik der Wahrnehmung
  • 2.4 Resonanzen und Rhythmisierung der Wahrnehmung: Differenzierungsprozesse
  • Exkurs: Rauschen
  • 2.5 Akustische Illusionen
  • 2.5.1 Der immerfort sinkende Ton: „Pitch illusions“ und „Strange Loops“
  • 2.5.2 Das Gegenwartsfenster
  • 2.5.3 Das Gleichzeitigkeitsfenster, Linksverschiebung und Gleichzeitigkeitshorizont
  • 2.5.4 Die Ereignishaftigkeit des Ereignisses: „Identifikationszeit“ oder „Ordnungsschwelle“
  • 2.5.5 Laufzeit des Schalls: Die 12-Meter-Welt des Bewußtseins
  • 2.5.6 Der Hörbereich
  • 2.5.6.1 Frequenz- und Lautstärkefenster
  • 2.5.6.2 Lautstärkeschwellen: Ruhehörschwelle und Mithörschwelle
  • 2.5.7 Die frequenzabhängige Lautstärkeempfindung
  • 2.5.8 Differenz- und Kombinationstöne (Residualtöne)
  • Exkurs: Analytik des Schalls
  • 2.5.9 Der Doppler-Effekt
  • 2.5.10 Im-Kopf-Lokalisation
  • 2.5.11 Das Gesetz der ersten Wellenfront
  • 2.5.12 Alternanten

  • 3. Form, Kalkül, System (System als Differenz)
  • 3.1 Konventionelle Systemdefinitionen und der operative Systembegriff
  • 3.2 Kalkül, Form und Operation
  • 3.3 Die Markierung der Unterscheidung („mark of distinction“)
  • Exkurs: Die Form der Dekonstruktion
  • 3.4 Anwendung auf die Systemtheorie
  • 3.5 Die (Zwei-Seiten-)Form der Kommunikation
  • 3.6 ‚System = System/Umwelt‘: Paradoxien und ihre Entfaltung

  • 4. „Grundstrukturen der Operationen des Bewußtseins“
  • 4.1 Die (Zwei-Seiten-)Form des Bewußtseins (Bewußtsein als Differenz)
  • Psychologischer Exkurs: Die differentielle Realität des psychischen Systems
  • 4.2 Operator ‚Gedanke‘
  • 4.3 Das re-entry des Bewußtseins: Epiphanie seiner selbst
  • 4.4 Im Medium der Alterität – „die Struktur der […] originären Entwendung“
  • 4.5 In Extimität
  • 4.6 Die Operation(en) des Bewußtseins (Raum, Zeit und différance)
  • 4.6.1 Das Spiel der Differenzen: die différance („entweichendes Seiendes“)
  • 4.6.2 Die Verräumlichung des Bewußtseins (innen/außen)
  • 4.6.3 Die Temporisation des Bewußtseins
  • 4.6.3.1 Operation und/vs. Beobachtung
  • 4.6.3.2 Unaufhebbare Verschiebung: Katenation der Systemereignisse
  • 4.6.3.3 Die Autopoiesis des Bewußtseins: Koproduktion von Sinn- und Naturzeit
  • 4.6.3.4 Erneut die Frage nach den Letztelementen: (T)Auto-Poiesis des Systems
  • 4.7 Bewußtsein – Sprache – Kommunikation
  • 4.7.1 Interpenetration, strukturelle und operative Kopplung: Die Spur des Anderen
  • 4.7.2 Sprache als Medium der Kopplung von Kommunikation und Bewußtsein
  • 4.7.3 Die operative Verfertigung des Bewußtseins am Medium (eine Kleistlektüre)
  • 4.7.4 Die Stimme und das Phänomen der Sprache
  • 4.7.5 ‚Rekursive Transkriptivität‘ (s’entendre parler)
  • 4.7.6 Parallele Formen: Selbst- und Fremdreferenz des Bewußtsein und der Sprache
  • 4.7.7 Das Medium des Bewußtseins

  • 5. Der Körper des Bewußtseins (Leben/Leib)
  • 5.1 Thematisierung des Körpers in der Systemtheorie
  • 5.2 Soziale Konditionierung und die Wahrnehmung des Körpers
  • 5.3 Re-entry und phänomenologische Aspekte
  • 5.4 Systemtheoretische Reformulierung (Re-Formierung)

  • 6. Die Kunst des Bewußtseins (Ästhetik/aisthesis)
  • 6.1 Realismus, Ästhetizismus, Weltkunst
  • 6.2 Wer beobachtet? Beobachtungen der Kunst und des (Kunst-) Werks
  • 6.3 Kunst, Kommunikation, Ästhetik
  • 6.4 Das Design der Kunst
  • 6.5 Adressierung, Faszination und Bindung
  • 6.6 Normalisierung: Ortho- und Heteroästhesie
  • 6.7 Phänomenotechnik (der Wirklichkeitsexperimente)

  • 7. Metempsychosis
  • 7.1 Kunst-Beobachtungen erster und zweiter Ordnung
  • 7.2 Die Kunst der Theorie
  • 7.3 Begriffsgeschichtliche Aspekte und weitere Bestimmungen
  • 7.4 Der Einzug der operativen Form des Bewußtseins
  • 7.4.1 Intensive Rezeption der Literatur: Deleuze’ „Werdensprozesse“
  • 7.4.2 Die Ästhetik der Paradoxie: Dialektik der Erschöpfung
  • 7.4.2.1 Selbstordnung und Mikrodiversität
  • 7.4.2.2 Brisuren

  • 8. Die Wahrnehmung der Kunst – ästhetische Intensität
  • 8.1 Die Sprache der (modernen) Literatur
  • 8.2 Das ‚Subjekt‘ der Literatur
  • 8.3 Atopie der Literatur: „Sphäre der Faszination“
  • 8.4 ‚Schwellenerfahrungen‘
  • 8.5 Phonetische Poesie und (elektronische) Musik
  • 8.5.1 Repetition: Differenz der Wiederholung desselben (Alternanten und ‚Loops‘)
  • 8.5.2 Phonetische Poesie: Die Aufnahme der Literatur
  • 8.5.3 (Elektronische) Musik
  • 8.5.3.1 Musik als Kommunikation? Ein a-semantisches Medium?
  • 8.5.3.2 Die Form des musikalischen Werks (Stille/Rauschen)
  • 8.5.3.3 Zeit und Ästhetik
  • 8.5.3.4 ‚Das Ich aus dem Schädel sprengen‘: Break- und Speedcore

  • 9. Ausklang

  • 10. Abbildungsverzeichnis
  • 11. Inhalt der beigelegten CD
  • 12. Literaturverzeichnis
  • 13. Literaturverzeichnis – Medien
  • 14. Nachbemerkung
  • 15. CD im Schuber

Dominik Paß, Dr. phil., geb. 1970, studierte Germanistik, Soziologie, Philosophie und Psychologie an der Universität zu Köln. Er lehrte dort Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und im Bereich Medienkulturwissenschaft. Veröffentlichungen zu Heinrich von Kleist, Thomas Bernhard, H.C. Artmann, elektronischer Musik, Germanistik und zur Deutschfachdidaktik. Zur Zeit beendet er seine Lehrerausbildung für die Fächer Deutsch, Philosophie und Praktische Philosophie.


Aus der Kritik:


Niklas Luhmanns Soziologie sah sich immer wieder mit bewusstseinstheoretischen Fragestellungen konfrontiert, eine systemtheoretische Bewusstseinstheorie existiert bislang jedoch nicht. Mit der vorliegenden Studie versucht Dominik Paß nichts Geringeres, als dieses Desiderat zu beheben. Die wichtigsten Thesen der Systemtheorie bündelnd, werden diese in Erweiterung des Formkalküls George Spencer Browns und im Anschluss an den différance-Begriff Derridas von Paß neu konturiert und integriert.
[...] Fazit: Diese Arbeit ist ein »Herkulesprojekt«, wie es nur wenige ihrer Art gibt. Paß legt mit seiner Arbeit eine kritisch reflektierte und analytisch scharfsinnige Studie vor, die nicht nur ihren eigenen Ansatz zelebriert, sondern zudem die eigenen Anschlussmöglichkeiten diskutiert und konkrete Anwendungsbeispiele mitliefert. Dennoch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Paß für eine derart komplexe Thematik wie dieser den Aufbau und Verlauf seiner Argumentation zum Teil nicht hinreichend transparent macht. Wünschenswert wäre gewesen, den bisherigen Erkenntnisstand an einigen Stellen weit gründlicher zu reformulieren als geschehen. Dieses wäre leicht über Kapiteleinführungen und -anschlüsse zu bewerkstelligen gewesen, bleibt jedoch auf einige wenige bilanzierende Fazits beschränkt.
Dies ändert jedoch nichts daran, dass die in dieser Studie erzielten Ergebnisse von hohem Erkenntniswert sind und in der nachfolgenden Theoriearbeit weitere, je kunst-spezifische Profilierung finden sollten.
Silke Benckendorff in „IASLonline“ (12 .05.08)
Vollständig unter: http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=2678