Neuerscheinung 

Wolfgang Asholt / Claude Leroy (Hgg.)

Die Blicke der Anderen
Paris – Berlin – Moskau

Reisen Texte Metropolen, Bd. 2


2006, 442 Seiten, kart. EUR 36,-
ISBN-10: 3-89528-585-4
ISBN-13: 978-3-89528-585-1
 

Die Metropole ist im 20. Jahrhundert zentraler Ort für Fremdwahrnehmung und Selbstreflexion. In dem Sammelband suchen die 24 Beiträge nach Perspektiven auf das »Andere« und »Fremde« in der Reiseliteratur. Dabei fragen sie nach den Bedingungen für das Entstehen und die Verwendung jener Stereotypen und Sichtweisen, die das Bild der drei Metropolen bestimmt haben und womöglich noch heute mitbestimmen: Paris als die gewesene »Hauptstadt des 19. Jahrhunderts« (Walter Benjamin), Berlin als die in der kurzen Gegenwart der Zwischenkriegszeit ›modernste‹ Stadt des alten Kontinents, Moskau als Sinnbild einer sich in Verwirklichung befindlichen ›roten Utopie‹, die sich anderen als Terror darstellte.

Inhalt:

  • Zur Reihe
  • Wolfgang Asholt: Einleitung: Die Blicke der Anderen

  • Historisch-soziale und literarisch-strukturelle Kontexte
  • Hans Manfred Bock: Reisen zwischen Berlin und Paris in der Zwischenkriegszeit. Ein historisch-soziologischer Überblick
  • Ottmar Ette: Lesen ohne Ende, Reisen ohne Ziel. Bewegungsmuster und Formen fraktalen Schreibens bei Blaise Cendrars
  • Wolfgang Asholt: Reiseliteratur und Fiktion

  • Reisen in die Zukunftsgesellschaft?
  • Walter Fähnders: ›Amerika‹ und ›Amerikanismus‹ in deutschen Rußlandberichten der Weimarer Republik
  • Wolfgang Klein: »Zug von Abenteuer. Ständig Unerwartetes.« Marguerite und Jean-Richard Blochs Reise in die Sowjetunion von August bis Oktober 1934
  • Karlheinz Barck: Eine Radiographie des Stalinismus. Corrado Alvaros Rußlandreise 1934
  • Inka Zahn: Französischsprachige Reiseberichte über Moskau in der Zwischenkriegszeit: Dokument oder Fiktion?
  • Christine Jérusalem: In Russland: Die Glasfensterkunst bei Olivier Rolin
  • Olivier Rolin: Images de Saint-Pétersbourg

  • Reisen in die literarisch-künstlerische Metropole
  • Elena Galtsova: Vom Spleen zum Tanz. Paris in den unveröffentlichten Erinnerungen von Valentin Parnak La Pension Maubert

  • Reisen in die (unheimliche) Moderne
  • Nils Plath: Vorbilder nachher: Berlin als Chicago, New York, nicht Paris
  • Evgenyi Ponomarev: Die Entstehung sowjetischer Reiseberichte
  • Myriam Boucharenc: Die Verabschiedung der Nächte
  • Claude Leroy: Ein Deutschland der Imagination
  • Margarete Zimmermann: Zwischen Cagliari und Giraudoux: René Trintzius’ Roman Deutschland (1929)
  • Friedrich Wolfzettel: Italienische Reisende in Berlin und die Rezeptionsetappen der Modernität
  • Jacques Dubois: Henri Béraud und die aufgewühlten Hauptstädte
  • Galina A. Time: Die Reisen der Russen in den Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Wege einer neuen Selbstfindung
  • Michel Collomb: Im Großstadttrubel auf der Friedrichstraße … Wie Louis Aragon und René Crevel die Berliner Moderne erleben
  • Jean-Philippe Toussaint: Berliner Fußnote

  • Literarisch-künstlerische Mittlerfiguren
  • Marie-Paule Berranger: Der entblätterte Arp
  • Jean-Carlo Flückiger: Yvan Goll, ein Mittler zwischen den Kulturen

  • Erzwungene Reisen und Nationalitäten
  • Michail Ryklin: Aufgezwungene Nationalität
  • Georges-Arthur Goldschmidt: Deutschlands verlorene Seele

  • Zu den Autorinnen und Autoren

Wolfgang Asholt ist Professor für Romanistik an der Universität Osnabrück.

Claude Leroy ist Professor für Französische Literaturwissenschaft an der Universität Paris X-Nanterre.


Dieser Band ist auch als Sonderband 35 der Schriftenreihe Recherches Interdisciplinaires sur les Textes Modernes (ritm) der Université Paris X – Nanterre in französischer Übersetzung erschienen: „Paris – Berlin – Moskau. Regards croisés (1918-1939)“ (Paris 2006).


Aus der Kritik:


Konferenzbericht
Reisebewegungen zwischen Moskau, Berlin und Paris in den Jahren 1918-1938 waren der Gegenstand eines Forschungsprojekts, das von dem Germanisten Walter Fähnders, den Romanisten Wolfgang Asholt und Wolfgang Klein (alle Universität Osnabrück) und dem Slawisten Wolfgang Stephan Kissel (Universität Bremen) geleitet wurde. Das Projekt fokussierte auf die drei Hauptstädte, die in diesen Jahren unbestritten die bevorzugt konsultierten Indikatoren des europäischen Zustands waren. Da es nicht einfach nur pragmatische, Mobilitäts- oder Verkehrsgeschichte im Sinn hatte, richtete sich sein Interesse zunächst auf die schriftlichen (von dort aus auch die kulturellen und künstlerischen) Sedimentierungen der damaligen Bereisung von Moskau, Berlin und Paris und die darin sich abzeichnende Wahrnehmung dieser Metropolen. Modellhaft nimmt sich die Verwirklichung des Projektierten aus. Innerhalb von knapp zweieinhalb Jahren haben die Forscher drei Kolloquien auf die Beine gestellt, von denen die beiden ersten (die 2004 in Osnabrück bzw. Cerisy stattfanden) bereits als Aufsatzbände dokumentiert sind.
Die Vorträge der Abschlusstagung waren kenntnisreich, sachlich und intensiv. Tonangebend dafür war die key note speech von Erhard Schütz (Humboldt Universität Berlin) über Berlin-Darstellungen als Paradigma für eine europäische Moderne. Schütz entfaltete ein breites, plastisches und detailliertes Panorama der literarisch-zeitdiagnostischen Berlin-Darstellungen zwischen dem Ende des Ersten und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. Nach 1918 erschien Berlin zumal den aus der Fremde Angereisten als Experimentierfeld eines aufgeladenen Nationalismus. Galten die modernen Metropolen überhaupt als Schule zur (Schärfung der) Wahrnehmung des Heterogenen, so besonders Berlin, das von vorbeiziehenden wie verharrenden Besuchern, Reiseschriftstellern wie Korrespondenten als amerikanisierte Stadt wahrgenommen wurde. Die Schlagworte schwirrten durch die Blätter: Berlin als Betrieb und Fabrik, als Stadt des Tempos, in der selbst das Vergnügen eine Industrie, die Freizeit zur Arbeit wird, als Fokus der Weltwirtschaftskrise, als hypermobiles Nomadenlager, als Ort und Quelle einer multikulturellen Modernität. […]
Justus Fetscher in „Zeitschrift für Germanistik“ (1/2007)