Anna-Christine Brade

Kundry und Stella

Offenbach contra Wagner


1997, ISBN 3-89528-168-9,
160 S., kart. EUR 19,50
 

Richard Wagner (1813-1883) quälte sich zwanzig Jahre lang, noch kurz vor seinem Tod, mit der Konzeption der Frauengestalt ‚Kundry‘ in seinem Opus ultimum Parsifal. In Kundry fokussiert sich Wagners verblendete Vorstellung von der hysterischen, jüdischen und mythischen Frau.

Jacques Offenbach (1819-1880) beschäftigte sich zur selben Zeit, ebenfalls in seinem Opus ultimum, mit dem Frauenbild seiner Zeit. Musikalisch zeichnet er die Figur der ‚Stella‘ in Hoffmanns Erzählungen als seelenlose, ehrgeizige, kurtisanenhafte Frau und entlarvt damit eine zentrale Projektion der bürgerlichen Gesellschaft.

Die musikwissenschaftliche Analyse weist nach, daß in ‚Kundry‘ und ‚Stella‘ zwei grundverschiedene musikdramatische Positionen gipfeln. Zugleich werden die Frauenbilder der beiden Komponisten und ihrer Zeit neu bestimmt.

Inhalt:

  • 1. Einleitung

  • Teil I. Stationen einer lebenslangen Spannung zwischen Wagner und Offenbach – Für und gegen das ‚Kunstwerk der Zukunft‘

  • 2. ‚Ein deutscher Musiker in Paris‘ – Auseinandersetzung beider Komponisten mit Meyerbeer

  • Exkurs: Wie antisemitisch durfte Wagner zur Zeit der Kundry-Schöpfung sein? Zum ‚Judenthum in der Musik‘ von 1850 und 1869

  • 3. Ausbruch der offenen Feindschaft zwischen Wagner und Offenbach 1861 in Paris
  • 3.1 Venus contra Eurydice – Die erotischen Frauen der Mythologie
  • 3.2 „Man wird eben allmächtig, wenn man mit der Welt nur noch spielt“. Aspekte der dramatischen Konzeption bei Wagner und Offenbach

  • 4. Feindliches und Rätselvolles in der Beziehung beider Komponisten vor ihrem Tode

  • Teil II: Die dramatische Konzeption der Frauenfiguren im ‚Parsifal‘ und ‚Les Contes d’Hoffmann

  • 5. Kundry, Wagners ‚originellste Frauengestalt‘
  • 5.1 Entstehungsprozeß des weltdämonischen Weibes
  • 5.2 Kundry, die Namenlose – Personifizierung des weiblichen Geschlechts
  • 5.3 Kundrys Schuld: Ihr Lachen
  • Exkurs: Kundry, der weibliche Ahasverus
  • 5.4 Kundrys Bestrafung: Das Leiden der Liebesverführung über die Männer zu bringen
  • 5.5 Der Mythos Kundry: Die Idee Wagners von der Frau

  • 6. Stella, die große Unbekannte: Projektion der seelenlosen, ehrgeizigen, kurtisanenhaften Frau
  • 6.1 Die Manifestation der musikalisch-sinnlichen Anwesenheit Stellas im 1. Akt der Oper
  • a) Der Liebesbrief Stellas an Hoffmann
  • b) Die dramatische Funktion des Liebesbriefes in ‚Les Contes‘
  • 6.2 Die Substituierung der Stimme Stellas im 1. Akt
  • a) Der Akkord
  • b) Das Instrument
  • 6.3 Offenbachs doppeldeutiger Diskurs zum Gesang der Stella: das Beispiel Antonia
  • a) Der ‚innere Gesang‘ der Antonia
  • b) Antonia, die scheinbar Liebende
  • c) Antonia, die scheinbar Singende
  • d) Antonia, die scheinbar Ehrgeizige

  • 7. Schlußbetrachtung

  • Bildnachweise
  • Literatur

Anna-Christine Brade, Jahrgang 1944, Dr. phil., studierte Musikwissenschaft, Musikethnologie und Geschichtswissenschaft in Berlin und Göttingen. 1972-1976 arbeitete sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Johann-Sebastian-Bach-Institut. Seit 1980 vertritt sie am Oberstufenkolleg der Universität Bielefeld das Fach Musikwissenschaft. Schwerpunkte ihrer Veröffentlichungen sind die Musik in der NS-Zeit, Komponistinnen im 20. Jahrhundert, Synkretismus in der Musik Südamerikas.