Neuerscheinung 

Christoph Hesse

Filmform und Fetisch


2006, ISBN 3-89528-565-X,
278 Seiten, kart. EUR 34,80
 

Form ist »das gewisse Etwas, ohne das es keine Kunst gibt«, schrieb Boris Ejchenbaum. Autoren wie David Bordwell und Kristin Thompson haben diesen Begriff seit den achtziger Jahren für die Filmtheorie aktualisiert, um damit insbesondere »das gewisse Etwas« ins Auge zu fassen, das die Filmkunst von anderen Kunst- und Kommunikationsformen unterscheidet. Dieser als Neoformalismus bezeichnete Ansatz, von dem Thompson sagt, daß er nicht die Welt erklären, sondern etwas über die Funktionsweise fiktionaler Filme aussagen will, gehört inzwischen zu den prominentesten in der internationalen Filmforschung. Dem entgegen steht eine Tradition kritischer Theorie, die als »système à la mode« aus strukturaler Semiotik, Psychoanalyse und Ideologiekritik die Diskussionen der siebziger Jahre dominierte und deren Überbleibsel einem in der Filmtheorie heute als postmoderne Kulturwissenschaft begegnen.
In diesem Buch wird der Versuch einer »rettenden Kritik« (W. Benjamin) des Neoformalismus unternommen. Es soll dem kritischen Potential der neoformalistischen Filmanalyse selbst nachgegangen und einige ihrer zentralen theoretischen Einsichten der Deutungshoheit jener Tradition konfrontiert werden. Exemplarisch anhand des Fetischbegriffs wird gezeigt, was ein solcher formanalytischer Zugang zur Entzauberung auch der bisher damit befaßten Filmtheorien beitragen kann. Wenn das Kino eine Traumfabrik ist – so kann man das Programm dieser formalistischen Kritik knapp zusammenfassen –, dann ist die Filmform die Traumarbeit, welche die filmische Vision erst produziert und zugleich im fertigen Phänomen verschwindet.

Inhalt:

  • Einleitung

  • 1. Film und Form: Allgemeine Überlegungen
  • 1.1. Subjekt/Objekt
  • 1.2. Form/Inhalt
  • 1.3. Form/Norm
  • 1.4. Kunst/Kommunikation

  • 2. Neoformalismus I

  • 3. Formalismus/Neoformalismus
  • 3.1. Rückblende: Russischer Formalismus
  • 3.2. Zur Filmtheorie der russischen Formalisten
  • 3.3. Form Wars: Science as fiction

  • 4. Neoformalismus II
  • 4.1. Ansatz: Logik
  • 4.2. Verfremdung durch Verfahren: Film als Kunst
  • 4.3. »Here’s looking at you, kid«: Zur Filmarbeit des Zuschauers
  • 4.4. Film-Erzählung
  • 4.5. Lesen/Verstehen
  • 4.6. »Wo Es war, soll Ich werden«: Zur neoformalistischen Kritik der Psychoanalyse

  • 5. What form?
  • 5.1. Film-Sprache und Zeichen
  • 5.2. Konvention

  • 6. Form und Norm: Zur Entwicklung der Filmformen
  • 6.1. Die filmische Norm
  • 6.2. Hollywood rules the waves
  • 6.3. Evolution
  • 6.4. Exkurs: »Eisenstein, Griffith und wir«
  • 6.5. Vorgeschichte
  • 6.6. Antithese: Balázs’ ›Kunstphilosophie des Films‹
  • 6.7. Stereotypie
  • 6.8. Observing by watching: Filmgeschichte als Stilgeschichte

  • 7. Fetisch
  • 7.1. Fetisch I: Freud
  • 7.2. Fetischismus und Kino
  • 7.3. Film und Fetisch
  • 7.4. Fetisch II: Marx
  • 7.5. Fetischcharakter und Kultur-Waren: Adorno
  • 7.6. Warenform und Filmform?
  • 7.7. Film-Wahrnehmung
  • 7.8. Zum Gebrauchswert der Filmware
  • 7.9. Filmform

  • 8. Das Unbehagen in der Kulturindustrie
  • 8.1. Natürlich, Hollywood
  • 8.2. MassenKulturIndustrie
  • 8.3. Filmkulturindustrie

  • Schluß
  • Literatur
  • Danksagung

Christoph Hesse hat Film- und Fernsehwissenschaft, Germanistik und Philosophie in Bochum studiert (Promotion 2003) und zuletzt mit Wolfgang Beilenhoff an einer Neuausgabe der Texte der russischen Formalisten zum Film gearbeitet (Poetika Kino. Theorie und Praxis des Films im russischen Formalismus, Frankfurt a.M. 2005).



Aus der Kritik:

[...] Hesses Buch ist ein sehr wichtiger Beitrag zu aktuellen Diskussionen über den Film, auch über die klassische Filmtheorie und Filmwissenschaft hinaus. Dabei ist besonders hervorzuheben, dass dem Buch eine klare und nachvollziehbare Gesamtdarstellung der neoformalistischen Wisconsin-School gelingt. [...]
Tobias Ebbrecht in „Filmblatt“ (35, Herbst 2007)